Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Utopie und Wirklichkeit

In den vierzig Jahren ihres bisherigen Bestehens geriet Longo Maï zuweilen auch in die Kritik.

Von Adrian Riklin

«Es möge lange währen» lässt sich Longo Maï aus dem Provenzalischen übersetzen. Und tatsächlich: Longo Maï lebt weiter – auch wenn die Landkooperativenbewegung immer wieder Gegenstand heftiger Kritiken wurde. 1980 berichtete der «Spiegel» von Psychoterror bei Aufnahmeverfahren von Neuankömmlingen. Auch in Schweizer Zeitungen erschienen in dieser Zeit unzählige negative Artikel. Von patriarchalen Hierarchien und sektenhaften Zuständen war die Rede. Immer wieder kritisiert wurde auch der Umgang mit Spendengeldern. Die Angriffe waren zuweilen derart massiv, dass sich Longo-Maï-Fürsprecher wie Friedrich Dürrenmatt oder Adolf Muschg öffentlich zu Wort meldeten.

Das schwierige Verhältnis zur Presse wird auch im soeben erschienenen Buch des Berner Historikers Andreas Schwab thematisiert. Seine Reportage, in der die historischen Ereignisse chronologisch miterzählt werden, basiert auf Besuchen in den Kooperativen in Frankreich, Undervelier (Schweizer Jura), Mecklenburg-Vorpommern (Deutschland) und Kärnten (Österreich).

Und die AussteigerInnen?

Auch Schwab war, wie er gegenüber der WOZ bestätigt, mit der Skepsis einiger ProtagonistInnen gegenüber allzu kritischer Berichterstattung konfrontiert. Er betont jedoch, dass er seine Erfahrungen und zu guten Teilen wohlwollenden Einschätzungen als unabhängiger Historiker publiziert habe.

AussteigerInnen kommen aber in seinem Buch kaum zu Wort. Immerhin bestätigen alle KommunardInnen, die Schwab zitiert, «dass das Aufnahmeverfahren früher strenger war, ja teilweise sogar inquisitorische Züge annehmen konnte». Und heute? Stefanie Kuhn, die vor drei Jahren ein Jahr in Longo-Maï-Kooperativen in der Schweiz und in Frankreich lebte, hält Longo Maï weiterhin für unterstützungswürdig, «weil dort gute und wichtige Initiativen für die Gesellschaft entstehen». Bis heute aber gebe es bei Longo Maï informelle Machtstrukturen, von denen vor allem die Starken profitierten. «Hierarchien sollten regelmässig offen thematisiert werden, sonst führen sie zu unterschwelligem Leistungs- und Konkurrenzdenken.» Nun sei vieles im Umbruch: «Die Bereitschaft wächst, interne Strukturen zu überdenken.»

Hervorgegangen ist Longo Maï 1973 aus zwei Jugendorganisationen: der Basler Lehrlingsorganisation Hydra, die sich von der Progressiven Organisation Basel abgespalten hatte, sowie der Wiener Gruppe Spartakus, die aus einer Jugendsektion der Kommunistischen Partei Österreichs entstanden war. Die Jugendlichen wollten Pioniersiedlungen gründen und damit «antifaschistische Stützpunkte» schaffen.

Die Initialzündung lieferte im Dezember 1972 der Kongress «Europäische Pioniersiedlungen» in Basel. In einer Resolution verkündeten rund vierzig Jugendliche aus zehn Ländern: «Wir suchen in jenen verödeten Regionen Zuflucht, die der triumphierende Kapitalismus zynischerweise zum Tode verurteilt hat.» Ziel war eine autonome Siedlung, «in der eine menschlichere Gesellschaft erprobt werden kann». Wenige Monate später gründeten etwa dreissig junge Menschen aus der Schweiz, Österreich und Frankreich in Limans eine erste Kooperative.

Permanente direkte Demokratie

Auch heute noch liegen die Kernanliegen in der Selbstversorgung, der Basisdemokratie und lokalen Mikroökonomien sowie im Engagement für sozial-ökologische Landwirtschaft, gerechtere Arbeitsverhältnisse und Flüchtlinge. Derzeit leben rund 200 Menschen in zehn Kooperativen (fünf in Frankreich, je eine in der Schweiz, Deutschland, Österreich, der Ukraine und Costa Rica).

Entschieden wird alles in einer permanenten direkten Demokratie informell über die Vollversammlungen. Luc Willette, der 1993 ein Buch über Longo Maï veröffentlichte, hat angesichts dessen festgestellt, dass es ein Wunder sei, dass Longo Maï überhaupt funktioniere. Um Longo Maï ideologiegeschichtlich zu verstehen, dürfe man sich nicht auf die kommunistischen Aspekte beschränken. Ebenso wichtige Einflüsse lieferten der utopische Sozialismus aus dem frühen 19. Jahrhundert wie auch anarchistische und anarchosyndikalistische Strömungen.

Am Samstag, 19. Oktober 2013, wird zudem die von Longo Maï initiierte Ausstellung eröffnet, für die Schwab als Kurator beigezogen wurde.

Buchvernissage in: Basel, Buchhandlung Narrenschiff. 
Donnerstag, 17. Oktober 2013, 19 Uhr.

Ausstellung «Die Utopie der Widerspenstigen. 40 Jahre Longo maï» in: Basel, Ackermannshof. Vernissage am Samstag, 19. Oktober 2013, 17 Uhr. Bis 2. November 2013. Begleitveranstaltungen sowie Ausstellungstermine in Genf, Zürich, Lausanne und Bern: www.prolongomai.ch.

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