Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Enttäuschung (ist resignativ)

Ab und an möchte man sich abwenden von dieser Welt, angesichts vielfältiger Enttäuschungen. Wir sollten unsere Erwartungen tiefer ansetzen.

Von Stefan Howald

Die Revolution ist enttäuschend verlaufen. Oder sie hat sich enttäuscht verlaufen.

Die Geschichte linker Hoffnungen besteht aus ebenso vielen Enttäuschungen: Sowjetunion. Spanien. Vietnam. Tansania. Nicaragua. Kuba (ja, auch). Barack Obama (na ja). François Hollande (nun ja). Moritz Leuenberger (um nach der Tragödie endgültig in die Komödie hinunterzusteigen).

Im Übrigen, Sonntage sind für Schweizer Linke schlecht. Da verlieren sie bei Abstimmungen meistens. Man könnte sich die Haare raufen, wenn einen das Volk wieder einmal enttäuscht hat. Vielleicht sollten wir doch ein neues wählen. Oder das Linkssein aufgeben.

«Alt – aber immer noch links?» hiess kürzlich eine Podiumsdiskussion, und während sich die Veranstaltung in der Nostalgie verlor, blieb die Frage wie ein steinerner Gast im Raum stehen. Dafür, dass Menschen, die links waren, später nicht mehr links sein mögen, gibt es gesellschaftliche wie individuelle Gründe.

Linkssein sei zum Beispiel gesellschaftlich nicht mehr nötig, da alles besser geworden sei und Widerstand überflüssig? Das Argument lässt sich leider sogleich abtun. Linkssein sei gesellschaftlich nicht mehr möglich? So weit in der ehernen, unabänderlichen Gewalt der Verhältnisse stecken wir glücklicherweise noch nicht.

Zynismus und Verrat

Individuell gibt es eine Palette von Verhaltensweisen als Reaktion auf ein früheres, lästig gewordenes Linkssein: Resignation, Zynismus, Absage, Verrat. Die dahintersteckende Enttäuschung wiederum entspringt unterschiedlichen Haltungen. Zum Beispiel einem revolutionären oder evolutionären Fortschrittsoptimismus. Wem die Zukunft klar und detailliert vor Augen erscheint, der muss enttäuscht werden, wenn sie nicht genau so eintrifft. Das gilt ebenso fürs Umgekehrte, die Zusammenbruchstheorien. ApokalyptikerInnen müssen den Untergang der Erde immer weiter hinausschieben und werden immer aufs Neue enttäuscht.

Auch der unverbrüchliche Aktivismus, wenn man sich nur auf die Gegenwart einstellt, oder der Kulturpessimismus, wenn man sich allein auf die Vergangenheit zurückbezieht, enden meist in der Enttäuschung.

«Desabusieren»

Dabei war die Enttäuschung nicht immer so negativ besetzt. Die Präfixbildung «ent-täuschen» wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Französischen ins Deutsche importiert und hiess zuvor «detrompieren» und «desabusieren». Das meinte aufklärerisch: die Entlarvung einer Vor-täuschung und damit die Befreiung aus einer Täuschung. Doch bald kippte «enttäuschen» ins Negative. In der enttäuschten Ent-täuschung äusserte sich die Dialektik der Aufklärung.

Dagegen versuchte schon Sigmund Freud kulturkritisch Gegensteuer zu geben. 1915 verfasste er unter dem Eindruck der Jahrhundertkatastrophe des Ersten Weltkriegs den Text «Zeitgemässes über Krieg und Tod». Darin analysierte er, welch böse Enttäuschung der Ausbruch des Kriegs gewesen sei (vgl. «Das Zitat» auf Seite 25 der Printausgabe). Die, meinte er, sei nicht gerade unberechtigt, aber übertrieben, weil sie auf einer Illusion über den erreichten Kulturzustand der Menschheit beruhe. Implizit rekonstruierte er die ursprüngliche Bedeutung: Wenn wir uns von der Vorstellung «desabusieren», der Kulturprozess sei unaufhaltsam vorangeschritten, werden wir nicht so enttäuscht werden.

Enttäuschung ist immer an Erwartung und Hoffnung geknüpft. «Hoffnung kann enttäuscht werden» nannte Ernst Bloch 1961 seine Antrittsvorlesung in Tübingen, nachdem er aus der DDR in die BRD übergesiedelt war. Resignation muss daraus nicht folgen.

Die eine, die Hoffnung, darf nicht preisgegeben werden. Die andere, die Enttäuschung, darf nicht überwältigen. Es braucht den stillen Heroismus des realistischen Gedankens. Er festigt für die Stürme der Gegenwart.

Was gelegentliche verdüsterte Tage nicht verhindert.

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