Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Die Verdrängten von Zürich

Mehrere Tausend Menschen haben vergangenen Samstag in Zürich für bezahlbaren Wohnraum und Freiräume demonstriert. Das soll nur ein erster Schritt gewesen sein. Entsteht eine neue Bewegung?

Von Corsin Zander

«Wem gehört Zürich?»: Der vielfältige, bunte und gut besuchte Protestmarsch auf der 
Rudolf-Brun-Brücke in der Zürcher Altstadt. Foto: wem-gehoert-zuerich.ch

Zürich ist attraktiv. Viele möchten hier leben, studieren, arbeiten oder ausgehen. Das macht es für InvestorInnen interessant, teuren Wohnraum zu schaffen, um ihren Profit zu steigern. Menschen, die sich die hohen Mietpreise nicht leisten können, werden verdrängt. Sie werden stillschweigend durch reichere Menschen ausgetauscht.

Am letzten Samstag haben sich die Verdrängten und diejenigen, die sich darüber empören, lautstark und zahlreich gemeldet. Tausende demonstrierten friedlich für bezahlbaren Wohnraum, für Freiräume, wirksamen MieterInnenschutz und gegen die Verdrängung. Ihr Motto: «Wem gehört Zürich? – Uns allen.» Rund vierzig verschiedene Organisationen unterschiedlicher Couleur hatten dazu aufgerufen. Quartiervereine, Künstlerkollektive, Gewerkschaften, Genossenschaften, Studierendenparteien, Autonome und politische Parteien. Man habe möglichst viele verschiedene Interessengemeinschaften zur Demonstration bewegen wollen, sagt Vesna Tomse, Pressesprecherin des Aktionsbündnisses «Wem gehört Zürich?».

Zum Beispiel das Labitzke-Areal

Eine der treibenden Kräfte hinter der Demonstration war die Zürcher BesetzerInnenszene, insbesondere diejenige um den Autonomen Beautysalon (ABS) auf dem Labitzke-Areal in Zürich Altstetten. Das Areal zwischen Albula- und Hohlstrasse soll Ende des Jahres geräumt werden. Die Immobilien-Investmentgesellschaft Mobimo will die Gebäude abreissen und eine moderne Wohnüberbauung realisieren. Bernadette Roth* ist eine der 200 Personen, die das Labitzke-Areal beleben, wo es neben dem besetzten ABS auch Mietwohnungen und Raum für Kleingewerbe gibt. Roth bezeichnet das Vorgehen der Mobimo als «Abriss auf Vorrat». Mit dem Bau könne die Mobimo nach optimistischen Prognosen frühestens in achtzehn Monaten beginnen, sagt Roth und rechnet weiter: Rückbau und Altlastensanierung dauern sechs Monate. «Somit liegt das Areal mindestens ein ganzes Jahr brach.»

Die Pressesprecherin von Mobimo, Christine Hug, widerspricht: «Es ist kein Abriss auf Vorrat. Die Baueingabe dürfte Ende Mai 2014 erfolgen.» Man benötige allein für den Rückbau der Gebäude rund neun Monate. Der Baubeginn sei auf Ende 2014 geplant. Ausserdem betont Hug, man wolle keineswegs Luxuswohnungen bauen, sondern eine «lebendige Liegenschaft» mit rund 250 vorwiegend Mietwohnungen im «mittleren Preissegment» – was das konkret in Franken heisst, kann sie nicht sagen.

Bernadette Roth glaubt nicht, dass so schnell gebaut werden kann. Zudem gehe es um eine grundsätzliche Diskussion. Das Labitzke-Areal sei bloss ein Beispiel unter vielen. Mit der Demonstration vom Samstag habe man zeigen wollen, aus wie vielen unterschiedlichen Bereichen die Verdrängten kommen. Man habe sich auch öffnen wollen. «Deshalb haben wir uns für eine bewilligte Demonstration entschieden», sagt Roth. Dies sei nicht leichtgefallen, doch man könne die verschiedenen Gruppen, die von der Verdrängung betroffen sind, nur so erreichen: «Wir wollten mit Kindern, älteren Menschen, Migrantinnen und allen anderen, die direkt von Verdrängung betroffen sind, auf die Strasse gehen, ohne dass diese Angst haben müssen, von der Polizeigewalt niedergemacht zu werden.»

Diskussion über Besitzverhältnisse

Bei der Demonstration verzichteten die zahlreichen Gruppen darauf, als solche aufzutreten. Es gab kaum Fahnen, die einer bestimmten Partei zuzuordnen wären. Die Transparente verwiesen mehrheitlich auf inhaltliche Forderungen – die jedoch diffus blieben. «Wenn das Bündnis dermassen vielfältig ist, können auch die inhaltlichen Forderungen nicht wirklich konkret sein», sagt Sprecherin Vesna Tomse. Im Demonstrationszug liefen PolitikerInnen wie Raphael Golta mit. Der SP-Stadtratskanditat befürwortet es, dass sich nun eine breite Allianz mit Themen wie bezahlbarem Wohnraum beschäftigt. Gegenüber autonomen Gruppierungen hat er keine Berührungsängste: «Wer hinter den Forderungen der Demonstration steht, darf sich auch daran beteiligen.»

Für andere weniger willkommen war offenbar der Polizeivorsteher Richard Wolff. Der Revolutionäre Aufbau kritisierte ihn mit einem Transparent als Teil des Stadtrats. Ein Vertreter des Aufbaus sagte, Wolff trage die Verantwortung für die Forcierung der Stadtaufwertung im Sinn einer Mobimo mit. «Damit unterstützt er die Vertreibung bisheriger Bewohner der Quartiere und linker, nicht profitorientierter Projekte.»

Vesna Tomse freute sich darüber, dass so viele verschiedene Positionen vertreten waren. Sie betont aber, dass die Demo bloss der Startpunkt gewesen sei. Die Bewegung müsse weiter vorangetrieben werden. «Wir veranstalten bis im Mai nächsten Jahres Diskussionsabende, Filmvorführungen oder Ausstellungen.» Dem pflichtet auch Bernadette Roth vom Labitzke-Areal bei: «Wir möchten eine Diskussion über die Besitzverhältnisse und den Besitz im Allgemeinen vorantreiben, um zusammen mit weiteren Direktbetroffenen Wege zu finden, gegen die stattfindende Verdrängung zu kämpfen.»

Die Demonstration am Samstag hat gezeigt, dass die Frage «Wem gehört Zürich?» viele Menschen beschäftigt. Roth sagt ausserdem, es gehe hier nicht nur um das Diskutieren zum Selbstzweck wie bei vielen PolitikerInnen, sondern auch ganz konkret um das Handeln. Wie es mit dem Labitzke-Areal weitergeht, konnte Roth nicht sagen. Die bestehenden Mietverträge laufen jedenfalls auf Ende Dezember aus. An der Schlusskundgebung kündete ein Vertreter der BesetzerInnen an: «Wir haben vor zu bleiben.»

* Name geändert.

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