Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Neue Räume zwischen Laptop und Beet

Eine neue Generation von StadtaktivistInnen legt gemeinsam Hand an die Stadt an. Ihr Credo: Macht es selber. Und vor allem: Macht es zusammen.

Von Yves Kramer

Man muss sich nicht weit von der WOZ-Redaktion entfernen, um zu sehen, wie eine Stadt ihr Gesicht verändert, wenn sie für die zahlungskräftige Oberschicht umgebaut wird. In Zürich West lässt sich trefflich zeigen, was passiert, wenn Boden- und Immobilienpreise in einem Quartier steigen, «weil Makler den Wohlhabenden den ‹Charakter› des Viertels als multikulturell, lebendig und vielfältig anpreisen», wie der Marxist und Geograf David Harvey in seinem Buch «Rebellische Städte» schreibt. In den Augen von Harvey neigt Urbanisierung im Kapitalismus fortwährend dazu, «die Stadt als soziales, politisches und lebenswertes Gemeingut zu zerstören». Zurück bleibt eine «clean city», in der die angepriesene Urbanität nach und nach steril wird.

Doch noch gibt es Ecken im Quartier, die anders ticken. Die Brachfläche auf dem Hardturmareal ist so eine. Dort ist in den letzten zwei Jahren eine liebevoll wuchernde Oase entstanden, in der AnwohnerInnen gemeinsam gärtnern und backen, skaten und klettern, werken und spielen.

Die «Stadionbrache» passt gut zum Fotoband «Stadt der Commonisten», in dem die drei Soziologinnen Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner zusammen mit der Fotografin Inga Kerber den «neuen urbanen Räumen des Do it yourself» nachgegangen sind. Und sie passt ebenso gut zum «neuen Urbanismus von unten», dem sich der «Zeit»-Redaktor Hanno Rauterberg in seinem jüngsten Buch verschrieben hat. Es trägt den etwas plakativen Titel «Wir sind die Stadt!», der Inhalt des Buches weist den Autor aber als wachen Beobachter aktueller Veränderungen im urbanen Leben aus.

Renaissance des öffentlichen Raums

«Die Stadt lebt», schreibt Rauterberg, «und allein das lässt viele staunen.» In der «Stadt der Digitalmoderne» lasse sich die Zukunft noch gewinnen, glaubt Rauterberg und stellt bei vielen Menschen eine wachsende Bereitschaft fest, sich auf «ungewohnte Spielformen des Öffentlichen» einzulassen. Sei dies durch das «Einstricken und Einhäkeln» von Gegenständen oder Denkmälern («guerilla knitting»), die Verfremdung von Werbeplakaten («adbusting»), das Anlegen von Blumen- und Gemüsebeeten («guerilla gardening») oder das Umgestalten von Parkplätzen zu temporären Parks. Der öffentliche Raum, so Rauterberg, werde wieder als gesellschaftlicher Raum verstanden, der allen gehört und den sich jeder aneignen und den jede gestalten darf. Dass er zunehmend überwacht wird, kümmere dabei die wenigsten ernsthaft.

Eine zentrale These von Rauterberg lautet, dass es ohne das Internet nicht zur Neubelebung der Stadt gekommen wäre. Das Bedürfnis nach «realen Räumen» sei gewachsen, und die interaktive Netzkultur färbe auf das Verhalten der Menschen in diesen ab. Neben der Begeisterung für das Do-it-yourself-Prinzip macht Rauterberg auch eine «neue Suche nach Bodennähe und Eigenempfinden» aus. In den Gemeinschaftsgärten werde dies besonders augenfällig. So ist es für Rauterberg nicht weiter verwunderlich, dass vor allem VertreterInnen der «Generation Facebook» losziehen und die urbane Wüste neu begrünen. «Anders als der Fetisch namens Wachstum, dem die Ökonomen huldigen, ist der wachsende Garten immer noch ein Versprechen.» Und nicht selten entsteht hier auch Widerstand gegen die Nahrungsmittelindustrie und allgemein gegen eine Welt, in der alles vorgefertigt, verpackt und geordnet ist.

Von Allmende bis Zwischennutzung

Einen Augenschein, wie es in den Gemeinschaftsgärten, den offenen Werkstätten und den neuen Kreativgemeinschaften zu- und hergeht, liefern die Bilder der Leipziger Fotografin Inga Kerber in «Stadt der Commonisten». Der schön gestaltete Band lädt zum Schmökern und Verweilen ein – schade nur, kommen die CommonistInnen selbst im Buch nicht zu Wort. Baier, Müller und Werner, die alle für die Münchner Stiftungsgemeinschaft Anstiftung & Ertomis arbeiten, haben stattdessen ein Glossar verfasst, das von A wie Allmende bis Z wie Zwischennutzung reicht und uns die Welt der CommonistInnen häppchenweise und mit viel Sympathie näherbringt. Die Bezeichnung «CommonistInnen» leitet sich vom englischen «common» (gemeinsam, gemeinschaftlich) respektive «commons» (Gemeingut, Allmende) ab.

In den Projekten der CommonistInnen, die zurzeit von New York bis Berlin im Rampenlicht stehen, werden hergebrachte Vorstellungen von Besitz und Eigentum unterlaufen, wird die kapitalistische Waren- und Verwertungslogik hintergangen. Den Glauben an die grossen modernen Mythen wie Fortschritt und Wachstum haben sie ebenso verloren wie den an die klassische Lohnarbeit. Ihr «postmaterieller Lebensstil» setzt auf Selbermachen, Kooperation und Gemeinschaftssinn. Man ist technisch und sozial versiert, hilft sich, teilt, leiht und tauscht; man verwertet wieder, baut um, fügt an, trennt ab und entdeckt altes Handwerk neu – und weil keine Form für immer ist, wird laufend am Unfertigen weitergebastelt.

Herkömmliche Parteien und Verbände sind nicht ihr Ding, stattdessen legen sie laut den drei Soziologinnen «ein frisches und respektloses Verhältnis zu allem Bestehenden an den Tag». Auch Hanno Rauterberg beobachtet einen «Optimismus der Tat», der einen Bogen um grundlegende Systemkritik und lange Theoriedebatten macht und aus dem Augenblick heraus mehr auf eine vorläufige «Welt 2.0 oder 3.0» abzielt als auf die «final beglückte Gesellschaft». Auch wenn die CommonistInnen ein deutliches Verlangen nach Veränderung umtreibt – von den «grossen linken Erzählungen» haben sie sich verabschiedet.

Recht auf Stadt

Nicht so David Harvey, doch auch der 78-jährige Marxist muss feststellen: «Aus irgendeinem Grund scheint uns der Mut zu einer systematischen Kritik zu fehlen.» In «Rebellische Städte» wirkt er diesem Umstand unter marxistischen Vorzeichen entgegen. Um die Stadt für den antikapitalistischen Kampf zurückzugewinnen, scheut Harvey keinen Aufwand. Kundig, doch bisweilen etwas kurzatmig hetzt er mit uns von Schauplatz zu Schauplatz rund um den Globus, wobei weniger wohl mehr gewesen wäre.

Für David Harvey spielt sich der Klassenkampf heute nicht mehr in der Fabrik ab, sondern in und um die Stadt. Umso mehr ärgert er sich darüber, dass die «traditionelle Linke» urbane Bewegungen nach wie vor vernachlässige. Denn Harvey teilt die Überzeugung des marxistischen Philosophen Henri Lefebvre, der bereits vor mehr als vierzig Jahren schrieb, «dass die Revolution unserer Zeit in jedem Fall eine urbane sein muss». Und mit Lefebvre fordert Harvey ein «Recht auf Stadt». Für das Recht, «die Stadt nach unseren eigenen Wünschen zu verändern und neu zu erfinden», lohne es sich zu kämpfen. Ohne Zugang zu Macht geht das nicht.

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