Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Ein kubanischer Revolutionär

Von Geri Krebs

Er hat den meistdiskutierten Film in Kubas Filmhistorie geschaffen: Mit «Alicia en el pueblo de Maravillas», seinem dritten Langspielfilm, wurde Daniel Díaz Torres 1991 schlagartig bekannt. Die barock ausufernde Satire über eine Theaterpädagogin und einen irren Sanatoriumsdirektor erlebte auf der Berlinale jenes Jahres ihre Weltpremiere. Als publik wurde, dass der Film aus Kuba herausgeschmuggelt worden und dort verboten war, wurde Díaz Torres zum Star. Im Juni 1991 lief der Film dann doch noch in kubanischen Kinos, wurde vier Tage später aber in einer bizarren Zensurinszenierung abgesetzt. Dem Filminstitut ICAIC, das den Film produziert hatte, drohte die Schliessung. Díaz Torres war der Rummel um seine Person peinlich: «Es urteilen Leute über einen Film, die keine Filmkritiker sind», meinte er und: «Als kubanischer Revolutionär glaubte ich immer, die Revolution sollte fähig sein, über ihre eigenen Defekte und Verirrungen zu lachen.»

Die weitere Entwicklung gab DDT, wie er genannt wurde, recht. Er wurde Dozent an der Filmhochschule und konnte nach «Alicia en el pueblo de Maravillas» sechs weitere Spielfilme realisieren. Seine Waffe waren stets der Spott, die Satire, das Lachen in Situationen, wo nichts zu lachen bleibt. Er führte das in seinem letzten Film, «La película de Ana» (2012), vor. In dieser kubanisch-österreichischen Koproduktion fabulierte er mit unbändiger Lust über die Erwartungen europäischer Koproduzenten, die einen «kritischen» Film in einem «Drittweltland» drehen wollen.

Am letzten Montag starb Daniel Díaz Torres 64-jährig in Havanna an einer Krebserkrankung, die erst vier Monate zuvor diagnostiziert worden war.

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