Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Der Gast ist Königin

Ungestillter Durst in Zürcher Bars.

Von Ruth Wysseier

Nein, manchmal macht es keinen Spass, in angesagten Zürcher Bars etwas trinken zu wollen. Das Problem: Die, die dort hingestellt werden und Lohn beziehen, sind alles andere als Servicefachangestellte. Dass Service ein Fach oder gar ein Beruf ist, haben sie noch nie gehört. Sie sind nicht zum Bedienen da und auch nicht, um eine Dienstleistung zu erbringen. Und sie setzen wirklich alles daran, dich das spüren zu lassen. Eingestellt werden sie, nachdem sie einen Kurs in Arroganz und Gleichgültigkeit absolviert haben. Was sie wirklich sind, ist mir ein Rätsel, aber da sie der menschlichen Gattung angehören, will ich sie hier «Personen» nennen.

Wenn du durstig am Tresen stehst und ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen suchst, schweift ihr Blick in die Ferne, als überlegten sie sich gerade die Formulierung des Schlussabschnitts ihrer Masterarbeit. Oder sie schauen kalt durch dich hindurch, als wärst du die schleimigste Qualle, die sich ihnen je nähern wollte. Die besonders Versierten blicken sich gelegentlich um, als wollten sie tatsächlich herausfinden, ob irgendwo ein bedürftiger Gast steht, doch ihr Blick gleitet an dir vorbei und geht zurück ins Leere.

Wenn du noch keine Übung in diesem grausamen Spiel hast, wirst du bald versuchen, die Aufmerksamkeit einer solchen Person auf dich zu lenken, indem du sie anlächelst oder eindringlich anschaust, gar zaghaft die Hand hebst und schliesslich deinen Getränkewunsch gequält in das Vakuum zwischen euch beiden rufst. Wenn deine Bemühungen nach unendlichen fünf Minuten noch immer keinerlei Reaktion hervorgerufen haben, kannst du zur Rettung der Situation so tun, als käme dir jetzt gerade in den Sinn, dass du auf die Toilette musst. Das verschafft dir ein paar Minuten Aufschub, und du kannst die Kränkung mit einem Schluck Hahnenwasser runterspülen und dich vor dem Spiegel davon überzeugen, dass du nicht etwa plötzlich unsichtbar geworden bist.

Falls auch der zweite Versuch, um ein Getränk zu betteln, erfolglos bleibt, gehst du ohne Verzögerung zur Rache über: Du schaust die Person mit Forscherblick an und denkst dir die übelsten Dinge über sie aus, etwa, dass sie gerade zum dritten Mal völlig zu Recht bei der Aufnahmeprüfung für die Hochschule für bildende Künste durchgefallen ist. Oder dass ihr Freund oder ihre Freundin eben per SMS mit ihr Schluss gemacht hat und sie dabei erst noch mit dem falschen Vornamen angesprochen hat. Oder dass sie unter fürchterlichem Durchfall leidet und du froh sein kannst, dass sie dir nicht mit ihren Kolibakterienfingern ein Getränk serviert, weil sie das Glas nämlich immer am Trinkrand hält.

Dann verlässt du hocherhobenen Hauptes und möglichst ohne zu stolpern das Lokal.

Ruth Wysseier hat Serviceerfahrung und hält Gläser am unteren Rand.

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