Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

«‹Dort draussen› wäre doch so viel Potenzial»

Die Schweizer Dörfer haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Sie sind Teil einer Agglomeration oder sterben aus. Der Dokfilmer Simon Baumann und der Künstler Toni Parpan stellen sich beide dem Dorf.

Von Esther Banz (Interview) und Tanja Buchser (Foto)

«Vielleicht wird man auf dem Land automatisch konservativer»: Künstler Toni Parpan (links) und Filmemacher Simon Baumann diskutieren in Suberg Vor- und Nachteile des Lebens in einem Dorf.

WOZ: Simon Baumann und Toni Parpan, Sie beschäftigen sich beide mit dem Dorf, in dem Sie jeweils voll- respektive teilzeitlich leben. Beschreiben Sie doch kurz «Ihre» Dörfer.
Simon Baumann: Suberg, wo ich aufgewachsen bin und heute noch lebe – und von dem mein Film «Zum Beispiel Suberg» handelt –, hat sich in den letzten dreissig Jahren enorm verändert. Mein Grossvater, der Bauer war, kannte noch praktisch jeden, ich niemanden. Das liegt zum Teil an meinen Eltern (Ruedi Baumann, Grüne Partei, und Stephanie Baumann, SP, beide im Nationalrat – Anm. d. Red.), die sich hier viele Feinde gemacht haben. Zum Teil liegts auch an mir, weil ich mich nie für dieses Dorf und seine Menschen interessiert habe. Es hat aber auch stark mit der Entwicklung hier zu tun: Es gibt keinen Laden mehr, keine Poststelle und keinen öffentlichen Raum, wo man sich begegnen könnte. Es sind anonyme Einfamilienhaussiedlungen entstanden, wo sich die Menschen hinter Hecken verstecken. Man grüsst sich nicht einmal mehr auf der Strasse.

Toni Parpan: In Zorten, das auf 1200 MeterN über Meer liegt und zum Gemeindeverbund Vaz/Obervaz gehört, grüsst man sich. Aber auch hier hat es keinen Laden mehr, kein Restaurant, keine Poststelle, keine Sennerei. Immerhin gibt es neben dem Museum und der Kirche noch die Schule.

Toni Parpan, Sie haben diesen Sommer mit einer Freundin Sitzbänke gezimmert und sie an verschiedenen Orten in Zorten platziert …
Parpan: Mir erzählten die Leute im Dorf, dass man früher mehr miteinander redete oder gar Lieder sang. Heute passiert das kaum noch, weil die meisten immer auf Rädern unterwegs sind. Wir haben die Bänke gemacht, damit man sich wieder irgendwo hinsetzen kann.

Baumann: Das ist in Suberg genau gleich. Von meiner Grossmutter weiss ich, dass sie früher am Abend vor dem Haus sassen. Man machte sich sichtbar, nahm am öffentlichen Leben teil, auch wenn man dabei nur vor seinem Haus sass.

Ergaben sich dabei Gespräche?
Baumann: Ja, sicher. Und die Türen standen immer offen, man ging bei den Nachbarn einfach rein, die Schwelle galt nicht als heilig. Heute ist es ja lebensgefährlich, ein fremdes Haus zu betreten. Ich will die Vergangenheit aber nicht idealisieren. Es war wohl kaum Nächstenliebe, die dafür sorgte, dass man sich näher war und mehr miteinander zu tun hatte. Ich glaube vielmehr, dass man schlicht darauf angewiesen war, sich gegenseitig zu helfen.

Parpan: Man teilte damals Maschinen, half sich bei der Arbeit aus. Heute hat jeder seine eigenen Traktoren und Autos. Man ist nicht mehr gross aufeinander angewiesen.

Baumann: Es ist heute vielleicht sogar einfacher, eine Kabelrolle kaufen zu gehen, als eine bei den Nachbarn auszuleihen, denn sie kostet ja nicht mehr viel.

Wie lernt man überhaupt die Menschen im Dorf kennen, wenn es keine Berührungspunkte mehr gibt?
Baumann: Kinder helfen offenbar, habe ich gehört. Ich habe beschlossen, dem Männerchor beizutreten. Zuerst wollte ich das nur für den Film tun, aber man sagte mir: Entweder ist das ein langfristiges Engagement, oder man lässt es besser. Jetzt bin ich seit zweieinhalb Jahren dabei. Letztes Jahr bescherte mir das eine grosse Identitätskrise. Ich fragte mich: Passt das wirklich zu mir? Ich hatte zunächst keine gemeinsamen Gesprächsthemen mit den Leuten, die alle älter sind als ich. Mittlerweile sind sie mir nähergekommen, und wir diskutieren sogar.

StädterInnen, die ins Dorf ziehen, aber weiterhin in der Stadt arbeiten, sind schon länger Teil der fortschreitenden Anonymisierung der Dörfer.
Baumann: Ja, und interessant ist hier, dass die Zuziehenden zwar ihre städtische Individualität und Toleranz mitbringen, aber offenbar dennoch nicht ihr progressives Denken. Auf dem Land wird ja trotz dieser Zuwanderung aus den Städten noch immer konservativer abgestimmt als in den Zentren.

Haben Sie schon eine Erklärung dafür?
Baumann: Im Film thematisiere ich die Bedeutung der eigenen vier Wände, man ist auf dem Land ja meistens Besitzer und mobiler. Plötzlich ein Haus zu haben – ich konnte meines zu günstigen Konditionen kaufen –, hat auch mich ein wenig verändert. Man fühlt sich verantwortlich, wenn etwas verlottert. Wenn ich nichts dagegen unternehme, schauen mich die Nachbarn schief an. Vielleicht wird man auf dem Land automatisch konservativer, weil man sein Revier beschützen will. Man fängt an zuzumachen, möchte bewahren, Veränderungen sind gefährlich.

Passen Sie sich dem Dorf und seinen Gepflogenheiten an?
Parpan: Mein Stall steht mittendrin und ist offen, ein Strickbau. Ich achte darauf, dass wir nicht jeden Abend bis Mitternacht laut sind. Die Leute im Dorf stehen früh auf. Auch mir ist es wichtig, dass wir aufstehen und uns an die Arbeit machen.

Baumann: Zorten hat vermutlich mehr gemeinsam mit Suberg, wie es vor zwanzig Jahren war. Aber auch ich hänge hier nicht den Künstler raus.

Ihre Eltern schienen weniger anpassungswillig, als sie jung waren …
Baumann: Oh ja, die waren viel mutiger! Und das Dorf, ein SVP-Dorf, war damals ja noch viel enger. Sie zogen im ersten Jahr, nachdem sie den Hof übernommen hatten, ein Selbstversorgungsjahr durch, in ihren Hippiekleidern. Ich und offenbar auch du, Toni, wir sind viel zurückhaltender, wir wollen lieber nicht anecken. Ich bin zwar politisch, aber im Vergleich zur Generation meiner Eltern komme ich mir nicht so vor.

Ich fühle mich nicht als Teil einer Bewegung, die die Welt verändern will. Meine Eltern glaubten das noch, scheint mir. Und aufs Dorf bezogen verhalte ich mich genau gegenteilig zu meinen Eltern: Während sie gegen die Traditionen, das Dörflerische, Kleingeistige und gegen die Enge ankämpften, suche ich Austausch und Gemeinschaft.

Das könnten Sie auch in der Stadt finden, vermutlich einfacher. Weshalb tun Sie sich das Dorfleben überhaupt an?
Baumann: Das hat klar mit dem Haus zu tun.

Parpan: Bei mir ists auch der Stall. Als ich ihn erbte, war ich gerade mit dem Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst fertig. Ich musste das Dach flicken und dachte: Wenn schon dieser Aufwand, dann möchte ich wenigstens auch Zeit hier verbringen. Das eine hat dann das Nächste ergeben. Am liebsten würde ich das leer stehende ehemalige Restaurant kaufen und meine Freunde dort ansiedeln.

Baumann: Wir versuchen auch immer, andere herzulocken, wenn ein Haus frei wird. Die meisten finden dann aber: Jä, Suberg?

Betrachten Sie Ihr Interesse am Dorf als etwas Langfristiges?
Parpan: Mit «(Z)orten», wie ich mein Projekt nenne, bin ich mir nie sicher, ob und wie es weitergehen soll. Aber ich mache jetzt dann im örtlichen Museum mit, die brauchen noch jemanden für den Vorstand.

Baumann: Und ich bin jetzt gerade in die Kulturkommission gewählt worden. Wir machen beide noch Karriere im Dorf!

Parpan: Ich war aber noch nie an einer Gemeindeversammlung, obwohl ich im Dorf Steuern bezahle.

Baumann: Ich auch nicht.

Sie haben beide noch nie in Ihrem Dorf an einer Gemeindeversammlung teilgenommen? Das ist speziell.
Baumann: Nein, das ist nicht speziell, nicht in unserer Generation, es ist der Normalfall.

Parpan: Diesen Eindruck habe ich auch.

Dennoch: Sie versuchen, sich ins Dorfleben zu integrieren, und möchten bewirken, dass es im Dorf wieder Begegnungsorte gibt – aber mitentscheiden, wenn es konkret wird, gehen Sie nicht?
Baumann: Ja. Und wohlgemerkt: Ich bin kein unpolitischer Mensch. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich auf kantonaler oder Bundesebene noch nie eine Wahl oder Abstimmung ausgelassen habe. Aber ob hier eine Ampel kommt oder nicht … na ja.

Parpan: Über alles Politische wird bei uns brieflich abgestimmt, aber punkto Boden, Wald und Alpen wird an der Bürgerversammlung entschieden. Stimmt, ich muss langsam anfangen, auch da hinzugehen!

Wo würden Sie anfangen mit langfristig ausgerichteten Veränderungen?
Parpan: Ich fände es schön, man würde sich in Zorten längerfristig auf die eigene Kraft berufen. Es ist klar, wir in Zorten sind halt nur «dort draussen», am Rand – aber eigentlich wäre da so viel Potenzial, und es bräuchte gar nicht so viel, es zu nutzen.

Haben Sie ein Beispiel?
Parpan: Es gab in Zorten ein Heim für ältere Menschen und solche mit psychischen Handicaps. Man hätte es renovieren und neu positionieren müssen – aber man fand, es rentiere sich nicht, in Zorten ein Heim zu haben, es gebe ja noch eins auf der Lenzerheide, also hat man es zugemacht. Dabei hatte dieses Heim Möglichkeiten, die man andernorts suchen muss: Es gehörte Land dazu, ein Stall, ein Garten und Obstbäume. Die Bauern, die das Land jetzt gepachtet haben, wären alle dabei, wenn es ein neues Heim gäbe, beispielsweise für Jugendliche mit Integrationsschwierigkeiten. Es könnte ein wunderbares Heim sein, das auch dem Dorf gut täte und verschiedene soziale Aufgaben übernähme.

Könnten Sie das nicht vorschlagen?
Parpan: Unser Gemeinderat ist an solchen Ideen nicht interessiert. Da bin ich vielleicht anders, weil ich nicht Wirtschaft studiert habe. Ein Architekt hätte meinen Stall auch nicht umgebaut, weil es sich nicht rentiert hätte.

Baumann: Aber vielleicht kann aus der Sehnsucht vieler nach dem Einfachen, Haptischen plötzlich ein neues Dorfleben entstehen – mit anderen Leuten, jungen Künstlerinnen und Künstlern beispielsweise.

Und mit Leuten, die sich nach einem «Landliebe»-Leben sehnen?
Baumann: Eher weniger. In solchen Zeitschriften findet eine extreme Romantisierung des Landlebens statt. Selbst einen Garten und die schönsten Gartenwerkzeuge haben. Aber was auf dem Land und mit den Dörfern passiert, thematisieren sie nicht.

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