SVP-Landwirtschaftsinitiative : Ans Essen denken ist nicht reaktionär

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Eine Gruppe von SVP-Politikern hat eine Initiative lanciert. Sie will erreichen, dass der Selbstversorgungsgrad an Lebensmitteln, also der in der Schweiz produzierte Anteil am Gesamtverbrauch, nicht sinkt. Heute liegt er brutto bei 60 Prozent, netto – wenn man Futtermittelimporte abzieht – bei knapp 53.

Selbstversorgungsgrad? Den meisten Linken werden dabei Wörter wie «Anbauschlacht», «Landigeist» und «reaktionär» in den Sinn kommen. Aber so einfach ist die Sache durchaus nicht.

Zwar gibt es viele berechtigte Einwände gegen die Initiative. Der Selbstversorgungsgrad lässt sich auf zwei Arten erhöhen: mit höherer Produktion oder mit weniger Menschen. Mit der Initiative betreibt die SVP bewusst versteckte Migrationspolitik: «Der Selbstversorgungsgrad sinkt mit jedem Zuwanderer», sagte Toni Brunner kürzlich zum «Schweizer Bauern».

Ausserdem gehen die Initianten implizit vom Bruttoselbstversorgungsgrad aus. Um bei einer wachsenden Bevölkerung den Anteil an Schweizer Lebensmitteln zu halten, müsste noch mehr Futter importiert werden. Das ist fragwürdig. Drittens liesse sich der Selbstversorgungsgrad am einfachsten steigern, wenn weniger Milch und Fleisch, dafür mehr Bohnen, Getreide und Gemüse produziert und gegessen würden – doch das lehnen die Initianten ab.

Und vor allem: Anders als die Initianten offenbar hoffen, verbessert eine hohe Produktion die Stellung der LandwirtInnen nicht unbedingt. Auf der ganzen Welt haben die BäuerInnen das Problem, dass sie zu RohstofflieferantInnen degradiert werden. Mehr Macht entsteht über Mitsprache bei Preisen und Mengen, nicht über das blosse Produzieren.

Doch bei aller Kritik: Die Diskussionen, die die Initiative auslöst, sind wichtig. Wer die agrarpolitischen Debatten der letzten Jahre mitverfolgte, hatte oft den Eindruck, dass die Nahrungsmittelproduktion für Linke und Liberale zuallerletzt kommt – weit hinter Biodiversität, Agrotourismus oder schönen Landschaften. Diese mangelnde Wertschätzung ist stossend. Hinter den Auseinandersetzungen über den Selbstversorgungsgrad steht letztlich die Frage, wer wo wie viel Nahrung für wen produziert. Diese Frage ist nicht reaktionär, sondern drängend.