Nr. 36/2013 vom 05.09.2013

A bitzle Geld und doppelt Häs

Sie galten lange Zeit als die SklavInnen habgieriger oberschwäbischer BäuerInnen. Ganz so schlimm war es dann aber doch nicht. Eine Reihe von Wanderführern zeigt, was die «Schwabenkinder» durchlebten.

Von Pit Wuhrer

Über Jahrhunderte hinweg zogen sie zu Tausenden ins Oberschwäbische. Sie kamen im Frühjahr aus Südtirol, Graubünden, Tirol, Vorarlberg und dem St. Galler Land, marschierten über Pässe, schneebedeckte Hügel und Pfade an den Bodensee, verdingten sich auf den Kindermärkten von Ravensburg und Friedrichshafen an einen Bauern – und kehrten im Herbst wieder heim. «Schwabenkinder» nannte man die Kleinen, die manchmal Jahr für Jahr von zu Hause wegzogen, weil die oft bitterarmen Familien dann einen Mund weniger stopfen mussten. Immerhin kamen so während des Sommers oberschwäbische Bauernfamilien für die Kinder auf, die dafür von früh bis spätnachts das Vieh hüten, die Ställe ausmisten, das Haus putzen und die Gänse rupfen mussten. Viel zu lachen hatten sie nicht; sie wurden ausgebeutet, misshandelt, mitunter sexuell missbraucht.

Begonnen hatten die ersten Trecks im 17. Jahrhundert, und sie dauerten bis ins 20. Jahrhundert hinein. Oberschwaben – das Gebiet zwischen Bodensee und Donau – war im Zuge des Dreissigjährigen Kriegs (1618–1648) praktisch entvölkert worden und wurde nach und nach von Österreich und der Schweiz her wieder besiedelt. Da es keine Arbeitskräfte gab, holten die NeuansiedlerInnen die Kinder der zurückgebliebenen Verwandten und Bekannten zu sich auf die Höfe. Diese vielfältigen persönlichen Beziehungen, so argumentiert der Schwabenkinder-Forscher Elmar Bereuter, waren die Grundlage für den Handel, die Wanderbewegungen der Karrner (aus Südtirol), der Sensenhändler (aus dem Montafon), der Krautschneider und eben auch der Schwabenkinder.

Reiche Höfe, späte Schulpflicht

Im Vergleich zur armen Bevölkerung in den Bergtälern hatten die Menschen in Oberschwaben erträgliche Lebensverhältnisse. Auf den fruchtbaren Böden gedieh fast alles (sogar der heikle Hopfen), die Höfe waren grösser, weil in Oberschwaben – anders als in vielen Alpenregionen – nicht die Realteilung galt, bei der das Erbe an alle Nachkommen gleichermassen verteilt wurde, sondern das Anerbenrecht: Der älteste (oder der jüngste) Sohn bekam alles. Der war auf billige Arbeitskräfte angewiesen, weil die Geschwister nur selten als Knecht oder Magd auf dem elterlichen Hof arbeiten wollten, und besorgte sich diese auf den Hütekindermärkten. Dazu kam, dass im wohlhabenderen Württemberg die allgemeine Schulpflicht früher durchgesetzt wurde (1836) als in der Schweiz oder in Österreich, wo selbst Jahrzehnte später nur winters unterrichtet wurde.

Elmar Bereuter, selbst Sohn eines Schwabenkinds und Autor des Romans «Die Schwabenkinder» (Herbig-Verlag 2002), beschreibt die sozialen und politischen Gründe für die alljährlichen Schwabenkinder-Wanderungen in den Einleitungskapiteln seiner bisher erschienenen zwei Wanderführer «Oberschwaben» und «Vorarlberg».

Er schildert eindrücklich die harten Lebensbedingungen der kleinen MigrantInnen. Er erzählt von den Sprachproblemen: Vor allem die Kinder aus der Surselva – katholisch wie die meisten Schwabenkinder – hatten grosse Verständigungsschwierigkeiten. Aber Bereuter relativiert auch. Im Vergleich zu den kindlichen ArbeiterInnen in den vorarlbergischen und St. Galler Textilfabriken hatten es die Schwabenkinder gut. Sie bekamen am Ende der Saison etwas Bargeld, zwei Paar Schuhe und ein Stück Leinenstoff für die Daheimgebliebenen. Als die österreichischen Grenzbehörden jedoch das Tuch zu verzollen begannen und den Kindern das Bargeld wegnahmen, erhielten diese von ihren Verdingherren ein zweites, auf sie zugeschnittenes Gewand («doppelt Häs») und halt nur noch «a bitzle Geld». Und so manche Schwabenkinder blieben auch im Oberschwäbischen.

Tal- und Bergwanderungen

In seinen zwei Wanderbüchern (der dritte Band zu den Schweizer Wegen der Schwabenkinder erscheint im Oktober) führt uns Bereuter durchs Montafon, über den Arlberg und den Bregenzerwald nach Bregenz (Band «Vorarlberg») und von dort und Friedrichshafen (Band «Oberschwaben») nach Ravensburg. Exakte Wegbeschreibungen, Karten, alte und neue Fotos und vor allem Zeitdokumente ermöglichen es, ein Gespür dafür zu bekommen, welch lange Märsche die Schwabenkinder zu bewältigen hatten und was sie dabei durchlebten. Besonders gelungen sind die Berichte am Rande, etwa der über den halbblinden Schriftsteller, Aufrührer und Genossenschaftsgründer Franz Michael Felder (1839–1869) aus dem Bregenzerwald.

Die von Bereuter empfohlenen Wege, deren GPS-Daten der Verlag online gratis anbietet, enden beim Bauernmuseum in Wolfegg bei Ravensburg. Dort gibt es eine Dauerausstellung zum Thema – und eine auch online einsehbare Datensammlung zu über 8000 Schwabenkindern (www.bauernhausmuseum-wolfegg.de).

PS: Als gebürtiger Oberschwabe habe ich natürlich nachgesehen, ob meine Vorfahren aus Österreich oder der Schweiz stammen. Wohl nicht. Aber die in Bereuters «Oberschwaben»-Buch aufgeführten Rezepte «aus der Zeit der Schwabenkinder» entsprechen ziemlich exakt dem, was unsere Mutter für uns kochte.

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