Nr. 37/2013 vom 12.09.2013

Die Erotik des Hüftgürtels

Von Stefan Howald

Zum Schluss wiegt sich Gloria zum gleichnamigen Ohrwurm von Umberto Tozzi aus dem Jahr 1979, mit einem Gesichtsausdruck, der sie über weite Strecken dieses Films begleitet: etwas schläfrig, aber dahinter vermutlich doch aufmerksam. Ein Bild, das nahe an den Sexismus gerät: vegetativ sinnlich.

Tanzen ist für die 58-jährige, geschiedene Gloria (Paulina García) wichtig. Zu Filmbeginn trifft sie an einer Singleparty einen älteren Mann, mit dem sie eine heftige Affäre hat. Während fidele SeniorInnen in den letzten Jahren in Filmen gelegentlich ihr Unwesen getrieben haben, gibt es wenige Filme für die Generation der ins beste Alter kommenden Frauen und Männer, die nach gescheiterten, ausgelaugten Beziehungen wieder etwas Neues, Aufregendes suchen. Aber sind wir bald 60-Jährigen wirklich so langsam und betulich geworden, wie sich der Film «Gloria» des chilenischen Regisseurs Sebastián Lelio in vielen Grossaufnahmen dahinzieht?

Immerhin, da ist der Sex. Er muss nicht so schlecht sein, wie man dem dezenten Stöhnen der ProtagonistInnen entnehmen darf. Und wenn Gloria ihren etwas beleibten Lover vom Hüftgürtel befreit, dann hat das einen gewissen erotischen Schwung. Durch die familiären Beziehungen hangelt sie sich mehr oder weniger vorhersehbar; nur als sie nach einer durchtrunkenen Nacht allein am Strand aufwacht, gibt es ein paar starke Bilder der Verlorenheit. Leider wird ihnen die letzte Konsequenz nicht zugetraut.

Und dann ist da die Politik. Glorias neuer Geliebter arbeitete einst für die Marine, die vor vierzig Jahren den Putsch gegen Salvador Allende anführte, und betreibt jetzt einen Vergnügungspark, in dem Paintball gespielt wird. Soll man das als Ausdruck für die Dialektik von Veränderung und Stagnation in der chilenischen Gesellschaft lesen? Auf der anderen Seite doziert ein Soziologenfreund über die zeitgenössische Entfremdung; Gloria stimmt ihm zu, dass die heutige Jugend sich betrogen fühlen dürfe, und draussen zieht eine Demo mit Transparenten und Parolen vorbei. Das wirkt arg oberflächlich. Vielleicht sollten wir Zuschauenden uns doch ans private Kammerspiel halten, auch wenn es etwas betulich ist.

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