Nr. 38/2014 vom 18.09.2014

Die zwölf Schlachten am Isonzo

Nie zuvor – und später nur selten – gab es im Gebirge solche Gemetzel wie während des Ersten Weltkriegs in den Julischen Alpen und den Dolomiten.

Von Pit Wuhrer

Damit hatte niemand gerechnet, schon gar nicht die Rekruten, die nach dem Kriegseintritt von Rom 1915 aus Süditalien an die Front geschickt wurden. Die Generalität und der König hatten ihnen von der Verteidigung des Vaterlands vorgeschwärmt. Und da sassen nun die in Uniform gepressten Landarbeiter und Tagelöhner oft in schwindelerregender Höhe auf Bergen, von deren Existenz sie bisher nichts gewusst hatten, im Schnee, den sie nie zuvor gesehen hatten, mit unzureichender Ausrüstung und angeführt von Kommandanten, die von moderner Kriegsführung keine Ahnung hatten. Jedenfalls anfangs nicht, denn warum sonst jagte Oberbefehlshaber Luigi Cardona seine Truppen in enger Formation ins Maschingewehrfeuer?

Sie froren gottsjämmerlich in ihren hauchdünnen Uniformen, die in den klammen Unterständen nie trockneten. Sie verreckten zu Tausenden an Krankheiten, wurden von Lawinen verschüttet, kamen durch Steinschlag um und mussten oft auch noch bergan kämpfen, weil der Feind – die ebenfalls zum Kriegsdienst gezwungenen österreichisch-ungarischen Truppen – topografisch eher begünstigt war. Und warum? Weil Italien, bis Mai 1915 neutral, von der Entente mehr versprochen bekommen hatte als von den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn. Diese stellten dem italienischen Königreich das Trentino in Aussicht. Der Geheimvertrag von London (April 1915) offerierte ihm aber mehr: neben der heutigen italienischen Provinz Trentino auch das bis dahin von der k. u. k. Monarchie kontrollierte Südtirol, die Stadt Triest, Istrien, Dalmatien und einen Teil der albanischen Küste.

Um imperiale Gebietsgewinne – und nichts anderes – kämpften Hunderttausende im verheerendsten vertikalen Stellungskrieg aller Zeiten. Zwischen Juni 1915 und Oktober 1917 lieferten sie sich insgesamt zwölf Schlachten am Isonzo (slowenisch: Soca); allein bei den ersten vier Schlachten 1915 starben auf italienischer Seite 175 000 , auf österreichischer 123 000 Menschen. Sie fielen weniger dem direkten Kampf zu Opfer, sondern dem Gelände, der Witterung, den Entbehrungen und dem Minenkrieg. Vor allem in den Julischen Alpen und in den Dolomiten trieben Pioniereinheiten Stollen in den Fels, platzierten Sprengstoff und sprengten Teile des Bergs weg – in der Erwartung, den Feind zu treffen. An manchen Bergen verliefen die Stollen der einen Seite direkt unter oder neben jenen der anderen. Die Gipfel des Krn (2244 Meter) oder der Batognica (2164 Meter) liegen inzwischen einige Meter tiefer als vor dem Ersten Weltkrieg. Viele Berge in den Dolomiten sind heute noch durchlöchert. Und viele Klettersteige, Wanderwege und Strassen wurden damals zu militärischen Zwecken gebaut – unter anderem von Kriegsgefangenen.

Wer will, findet in diesem Alpenkriegsgebiet noch viele Spuren der damaligen Kämpfe: Stacheldrahtreste, Gürtelschnallen, Granatsplitter, Knochen. Seit langem schon gibt es den Sentiero della Pace, einen 500 Kilometer langen Friedensweg durch die Südtiroler und die italienischen Alpen, der einen unter anderem an der «Menschenmühle» des Pasubio (2232 Meter) vorbeiführt. Und kürzlich veröffentlichte der Rotpunktverlag den Wanderführer «Quer durch die Julischen Alpen» in seiner mittlerweile legendär guten Naturpunkt-Reihe. Wie viele Museen entlang des Dolomiten-Friedenswegs thematisiert auch dieser Band das Kriegsgeschehen vor hundert Jahren.

Woran aber all die Denkmäler, Ausstellungen und Bücher kaum erinnern, sind die politischen Konsequenzen dieses Alpenkriegs in Italien: Nach dem Chaos des Kriegs, dem Leid und den Enttäuschungen suchten viele Veteranen stabile gesellschaftliche Verhältnisse – und glaubten, sie in den Versprechungen von Benito Mussolini gefunden zu haben.

Bernhard Herold, Dagmar Kopse: «Quer 
durch die Julischen Alpen». Rotpunktverlag. 
Zürich 2014. 304 Seiten. 38 Franken.

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