Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Endlich neidlos

Über den Abstimmungssonntag.

Von Susi Stühlinger

«Guten Morgen, Frau Pieren», quäkte es fröhlich aus einem guten Dutzend Kehlen, als sie ihr KMU betrat. «Schnauze, ihr Scheisskinder», murmelte SVP-Nationalrätin Nadja Pieren und zog sich fluchtartig in die Teeküche zurück. Die Familieninitiative war zünftig in die Hose gegangen – und ihr blieb nichts anders übrig, als weiterhin ein tristes Dasein als Betriebsleiterin der Kita Wombat GmbH in Bremgarten bei Bern zu fristen.

Die Hoffnung, ihre begüterten Kundinnen würden künftig selbst auf die mühsamen Bälger aufpassen, hatte sich zerschlagen, und so war es an ihr, weiterhin für ein privates Kita-Angebot zu sorgen, um wenigstens die eklatante Vermehrung der Staatskinder ein bisschen zu bremsen. Sie ärgerte sich über den hetzerischen linken Medienmainstream, über die Lügen von angeblichen Steuerausfällen und am allermeisten über ihre männlichen Kollegen, die es nicht für nötig befunden hatten, eine solide APG-Kampagne zur Familieninitiative zu fahren, und das Budget stattdessen lieber für die animierte Anti-1:12-Propaganda in Kalter-Kriegs-Ästhetik verbrieten. Umso mehr, als sie dann wieder diejenige war, die danach den «Blick»-Reporter anlügen musste mit Sätzen wie: «Wir haben auch nicht Geld, das man von den Bäumen pflücken kann.»

Dabei musste doch auch den Parteikollegen langsam bewusst werden, dass die Gefahr längst nicht mehr von den KommunistInnen ausging, sondern vielmehr von der CVP. Deren Präsident Christophe Darbellay hatte gleich nach der Abstimmungsniederlage herausposaunt, was Nadja Pieren insgeheim selbst befürchtete: «Es kam nicht gut an, dass die SVP plötzlich dieses Thema besetzen will, denn jeder weiss, dass die CVP die Familienpartei ist.» Und tatsächlich: Auch wenn die Basis es anders verstanden hatte, das Familienmodell, das der CVP-Parteileitung vorschwebte, war zukunftsweisend und unterschied sich kaum von demjenigen, das auch Pieren favorisierte. Und im Gegensatz zu ihrer eigenen Partei würde die CVP für ein solches Anliegen sogar Geld aufwerfen – wenn sie denn welches hätte.

Zur gleichen Zeit im Säuliamt: Generalstabsoberst Hans-Ulrich Bigler machte sich eine Portion Büchsenravioli warm, Erika war – wie so oft in letzter Zeit – wieder einmal ausgeflogen. Dieser Umstand vermochte die Laune des Gewerbeverbandsdirektors allerdings nicht zu trüben. Allen Unkenrufen, all dem Gezänk im Verband, all den Vorbehalten seiner Person gegenüber zum Trotz hatte er die feindlichen Truppen niedergerungen, zerschlagen, besiegt. Er allein hatte die Juso mit ihrer 1:12-Initiative gebodigt, und diese modernen Plakate der SVP am Zürcher HB hätte es gar nicht gebraucht.

«Das Volk hat genug von der Neiddebatte», hatte er nicht ohne Stolz vor der versammelten Presselandschaft verkündet – und das war es ja auch, worum es im Kern immer gegangen war: Hans-Ulrich Bigler war zutiefst erleichtert, dass die vergiftete Debatte ein Ende nahm, dass das mit Missgunst aufgeladene Klima endlich einem friedlichen und solidarischen Miteinander weichen konnte, wo Bürger und Gewerbe geeint für einen starken Wirtschaftsstandort Schweiz kämpften. Es gab nur etwas, das ihn an der ganzen Sache noch mehr freute: Die Typen von der Economiesuisse, die Anfang des Jahres die Kampagne zur Abzockerinitiative in den Sand gesetzt hatten, waren ganz grün vor Neid.

Susi Stühlinger findet, dass es trotz 
der 1:12-Niederlage schon schlimmere Abstimmungssonntage gab.

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