Nr. 36/2013 vom 05.09.2013

Ursli und die wunderschöne Dialektik

Von Stefan Howald

Diese Trycheln hallen noch aus der Kinderzeit in den Ohren nach. Zusammen mit «Pitschi», «Globi» und «Papa Moll» zählt der «Schellenursli» zur eisernen Ration an Schweizer Bilderbüchern – die jeweils beträchtlich durch deutsche Kinderbücher und Übersetzungen alimentiert worden ist. Der Ursli lebt in Guarda im Unterengadin und will für den Volksbrauch des Chalandamarz eine grössere Treichel. Also macht er sich allein in die Alphütte auf, wird vermisst, gesucht, kehrt glücklich mit einer grösseren Glocke zurück. Mit Texten von Selina Chönz und vom Künstler Alois Carigiet illustriert, machte das 1945 erschienene Buch eine einfache Geschichte sinnlich, eingängig und kräftig. Ewig lockt der Firn, und immer wieder lassen wir uns von den Farben von Menschen, Tieren und Natur betören.

Nun hat Hartmut Abendschein den Ursli in unsere Zeit geschubst, zuweilen auch gezerrt, und zwar gleich auf zweierlei Art: mit einem «Schellendiskursli» und einem «Schellenexkursli». Das ist nicht billig aktualisiert, sondern ein überwältigendes Vergnügen. Im «Schellendiskursli» stellt Abendschein – entlang von Kinderzeichnungen zum «Schellenursli» – jeweils zwei Zehnzeiler auf eine Seite. Ein Feuerwerk an Einfällen zündet und knallt und leuchtet, eine Wortkaskade stürzt über die Seiten und die Zeilenenden hinweg. Das «Schellenexkursli» nähert sich dem Buch analytisch. Alle interpretatorischen Werkzeuge und Kunstgriffe werden eingesetzt: Diskurstheorie, Psychoanalyse, Literaturgeschichte, historischer Materialismus, Kommunikationstheorie. Ein grandioser wissenschaftlicher Ulk auf höchstem Niveau.

Nachdem wir durch die gewaltigen Wortgebirge und Gedankenschluchten von Hartmut Abendschein gewandert sind, wird uns noch eine «Schellendisko» von Elisabeth Wandeler-Deck vorgesetzt. Sie sucht zu analysieren, wie Abendschein den Schellenursli poetisiert und analysiert hat; sie setzt also noch einen drauf und meint, beim Buch gehe es um einen «Schlüsseltext» über die in die Berge vordringende Moderne. Abendschein hat «Schlüsseltext» im Zusammenhang mit der verschlossenen Tür des Maiensässes witzig umspielt. Wandeler-Deck nimmt Abendscheins Sprachlust ernst. Das ist nicht lustig. Ansonsten aber: ein glockenhell klingendes Vergnügen.

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