Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Schweigen heisst «Macht mal!»

Zu Besuch auf dem Hof in der Provence, wo rund dreissig Jugendliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einst die erste Longo-Maï-Kooperative gründeten. Ein Auszug aus dem dieser Tage erscheinenden Buch zum Jubiläum.

Von Andreas Schwab

September 2008, der erste Abend in Grange Neuve, Gemeinde Limans. Wir werden empfangen wie Gäste, die man versorgt, und nicht wie lästige Eindringlinge. Diese einfache, wie selbstverständliche Gastfreundschaft mag von der landwirtschaftlichen Tradition von Longo Maï herrühren und ist Teil der gelebten Solidarität. Ob ein oder zwei Mäuler mehr zu stopfen sind, macht auf einem Bauernhof keinen grossen Unterschied.

Albert Widmer, ein Basler Pfarrerssohn, der 1973 zu den 25 Longo-Maï-GründerInnen gehörte, kümmert sich um uns, reicht uns die Schüsseln und erzählt uns von der Herkunft der aufgetischten Speisen. Der Schweinebraten, die Kartoffeln und das Gemüse stammen aus eigener Produktion. Es schmeckt uns.

Albert stellt uns seiner Frau Martina vor. Sie ist Schweizerin und ebenfalls in den Anfangsjahren zu Longo Maï gestossen. Die beiden haben drei Kinder, die alle nicht mehr in der Kooperative leben: Leo arbeitet in Marseille als Elektriker, Jeanne ist Kindergärtnerin und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Forcalquier, Olga ist als Dokumentarfilmerin in Paris tätig. Sie sind in die normale Schule in Limans gegangen und später – wie fast alle Kinder von Longo Maï – in ein Internat, da die Distanzen für das tägliche Pendeln zu weit waren. Wir unterhalten uns über die Fahrt, über die unterschiedliche Art des Landwirtschaftens in der Schweiz und in Frankreich und über Martinas Kampf für den Erhalt alter Pflanzensorten. Sie erzählt uns von einem Kongress über Saatgut in der Schweiz, an dem sie vor kurzem ein Referat gehalten hat. Trotz aller Gastfreundschaft ist eine gewisse Reserviertheit bei den beiden spürbar. Sie sind vorsichtig. Ob das von den schlechten Erfahrungen mit der Presse herrührt?

Der geschichtsträchtige Versammlungssaal, ein rustikaler Raum mit rötlichem Plattenboden, besteht aus zwei Ebenen, die durch eine Holztreppe verbunden sind. Die meisten Personen sitzen im unteren, grösseren Teil beim Essen; an der Wand ein mit Sichtsteinen gefasster offener Kamin, in dem verkohltes Holz und Asche liegen. Im oberen Teil des Raums, einer Art Empore, turnen Kinder herum, ein Geländer gibt es nicht. «Einmal ist ein Hund heruntergestürzt», erzählt Albert. «Ihm ist erstaunlicherweise nichts passiert, er hat sich geschüttelt und ist davonspaziert.» Ein andermal fiel während des Essens ein Stuhl auf den Tisch. Auch da war man mit dem Schrecken davongekommen.

Eine Tischordnung gibt es nicht, man sucht sich jeden Abend einen neuen Platz; einigen scheint es aber auf der Empore, von der aus man einen guten Überblick hat, besonders zu gefallen, denn sie setzen sich auch an den folgenden Abenden gern dort hoch. Im Raum laufen einige Hunde frei herum, und es herrscht ein Kommen und Gehen. Die einen sind schon mit dem Essen fertig, während die anderen erst langsam eintreffen. Ein paar Energiesparlampen tauchen den Raum in ein kaltes und etwas düsteres Licht. (…)

Kinder des Basler Bürgertums

Im Juni 1973 setzten 25 junge Männer und Frauen den Siedlungsplan um. Sie erstanden in der Gemeinde Limans in der Haute-Provence ein Stück Land, auf dem die drei verfallenen Gehöfte Grange Neuve, Le Pigeonnier und St. Hippolyte standen. Dass sie sich in Frankreich niederliessen, hatte sich nach dem Ausschlussprinzip ergeben: Das politische Klima in Deutschland und in Österreich war im Zuge der Terrorismusangst so repressiv, dass eine Kooperativengründung dort auf grösste Widerstände gestossen wäre. In der Schweiz stellte es sich als schwierig heraus, ein geeignetes Terrain zu finden, das gross genug war, und auch dort nahm die Angst vor Repressalien zu. Und so war – obschon die wenigsten mit der Kultur und der Sprache vertraut waren – Frankreich übrig geblieben. Gerade drei Gründungsmitglieder waren Franzosen; die anderen stammten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Eines der Mitglieder verkaufte sein ererbtes Haus in Basel. Zusammen mit Darlehen und Spenden von Bekannten brachten sie die Kaufsumme von umgerechnet 800 000 französischen Francs auf, was damals rund 300 000 Franken entsprach. Nicht weniger als 300 Hektaren Land nannten sie auf einmal ihr Eigen, dabei waren die Jugendlichen, die von der Weltverbesserung nicht nur redeten, sondern sich wirklich in das Abenteuer stürzten, erst zwischen 16 und 23 Jahre alt. Lediglich Rémi gehörte mit seinen 43 Jahren einer anderen Generation an.

Einen Businessplan für die Gründung der Kooperative gab es nicht, dieses Wort hätte wohl auch niemand ungestraft in den Mund genommen. Aber es gab den festen Willen, etwas aufzubauen. Der Aufgaben waren unüberschaubar viele, und die JunggenossenschafterInnen packten mit bemerkenswertem Elan zu, um das verwilderte Land nutzbar zu machen. Sie durchkämmten das Gelände mit Macheten, entfernten wuchernde Gehölze, Disteln und Unkraut. Zerfallene Mauern mussten wiederaufgebaut, Gebäude vor dem Einsturz bewahrt werden. Quellen wurden freigelegt, Gärten angelegt, Ställe gebaut, elektrische Leitungen verlegt. (…)

Mit dem Wiederaufbau war es nicht getan. Man musste sich auch auf Dauer versorgen können: Die Bürgersöhne und -töchter ohne landwirtschaftliche Erfahrung begannen mit dem Gemüseanbau, der Schafzucht, der Fleisch- und Wollproduktion. Absatzkanäle mussten gefunden werden. Sie druckten Zeitungen und Broschüren und sammelten Geld für den Aufbau weiterer Kooperativen. Einen herben Rückschlag erfuhren sie gleich zu Anfang: Die deutschen, österreichischen und Schweizer Mitglieder von Longo Maï – also fast alle – wurden wegen linksradikaler Umtriebe nach einem Jahr aus Frankreich ausgewiesen. Erst vier Jahre später durften sie wieder zurückkommen. Es kam jedoch zu einer Welle der Solidarität: Französische GenossInnen sprangen für sie ein und liessen sich in der Kooperative nieder. So schaffte Longo Maï den Anschluss an die französische Bevölkerung und blieb nicht länger ein deutschsprachiger Fremdkörper in der Gegend. (…)

Ein leichtes Kopfnicken genügt

Es ist ungefähr halb zehn. In der Nähe des Kamins räuspert sich ein Mann, zwei andere nehmen das Signal auf und schlagen mit Löffeln an ihre Gläser. Die Leute aus der Küche kommen und setzen sich auf ihre Plätze. Auch auf der Kiste, in der die selbst gebackenen Brote eingelagert sind, nimmt jemand Platz. Ein Schäferhund döst zufrieden unter einem Tisch. Die sonntagabendliche Vollversammlung beginnt, Basisdemokratie in echter Anschauung, eine der ältesten und zentralsten Traditionen von Longo Maï. Tausendfach eingeübt, Albert kann nicht sagen, wie oft er schon dabei war: In den Anfangsjahren gab es jeden Abend eine Versammlung, später wurde es auf zweimal pro Woche reduziert, und heute trifft sich die Kooperative Grange Neuve regelmässig zu einer fixen Wochenversammlung, bei der sich auch die Leute vorstellen, die neu angekommen sind. (…)

Es wird still im Saal. Der Mann, der sich geräuspert hatte, ergreift das Wort. Ein Franzose, ungefähr 35 Jahre alt. «Cédric, seit mehreren Jahren Mitglied von Longo Maï», flüstert mir Albert zu. Mit seinem Béret auf dem Kopf, das er auch drinnen trägt, mit dem weissen Wollschal über dem schwarzen Pullover und dem verwegenen Dreitagebart strahlt er die Eleganz eines Revolutionärs aus. Er hat nicht viel Bäurisches an sich und könnte in diesem Outfit Ende des 19. Jahrhunderts in einem anarchistischen Untergrundzirkel in Paris aufwieglerische Pläne geschmiedet haben. Cédric redet lange, eloquent und charismatisch und unterstreicht seine Ausführungen mit schwungvollen Armbewegungen. Es geht offenbar um befreundete Bauern, die auf ihrem Hof Probleme haben und Unterstützung benötigen. Es fehle an Arbeitskräften und an Maschinen, erzählt Cédric, der eben von dort zurückgekommen ist. In der darauf folgenden Diskussion kommen mehrere Hilfsmöglichkeiten zur Sprache. Es ist nichts Kontroverses dabei, alle erklären sich mit den Bauern solidarisch und machen Vorschläge.

Als basisdemokratischer Betrieb funktioniert Longo Maï ohne hierarchische Ämter. Alle, ob eben erst angekommen oder seit Jahren dabei, haben prinzipiell gleich viel zu sagen. An diesem Abend übernimmt ein Mann, der am grossen Tisch in der Mitte des Raumes sitzt, eine ordnende Funktion. Mit Handzeichen erteilt er das Wort, selbst sagt er den ganzen Abend über kaum etwas. Niemand hebt die Hand, um sich bemerkbar zu machen, ein leichtes Kopfnicken oder eine kleine Handbewegung genügt, um mitzuteilen, dass man etwas zur Diskussion beitragen möchte. Hat jemand seine Ausführungen beendet, beginnt ungezwungen die Nächste. (…)

Abstimmungen gibt es bei den Vollversammlungen grundsätzlich keine. Alle Fragen werden so lange diskutiert, bis alle mit einer (Kompromiss-)Lösung einverstanden sind. Stellt sich jemand quer, wird weiterdiskutiert – oder das diskutierte Projekt wird nicht umgesetzt. Ein Prinzip, das die Ausdauer der Anwesenden auf eine harte Probe stellen kann. Normalerweise wird ein Problem unter einzelnen Mitgliedern oder in Arbeitsgruppen vorbesprochen und dann in der Vollversammlung diskutiert. Es dürfen alle bei allem mitreden, niemand kann ein Gärtchen für sich abstecken, das ist ein ehernes Prinzip bei Longo Maï. Gibt es begründete Einwände gegen etwas, dann wird darauf eingegangen und das Vorhaben angepasst. Sagt jemand kategorisch und mit guten Gründen Nein, dann geht es nicht weiter. Schweigen heisst dagegen: «Macht mal!» Dann wird ein neues Wohnhaus gebaut, eine neue Ziegenrasse angeschafft oder Musikunterricht für die Kinder eingeführt. Einen formellen, schriftlichen Beschluss gibt es nicht. (…)

Etwas Taschengeld für alle

Albert ergreift das Wort. Er informiert die Anwesenden kurz auf Französisch, dass ich die nächsten Tage zwecks Recherche in der Kooperative bin. Ich solle mich gleich selbst vorstellen. Das hatte er mir bereits bei der Ankunft angekündigt, und seither habe ich mir wieder und wieder nervös die Worte zurechtgelegt; mich der Menge vorzustellen, behagt mir nicht. Wie ich aber einmal dabei bin, geht es schnell. Ich bedanke mich für die freundliche Aufnahme und sage ein paar Worte über mich und was ich hier will. Albert, der merkt, dass ich mich unsicher fühle, ergreift wieder das Wort. Ich bin ihm dankbar, dass er uns so elegant durch die Vollversammlung lotst. Die Vorstellungsrunde ist vorbei, Fragen werden keine gestellt. Um halb elf ist die Versammlung zu Ende. (…)

Ich bekomme aus einer mit Blumen verzierten Teekanne einen Lindenblütentee serviert. Albert beginnt zu erzählen. Als Basler Pfarrerssohn war er zunächst in der Jugendorganisation Hydra aktiv und später einer der 25 Longo-Maï-Gründer. Sein ganzes Erwachsenenleben hat er in der Kooperative verbracht und zahlreiche Funktionen ausgeübt. Er ist Schäfer, arbeitet aber auch auf dem Bau und ist politisch sehr aktiv. Zurzeit setzt er sich insbesondere für die nordafrikanischen ArbeitsmigrantInnen ein, die auf den Früchteplantagen in Südspanien als Sans-Papiers erbärmlich behandelt und wie SklavInnen ausgenützt werden.

Ausserdem ist er Präsident des Europäischen Landfonds, einer gemeinnützigen Stiftung schweizerischen Rechts von Longo Maï. «Diese Stiftung haben wir eingeführt, um uns so gut wie möglich abzusichern. Da die Stiftung schweizerischem Recht unterliegt, können wir uns besser wehren, falls uns die französischen Behörden mit Steuerforderungen überraschen, die das Weiterbestehen von Longo Maï gefährden könnten.»
Das ganze Land und die Gebäude sind Eigentum der Stiftung. «Ausser unseren Habseligkeiten haben wir keinen privaten Besitz. Das Land gehört nicht einem Oberhaupt, sondern uns allen. Es ist unverkäuflich, unteilbar und damit dauerhaft der Spekulation entzogen.» Niemand – weder ehemalige Mitglieder von Longo Maï noch deren Nachkommen – kann jemals einen Teil daraus für sich herauslösen und weiterverkaufen. (…)

Bei Longo Maï wird auch kein Lohn für die geleistete Arbeit ausbezahlt. Für die Güter des täglichen Bedarfs erhalten alle ein kleines Taschengeld, über das sie frei verfügen können. Dass jemand ein eigenes Konto besitzt, war ursprünglich nicht vorgesehen, alles sollte über die Gemeinschaftskasse laufen. Da jedoch für immer mehr Internetbuchungen eine Kreditkarte angegeben werden muss, wurde diese Regel in der letzten Zeit etwas aufgeweicht. De facto besteht heute ein eingependeltes Nebeneinander von Privatkonten und Kollektivkasse, oberstes Prinzip bleibt jedoch vollkommene Transparenz. Nach wie vor gilt der Grundsatz, dass aus der gemeinsamen Tätigkeit für das Allgemeinwohl keine individuellen Ansprüche erwachsen sollen. Niemand hat beispielsweise das Recht, sich beim Verlassen von Longo Maï einen Anteil des von ihm erwirtschafteten Gewinns auszahlen zu lassen. Alles fällt der Gemeinschaft zu.

Im Alltag von Longo Maï bilden handschriftliche Budgets, die jeweils monatlich aufgestellt werden, eine wichtige Planungsgrundlage. Auf ihnen sind die verschiedenen Geldbedürfnisse der Personen verzeichnet, ob dies nun Güter des täglichen Bedarfs, Reisen oder voraussichtliche Arzt- und Zahnarztrechnungen sind. Gemeinschaftlich genutzte Autos werden mit auf Longo Maï lautenden Cheques betankt. Eine Person, ob Mitglied oder Gast, kostet die Kooperative pro Monat etwa 500 Euro. In diesem Betrag sind alle Kosten – vom Wohnen über das Essen bis zum Taschengeld – zusammengerechnet.

Albert macht einen entschlossenen und wachsamen Eindruck. Auch eine gewisse Härte spricht aus seinen Zügen; er ist jemand, mit dem man sich nur ungern streiten möchte. Mit seinem selbstbestimmten Leben ist er zufrieden; eine konventionelle Arbeitsstelle zu haben, kann er sich nicht vorstellen.

Hat er die ständigen Vollversammlungen und das Gruppenleben nicht manchmal satt? «Klar muss man sich abgrenzen», sagt er, «aber ganz so hektisch wie in früheren Jahren ist es nicht mehr.» Haben sich die Vollversammlungen verändert? Wurden die Leute früher konfrontativer angegangen? Albert wird einsilbig und unbestimmt: «Etwas ändert sich immer.» Gibt es eine Prüfung für Neuankömmlinge? «Nein! So was kennen wir nicht!», sagt er entschieden und erklärt: «Die meisten haben Longo Maï über einen Bekannten kennengelernt. Sie kommen zu einem Arbeitseinsatz und bleiben erst für ein paar Wochen. Wenn es ihnen gefällt, gehen sie für einige Wochen oder Monate in andere Kooperativen. Bei diesem gemeinsamen Leben auf engem Raum, 24 Stunden am Tag, stellt es sich wie von selbst heraus, ob eine Person zu Longo Maï passt. Wenn ja, wird sie immer stärker ins Gruppenleben miteinbezogen, kann mitreden, mitbestimmen und in Einzelbereichen mehr Verantwortung übernehmen. Die Erfahrung hat gezeigt: Entweder passt die Person sich der Gruppe an oder sie wird über kurze Zeit von selbst gehen. Nur in ganz seltenen Fällen hat die Gruppe jemanden ausschliessen müssen.»

Andreas Schwab: «Landkooperativen 
Longo maï. Pioniere einer gelebten Utopie». Rotpunktverlag. Zürich 2013. 
230 Seiten. 38 Franken.

Aus Schwabs Buch sind auch alle hier 
abgebildeten Fotos.

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