Nr. 36/2013 vom 05.09.2013

«Lucky Overseas», «Real Cool» und «Wanderlust»

Der Schweizer Treuhänder Beda Singenberger ist in den USA wegen Verschwörung und Beihilfe zum Steuerbetrug angeklagt, mehrere seiner KlientInnen sind inzwischen rechtskräftig verurteilt. Eine Spurensuche.

Von Daniel Stern

Es ist eine ziemlich fiese Geschichte, die die Staatsanwaltschaft des südlichen Bezirks im US-Bundesstaat New York über Beda Singenberger verbreitet und die weltweit von Nachrichtenagenturen und Zeitungen genüsslich kolportiert wurde: Der Zürcher Treuhänder soll eine KundInnenliste mit über sechzig Namen – wohl aus Versehen – einem Klienten in den USA geschickt haben. Auf der Liste sei einsehbar, für wen Singenberger mit welchen Scheinfirmen Gelder auf welchen Schweizer Bankkonten verstecke, sagt die Staatsanwaltschaft. Auch soll auf der Liste verzeichnet sein, wann Singenberger seine KundInnen zuletzt besucht habe. Der Empfänger habe die Liste der Steuerfahndung übergeben.

Die Staatsanwaltschaft behauptet, dank der Liste sei es möglich geworden, verschiedene von Singenbergers KundInnen anzuklagen. Er selbst wurde im Juli 2011 wegen Beihilfe und Verschwörung zur Steuerhinterziehung angeklagt. Insgesamt 184 Millionen US-Dollar habe er versteckt. Singenberger schweigt gegenüber der Öffentlichkeit zu den Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft. Die Geschichte mit der angeblichen Kundenliste hat er jedoch kürzlich via seinen Anwalt Andreas Ritter im «Tages-Anzeiger» dementieren lassen. Er habe nie eine solche Liste verschickt.

Nicht dementiert hat Singenberger allerdings bis jetzt die Anschuldigung, dass er daran beteiligt war, unversteuerte Gelder aus den USA auf Konten verschiedener Schweizer Banken zu platzieren. Gemäss verschiedenen Anklageschriften der US-Staatsanwaltschaft richtete Singenberger so etwa Konten bei der UBS und der CS als auch bei Julius Bär, der Schweizer Filiale der Liechtensteiner Landesbank, einer Kantonalbank und der inzwischen untergegangenen Bank Wegelin ein.

Scheinfirmen rund um den Erdball

Singenberger und seine wenigen Angestellten fungierten von einem Büro in einem Wohnhaus in Zürich-Wiedikon aus offenbar als eine Art Schaltstelle. Mithilfe von Scheinfirmen in Liechtenstein, auf den Virgin Islands, in Panama und Hongkong soll er für seine KundInnen verschachtelte Strukturen gezimmert haben im Bestreben, die Herkunft der Gelder auf den Schweizer Bankkonten zu vertuschen. Manchmal wählte er ziemlich lustige Namen für seine Firmen: etwa Real Cool Investments oder Wanderlust Foundation, Lucky Overseas Ventures und Ample Lion. Auf Panama war er an mindestens 28 Firmen beteiligt, darunter einer Chameleon Overseas Service und einer Wigwam International.

Verschiedene KundInnen Singenbergers sind in der Zwischenzeit bereits vor Gericht erschienen: Im Januar 2012 wurde etwa der geständige Krebsforscher Michael Reiss zu acht Monaten Haft in Halbgefangenschaft und 1,2 Millionen US-Dollar Busse verurteilt. Ausserdem muss er 400 000  Dollar Steuern nachzahlen. Reiss versteckte ab dem Jahr 2000 rund 2,5 Millionen Dollar auf einem Konto bei der UBS. Singenberger soll ihm 2003 gemäss der US-Staatsanwaltschaft geholfen haben, dieses Geld zur Bank Wegelin zu transferieren. Um den Eigentümer des neuen Kontos zu verschleiern, wurden eine Liechtensteiner Stiftung unter dem Namen Floranova und eine Hongkonger Scheinfirma unter dem Namen Upside International dazwischengeschaltet.

Von der UBS empfohlen

Im Mai dieses Jahres wurde das Ehepaar Leon Fredrick und Patricia Lynn Hough vor einem Gericht in Fort Myers (Florida) verurteilt; auch sie gehörten zu Singenbergers Kundschaft. Das Paar hatte einen zweistelligen Millionenbetrag auf Schweizer Bankkonten versteckt, den sie unter anderem durch den Verkauf von Liegenschaften und Anteilen an zwei Ausbildungsstätten für medizinisches Personal erwirtschaftet hatten. Singenberger soll den beiden mehrere Konten bei der UBS eingerichtet haben und soll auch daran beteiligt gewesen sein, die Gelder 2008 auf Konten anderer Banken umzuschichten, etwa zur Liechtensteiner Landesbank wie auch zu einer Kantonalbank. Die Staatsanwaltschaft stützte sich in ihrer Anklage unter anderem auf einen umfangreichen Mailverkehr mit der UBS. Insgesamt fünfmal wurde die Bank angewiesen, Singenbergers Firma Sinco Treuhand AG Honorare zu überweisen. Singenberger war gemäss dem Mailverkehr daran beteiligt, dem Ehepaar von mehreren ihrer Konten diskret Gelder, etwa für einen Hauskauf, zu überweisen. Über das Strafmass gegen die beiden Verurteilten wurde bislang noch nicht entschieden, doch sie könnten für mehrere Jahre hinter Gitter kommen. Leon Fredrick ist laut neusten Gerichtsakten inzwischen untergetaucht.

Ein Million Dividende

Oft waren es KundenberaterInnen von Banken, die US-BürgerInnen die Dienste von Singenberger vorschlugen. So soll etwa der in den USA ebenfalls angeklagte ehemalige UBS-Banker Hans Thomann dem Armeearzt Michael Canale empfohlen haben, sich an Singenberger zu wenden, nachdem Canale von seinem verstorbenen Vater über eine Million Dollar geerbt hatte, die auf einem UBS-Konto versteckt waren. Singenberger soll dem militärisch dekorierten Arzt eine Liechtensteiner Stiftung eingerichtet und sein Geld später auf ein Konto bei der Bank Wegelin transferiert haben. Canale ist inzwischen zu sechs Monaten Gefängnis und 400 Stunden Gemeindearbeit verurteilt worden. Dazu muss er 100 000 Dollar Busse zahlen und 216 000 Dollar Steuernachzahlungen.

Singenbergers Engagement für seine reichen KundInnen zahlte sich offensichtlich auch für ihn selbst aus. So machte seine Sinco Treuhand AG 2009 etwa einen Gewinn von über 3,7 Millionen Franken. Rund eine Million des Gewinns liess sich Singenberger in Form einer Dividende auszahlen, wie dem Protokoll der Generalversammlung vom 14. Mai 2010 zu entnehmen ist. Zwei Monate zuvor liess er sich auch die Teilnahme an einer Golfergala im Zürcher Nobelhotel Dolder nicht nehmen. Singenberger ist auch an der Immobilienfirma Nora beteiligt, die zwei Liegenschaften in Zürich besitzt. Seinen Wohnsitz hat Singenberger in einer steuergünstigen Schwyzer Gemeinde am oberen Zürichsee.

Als Revisor seiner Firmen fungiert ein Kollege aus der Ausbildungszeit bei der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule in Zürich. Dieser arbeitet in einem kleinen Bürogebäude in Gehdistanz zu Singenbergers Sinco Treuhand; wohl rein zufällig an derselben Adresse wie eine Abteilung der UBS sowie das Büro eines weiteren wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung in den USA angeklagten Treuhänders.

Die Anklage in den USA und die ständigen Medienberichte scheinen Beda Singenberger inzwischen zuzusetzen. Am 15. Mai 2013 hat er sein Mandat als einziger Verwaltungsrat und Direktor der Sinco Treuhand abgegeben. Allerdings liess er sich an dieser Versammlung zum «Ehrenpräsidenten» wählen, wegen seines «grossen und unermüdlichen jahrzehntelangen Einsatzes zum Wohle der Firma und aufgrund seiner grossen Verdienste». Auch für mehrere seiner Firmen in Panama zeichnen inzwischen seine Nachfolger bei der Sinco verantwortlich.

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