Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Vögeln, als wäre nichts Schmerzliches passiert

Er stellt den Machismo dar und zugleich aus: Der dominikanische, in den USA lebende Autor Junot Díaz zeigt die politische Dimension des Slangs seiner Landsleute.

Von Lennart Laberenz

Die vaterlosen Figuren von Junot Díaz sind oft damit beschäftigt, in der Schule zu scheitern, sich an Mutters Herd zu wärmen und junge, hübsche Frauen abzuschleppen.

Díaz, Silvester 1968 in Santo Domingo, Hauptstadt der Dominikanischen Republik, geboren, emigrierte mit sechs Jahren nach New Jersey. In seinen Erzählungen aus dem Sammelband «Drown» (1996), dem Pulitzerpreis-gekrönten Roman «The Brief Wondrous Life of Oscar Wao» (2007) und dem nun ins Deutsche übertragenen Erzählband «Und so verlierst du sie» geht es häufig um Männer, die aus der Dominikanischen Republik nach New Jersey ausgewandert sind. Männer, die auf Frauen starren.

«Und so verlierst du sie» führt uns erneut in die Welt der Jungs, die im fiktiven London Terrace und im recht realen New Jersey leben. Díaz siedelt seine Geschichten dort an, wo vor allem seit 1990 die Zuwanderung aus der Dominikanischen Republik stark gestiegen ist. Offiziell lebt fast eine Million DominikanerInnen in New York und New Jersey. Wiederkehrende Protagonisten sind Yunior und sein älterer Bruder Rafa, die wir aus früheren Erzählungen kennen, aber auch die Ich-Erzähler, die zwischen Affäre und Beziehung mäandern.

Leere und Sehnsucht

In der wunderbar beiläufigen Erzählung «Flaca» leuchtet ein zentrales Thema auf: «Dann haben wir gevögelt, damit wir so tun konnten, als wäre gerade nichts Schmerzliches passiert.» Schmerzen, Leere, der Blick auf eine wenig aussichtsreiche Zukunft werden bei Díaz oft «weggevögelt»; auch die Sehnsucht nach einer zum Sommerideal geronnenen Heimat, die kalten Winter und die kalten Schultern, die ImmigrantInnen in den USA zu sehen bekommen.

Díaz schreibt aus einer spezifischen Sicht: der von Männern, die sich wie Jugendliche benehmen, denen Beischlaf das höchste Gut ist. Gelegentlich ist die Perspektive auch die eines kleineren Bruders, der noch in dieses Spiel hineinwächst. Die Erzählungen triefen von einer Kultur, die Rafa am besten ausdrückt, indem er folgendermassen auf einen Spötter antwortet: Als dieser in der Erzählung «Miss Lora» ruft: «Du würdest jede vögeln», antwortet Rafa: «Du sagst das, als wäre es etwas Schlechtes.»

Hier verhandelt ein Erzähler auch ironisch-lapidar den Machismo, ohne sich hinabzubeugen oder sich moralisch aufzuschwingen. Díaz spinnt ein feines Gewebe aus Slang, Ironie, Pop und hoher Literatur.

Der Grund für die Popularität von Díaz in den USA ist, dass er anknüpft an die Sprach- und Erzählevolution durch Zuwanderung. Diese Erzählform hat eine politische Dimension, die offen ist für Sprachspiele und Blicke der MigrantInnen. Zugleich kommt Díaz in seinen Erzählungen nie protzig daher. So bleibt einer der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller und Akademiker, dennoch im New Jersey der EinwanderInnen und der Coolnessgesten verwurzelt. Die Erzählungen, in denen Nähe verweht und selbst verschuldete Beziehungsbrüche überblickt werden, tauchen durch die verschiedenen Sprachfärbungen in ein differenziertes Licht.

Zuweilen wechselt die Erzählperspektive abrupt. Was vorher mitschwingt, wird zentral: In der Erzählung «Otravida, Otravez» blickt Díaz aus der Perspektive einer Frau auf die Welt aus Männern, Winter und Ablehnung. Er wechselt von den coolen Haltungen zur harten Arbeit, die MigrantInnen in den USA verrichten, es geht ums Ankommen und Eingliedern. Denn während Jungs oft herumhängen, regeln die Frauen die Dinge, erledigen viel von der bitteren Arbeit, schmeissen den Haushalt. Obendrein gibt es das Machogequatsche gratis. Yasmin ist mit Ramón zusammen, verdient «so viel wie eine Amerikanerin, aber es ist ein Knochenjob». Ramón ist älter und hat noch eine Frau in der warmen Heimat.

Genau und ohne Pathos

«Wir sind hier nicht zum Spass»: Yasmins Aussage ist in jeder Erzählung mindestens Beigeschmack. In «Otravida, Otravez» wird sie ausgearbeitet. Wer zuvor den politischen Charakter ob der Ironie und der scheinbar oberflächlichen Dimension der Plots übersehen hat, wird nun direkt damit konfrontiert. Dabei ist der Ton zurückhaltend und genau, ohne politisches Pathos. Ein Abteilungsleiter zieht die Akte einer verschwundenen Kollegin hervor und zerreisst sie: «the cleanest of sounds». Aus dem lapidaren Ton spricht eine mit bitteren Erfahrungen gesättigte Stimme, nicht eine politische Perspektive, die übergestülpt wird.

Díaz verschränkt drei Ebenen miteinander: die Welt der schlecht bezahlten, schmutzigen Arbeit, die von MigrantInnen erledigt wird, den Versuch des Aufstiegs und das Verhältnis von Männern und Frauen bei alledem. Ramóns Wäsche riecht nach Hefe aus der Backfabrik, seine Hände «schmecken nach Keksen und Brot – die ganzen drei Jahre, die wir zusammen sind». Kaum überraschend: Der Traum vom Aufstieg ist bürgerlich. Ramón will ein Haus kaufen, denn «mit einem eigenen Haus in diesem Land fängt das Leben an».

Díaz verleiht der Erzählung von Yasmin und Ramón eine Dringlichkeit, weitab von Brüsten und unsortiertem Beischlaf. Der Blick auf die USA durch die mit wenig Mitteln Eingewanderten ist erschütternd. Dabei unterschlagen Díaz’ Figuren Rassismus und Bigotterie der EinwanderInnen untereinander keineswegs, nichts klingt versöhnlich. Und so hat die Suche nach Haus und Heim, nach einem Netz aus Freundschaft und Loyalität etwas sehr Berührendes. Gerade im Kontrast zu der Welt, in der sich diese Suche behaupten muss, einer Welt aus Geld, Gleichgültigkeit und sozialer Ausgrenzung.

Dennoch ist Junot Díaz letztlich Optimist. Auch hier umschifft er alles Pathos. Yasmin klingt eher nach resolut in die Hüften gestemmten Händen: «Hier passiert eine Katastrophe nach der anderen – aber manchmal kann ich unsere Zukunft klar sehen und sie ist gut.» Es geht um mehr als Hintern.

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