Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Ein rätselhafter Tod in Brighton

Von Stefan Howald

Soeben ist das Buch eingetroffen, eine Neuauflage fünfzig Jahre nach der Erstausgabe: «Pebbles from My Skull» von Stuart Hood.
Ich hatte Hood um 2000 kennengelernt, in London, als ich ebendieses Buch von ihm übersetzte (erschienen in der Zürcher Edition 8 unter dem Titel «Carlino»). Des Deutschen mächtig, hatte er mir bei der Übersetzung geholfen und aus seinem Leben voller Abenteuer und Rätsel erzählt.

Im Zweiten Weltkrieg war er britischer Aufklärungsoffizier gewesen und hatte Kenntnisse des von den Alliierten entzifferten deutschen Geheimcodes. Später hatte er in Norditalien mit den Partisanen gekämpft (wovon dieses Buch handelt). Im Nachkriegsdeutschland befragte und übersetzte Hood, wiederum als Aufklärungsoffizier, Ernst Jünger, um mehr über das Naziregime zu erfahren. Danach machte das frühere KP-Mitglied Karriere in der BBC, vom Verdacht begleitet, ein Roter unter dem Bett zu sein. In den Siebzigern verkehrte er bei Erich Fried in London und lernte Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) kennen (worüber er einen Roman schrieb), verkehrte mit spanischen Wi­der­stands­kämp­fer­In­nen gegen das Franco-Re­gime (worüber er einen Roman schrieb). Die Frage, wie weit man sich mit Klandestinem und auf Gewalt einlassen soll, durchzieht sein Werk. Renée Goddard, eine frühere Lebenspartnerin, hat gemeint, letztlich sei ihr Hood, im Innersten, ein Rätsel geblieben. Das verstörendste Rätsel aber bleiben seine letzten Jahre.
Bis 2005 korrespondierte ich ab und an mit Hood, dann brach der Kontakt ab. Im Mai 2008 reiste ich wegen einer weiteren Übersetzung nach Brighton. Seine dritte Frau, Svetlana, die ich zuvor zweimal getroffen hatte, wollte mich nicht mehr kennen, verweigerte jeden Zugang, drohte mit der Polizei. Andrew Hood, der Sohn aus erster Ehe, der in Berlin lebte, sowie Klaus Fried, der Sohn von Erich Fried, hatten das Gleiche erlebt, waren bei Besuchen von Svetlana von der Tür gewiesen worden. Sie hielt ihn, mussten wir ohnmächtig akzeptieren, handgreiflich abgeschottet, wobei dies womöglich von ihm selbst so gewünscht war.

Im November 2011 schrieb mir Andrew, er habe erfahren, dass sein Vater vor zehn Monaten gestorben sei, ohne dass dies bekannt wurde. Ich liess mir in Brighton ­einen Totenschein ausstellen: Stuart Hood, 96 Jahre, gestorben 21. Januar 2011 im ­Royal Sussex County Hospital Brighton. Herz­versagen bei fortgeschrittenem Parkinson.

Nun liegt sein Buch wieder auf Englisch vor. Mit einem Vorwort der Witwe. Es ist so eindrücklich wie einst, und in seinem Innersten bleibt ein Rätsel.

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