Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Anders arbeiten in der Krise

Von Bettina Dyttrich

Nicht nur in der Krise hoffen viele Menschen auf eine solidarische Wirtschaft. Auf Firmen, die die Bedürfnisse der Arbeitenden und nicht maximale Renditen in den Mittelpunkt stellen. Aber was wird daraus, wenn der ökonomische Druck steigt? Im spanischen Baskenland hat Fagor, die Gründungskooperative des riesigen Kooperativenverbunds Mondragón, Insolvenz angemeldet (vgl. Seite 9). In Deutschland, das der Krise mit Billiglöhnen zu entkommen versucht, sind viele Angestellte selbstverwalteter Firmen zu Working Poor geworden, die ihren Lohn mit Hartz IV ergänzen müssen.

Die Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen eines alternativen Sektors ist alt. «Nur äusserst selten gelangt eine Produktivgenossenschaft zur Blüte», schrieb der deutsche Ökonom Franz Oppenheimer schon 1896. «Wo sie aber zur Blüte gelangt, hört sie auf, eine Produktivgenossenschaft zu sein.» Das hat etwas für sich: Manche erfolgreichen Genossenschaften behalten zwar pro forma ihre Rechtsform bei, unterscheiden sich aber, was Hierarchien oder Lohnunterschiede angeht, nur noch wenig von anderen Firmen. Auch die Mondragón-Kooperativen haben einen Teil der Produktion in Billiglohnländer ausgelagert. Und eine Coop-Kassiererin in der Schweiz merkt kaum, dass sie in einem Unternehmen arbeitet, das einst einen solidarischen Anspruch hatte.

Den meisten kapitalistischen Zwängen entkommen alternative Unternehmen nicht: Auch eine Produktivgenossenschaft muss unentwegt etwas verkaufen, um zu überleben. Wenn sie Gemüse verkauft, kann sie das nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit tun, denn Gemüse brauchen wir jeden Tag. Die insolvente baskische Kooperative Fagor produzierte unter anderem Waschmaschinen. Eine neue Waschmaschine brauchen wir zwei- oder dreimal im Leben. Aus ökologischer Sicht sollte sie möglichst langlebig sein. Das widerspricht jedoch direkt der kapitalistischen Logik, möglichst viele Maschinen zu verkaufen, um konkurrenzfähig zu bleiben, und daran ändert auch eine genossenschaftliche Struktur nichts.

Zur gleichen Zeit wie Oppenheimer analysierte die deutsch-polnische Sozialistin Rosa Luxemburg die Genossenschaften. Ihr Fazit: In einer Produktivgenossenschaft müssten die Arbeiter «sich selbst mit dem ganzen erforderlichen Absolutismus regieren, sich selbst gegenüber die Rolle des kapitalistischen Unternehmers spielen» – und daran gehe die Sache zugrunde. Luxemburg sah allerdings eine Ausnahme für Genossenschaften, die sich «künstlich den Gesetzen der freien Konkurrenz» entzögen, indem sie sich «von vornherein einen festen Kreis von Konsumenten» sicherten. Diese Bedingungen treffen haargenau auf eine der hoffnungsvollsten genossenschaftlichen Neugründungen der letzten Jahre in der Schweiz zu: die Gemüsegenossenschaft Ortoloco in Dietikon bei Zürich, die heute 250 Haushalte mit Gemüse versorgt. Sie lebt von persönlichen Beziehungen und einem direkt erfahrbaren inhaltlichen Mehrwert. Ähnliches gilt für jene Genossenschaftsbeizen und -buchläden, die überlebt haben. Und es gilt auch für die WOZ. Natürlich steht diese Zeitung zu anderen Medien in Konkurrenz, aber auch sie hat einen «festen Kreis».

Solche Nischen können sehr viel wert sein, sie können zeigen, dass ein besseres Leben möglich wäre. Aber können sie den Rest der Wirtschaft «übernehmen»? Rosa Luxemburg sah hier schwarz: Die grossen Industriezweige in Genossenschaften umzuwandeln, setze die «Auflösung der bestehenden Weltwirtschaft in kleine lokale Produktions- und Austauschgruppen, also dem Wesen nach einen Rückgang von grosskapitalistischer auf mittelalterliche Warenwirtschaft» voraus.

Für eine Sozialistin um 1900 mag ein solcher «Rückgang» undenkbar gewesen sein. Heute stellt sich die Frage allerdings anders. Der industrielle «Fortschritt», den auch die meisten Linken lange unkritisch propagierten, stösst an die Grenzen der Tragbarkeit der Erde. Vielleicht sind es angesichts von Energiekrise, Verkehrskollaps und Zersiedlung gerade «kleine lokale Produktions- und Austauschgruppen», die neue Handlungsspielräume eröffnen.

Siehe auch «Zwangsgeräumte brauchen keinen Kühlschrank»

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