Nr. 01/2006 vom 05.01.2006

Bauernhöfe und Bürgerforen

Seit über dreissig Jahren engagieren sich europäische Kooperativen für eine andere Form des Zusammenlebens.

Von Judith Huber

Im Frühsommer 1973 zog eine Gruppe von dreissig jungen StädterInnen in die Nähe des provenzalischen Dörfchens Limans auf einen Bauernhof. Die Gebäude waren verfallen, die Quellen verschüttet, die Hügel überwuchert. Die Jugendlichen, die keine Ahnung von Landwirtschaft und Viehzucht hatten, begannen zu roden, die Mauern aufzurichten, Wasser zu suchen, Felder und Gärten anzulegen und ein neues, anderes Leben aufzubauen. Sie gaben der Siedlung den Namen Longo maï. Das provenzalische Grusswort bedeutet so viel wie: Es möge lange dauern. Und es hat lange gedauert - bis heute.

Hinter der Gründung der Kooperative standen die Schweizer Lehrlingsorganisation Hydra und die Gruppe Spartakus aus Österreich. Radikale Gesellschaftskritik genügte ihnen nicht - sie wollten sie in die Praxis umsetzen. Ziel war, «experimentelle Zonen des freien menschlichen Lebens und Zusammenwirkens auf der sozialen Grundlage der Menschenrechte und auf der wirtschaftlichen Grundlage der Genossenschaft» einzurichten. Diese Zonen entstanden in der Peripherie, in wirtschaftlich und sozial bedrohten Regionen, die von der Abwanderung in die Städte besonders betroffen waren. Der wachsenden Abhängigkeit Europas von der industriellen Nahrungsmittelproduktion wollten sie die Selbstversorgung entgegensetzen.

Die Autorin Beatriz Graf, die selber seit dreissig Jahren in Longo maï lebt und arbeitet, hat in dem vorliegenden Buch die Entstehung der Kooperativen und ihre Weiterentwicklung bis heute aufgezeichnet. Entstanden ist ein gut lesbarer Überblick über die zahlreichen Initiativen, die von Longo maï ausgegangen sind. Es ist ein - wie von einer jahrelangen Mitstreiterin nicht anders zu erwarten - wohlwollendes Buch. Heikle Punkte wie interne Konflikte, Machtkämpfe und der Vorwurf an das Kollektiv, eine Sekte zu sein, werden angesprochen, aber nicht weiter vertieft.

Die Kooperative in Limans existiert bis heute. Auf drei Höfen wohnen dort durchschnittlich 60 Erwachsene und 35 Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Neben der landwirtschaftlichen Produktion wird seit 1981 der Radiosender Zinzine betrieben. In Frankreich und anderen europäischen Ländern gibt es zahlreiche weitere Longo-maï-Kooperativen, eine auch in der Schweiz: der Hof Le Montois in Undervelier im Kanton Jura. In den über dreissig Jahren ihres Bestehens hat Longo maï zahlreiche Kampagnen geführt und Solidaritätsaktionen gestartet. So entstand im Gefolge der Umwälzungen in Osteuropa 1989 das Europäische Bürgerforum, das sich unter anderem im ehemaligen Jugoslawien für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer einsetzte. Schon 1982 war das Europäische Komitee zur Verteidigung der Flüchtlinge und GastarbeiterInnen (Cedri) als Fortsetzung des Engagements für Chileflüchtlinge gegründet worden. Die Longo-maï-GenossenschafterInnen hatten früh erkannt, dass der Strom von Flüchtlingen nach Europa nicht versiegen wird, solange die Herrschaft einiger reicher Staaten über die armen Länder andauert. Heute unterstützt Cedri unter anderem Sans-Papiers in der Schweiz und MigrantInnen in der industriellen Landwirtschaft - vom südspanischen El Ejido bis zum niederösterreichischen Marchfeld.

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