Nr. 03/2007 vom 18.01.2007

Stadionstar

Von Pascal Claude

Brügglifeld, oh Brügglifeld, du bist es wert, das viele Geld, das du den Gästefans abknüpfst. Umarmt wirst du von Einfamilienhäuschen, deren Vorgärten Spieltag für Spieltag frisch gedüngt werden, seit Menschengedenken. Geduckt stehst du da, bescheiden, klein und schön. Deine Würste sind gut, und du hast den Mut, sie von Frauen verkaufen zu lassen, die Tätowierungen tragen für den Staatsschutz. Niemand braucht eine Mittellandarena, denn mehr Mittelland als du ist niemand. Du bist nah bei den Menschen, und wir sind nah bei dir – du kriegst eine 9,2.

Joggeli, oh Joggeli, mal ohne jede Ironie, in dir findet der Fussball statt. Doch ist er dir vielleicht etwas schnell zu Kopf gestiegen. Ein paarmal warst du wirklich voll, und das ist ja auch dein Zweck, und schon streckst und reckst du dich, hebst dein Dach aus den Angeln und machst dich grösser als du bist. Warum? Deine Mutter war anders, bescheiden, tolerant. Sie erlaubte den Gästen Spaziergänge durchs Rund und Ziegelhof einen Bierstand. Heute sagst du allen, wo sie hingehören, und der Zapfhahn wird aus Kopenhagen ferngesteuert. Besinne dich deiner selbst, sei nicht schneller als die Zeit – eine 8,5.

Hardturm, oh Hardturm, gegen dich läuft das Quartier Sturm, nein, nicht gegen dich, sondern für dich! Du sahst der Abrissbirne ins Gesicht, ehe ein Schattenwurf dich rettete. Und vielleicht ein Fahrtenmodell. Viel hast du erlebt, hast nicht nur Gäste empfangen aus Kroatien, Nordirland, Albanien oder Leningrad, du hast dich als Heimat auch immer ausgeliehen, an Basel, Wil, St. Gallen und gar an den FCZ. Am Zaun in deinem Gästesektor steht, es sei verboten, am Zaun zu stehen, doch lässt dein Manager so viele Menschen rein, dass sie nicht anders können. Du warst der Erste mit Logen, heute wirkst du alt – alt und erfahren. Für dich eine 9,3.

Allmend, oh Allmend, wer dich richtig kennt, weiss: Du hattest es nicht leicht. Du warst besetzt von Meuterern, Hochstaplern und Stuhldieben, und der Freudenschrei blieb dir oft im Halse stecken. Nirgendwo ist die Sicht aufs Feld schlechter als in deiner Horwer Kurve, und doch ist es gemütlich dort und gar nicht weit zum Stand mit Kafi Schnaps. Deine Haupttribüne versammelt vierundzwanzig Stuhlmodelle, und vom Stehplatz zum Pilatus ist es nur ein rascher Blick. In dir ist die Innerschweiz, und sie wird es auch sein, wenn du nicht mehr bist – doch wird sie weinen um dich. Eine 9.

Breite, oh Breite, auf deiner einen Seite steht ein Zaun, und der tut weh. Wer in dir spielt, lässt Schweiss und Tränen und ab und zu den Finger, am Zaun, mit Ring, aua. Es ist ein Marsch zu dir, die Gass hinauf mit Schnauf, doch einmal oben belohnst du alle. Bäume säumen deinen Rasen, und von all deinen Plätzen sind nur dreizehnhundert zum Sitzen. Dein Bier ist ein Vogel, gebraut im Ort. Man will dir an den Kragen mit dem FCS-Park, doch du machst dich ganz gut in deinem Flickwerk aus Stahlrohr und Plastik. Bleib wie du bist – eine 8,8.

Tourbillon, oh Tourbillon, du Stolz der kleinen Stadt Sion. Platte Reime hast du nicht verdient, du Schmuckstück an der Rhone. Bist in allen Ecken offen und lässt deine Gäste das Wallis sehen, und doch schützt du dein Feld auf allen vier Seiten und lässt den Lärm die Spieler begleiten, wie man es sich wünscht. Du lässt den Weissen fliessen und den Käse auch, nur zäher, und wer in dir war, hatte Urlaub einen schönen Sonntag lang. Nun knabbert ein Nager an deinem Gebälk – die Tollwut vielleicht? – und will dich nach Martigny zügeln. Doch das reimt sich nicht auf dich. Hab keine Angst – 9,4.

Espenmoos, oh Espenmoos, was soll einst ohne dich sein bloss? Im Schatten deines Muscheldachs findet Wunderbares statt. Spieler, Pflügen gleich, beackern deinen Rasen für die nächste Anbauschlacht. In dir geht es um den Biss. Selbst die «Neue Zürcher Zeitung» schrieb, statt von Zuschauerzahlen, von der Anzahl abgesetzter Bratwürste. Stadionrekord, hiess es, und du dampfst stolz vor dich hin. Unter deinen Behelfstribünen beginnt die Unterwelt, aus Dreck, Bier und Matchprogrammen, und die Untoten Hutter und Mock röcheln leise: Wir wollen Fussball, keine Einbauküchen – eine 9,7.

Lachen, oh Lachen, in deinem kleinen Rachen ruhen viele Millionen. Was tun damit? Es weiss es weder du noch er. Vielleicht brauchst du das Friendshipticket gegen Ende der Saison, um nicht als reicher schöner Rasen Amateurtrübsal zu blasen. Den See vor dir, den kalten, und die Jungfrau fest im Blick, bliesest du den Gästen steif die Brise um die Ohren, früher. Für die richtig grossen Feste warst du deinen Herren aber niemals gut genug. Weine, Lachen, denn du hast viel Grund, macht zu allem Übel eine Rennbahn dich zum Rund. In Anteilnahme – eine 8.

Wankdorf, oh Wankdorf, kein andres Wort passt als amorph. Und es passt ganz gut. Mit einem Erbe reich beschenkt, hast du ihn abgeschüttelt, deinen ganzen Ballast, entsorgt in der Mulde der Geschichte. Nun stehst du da, von einer Migros nicht zu unterscheiden. So sehr scheust du Erdverbundenheit, dass selbst der Rasen nicht mehr sein darf, dafür nun Eishockey und Williams. Du bist alles und nichts, könntest überall stehen und allen gehören. Du verwöhnst deine Gäste mit allem, was sie nicht brauchen, bist noch jung, doch den andern weit voraus. Zu weit – eine 7.

Letzigrund, oh Letzigrund, du warst so eckig, jetzt wirst du rund. Ein frühes Urteil soll nicht sein, doch die Furcht ist da, dass mit den Ecken auch die Kanten weichen. Deine Masten gaben Halt, sie waren schief und trotzdem gut verankert. Du liessest deine Gäste stehen, nicht im Regen, sondern da, wo sie wollten. Bald wirst du sie sitzen lehren, D4 R35, A6 R78, und deine flache Kneipe wird zur tollen Lounge. Du kriegst – beweis das Gegenteil! – eine 7,5.

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