Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

Durch die Windungen seines Gedächtnisses

Vierzig Jahre nach Kriegsende veröffentlichten die PsychoanalytikerInnen Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy ihren vielschichtigen Erfahrungsbericht über den jugoslawischen Partisanenkrieg. Nun kommt «Es ist Krieg und wir gehen hin» neu heraus.

Von Thomas Bürgisser

Vom sicheren Zürich in den Krieg: Paul Parin (rechts) und andere Angehörige der Centrale Sanitaire Suisse im Februar 1945 vor einem jugoslawischen Partisanenlazarett. Foto: Keystone

Eindrücklich ist sie, die Geschichte der kleinen Gruppe Schweizer ÄrztInnen, die sich im Kriegsherbst 1944 von Genf aus zum Zweiten Armeekorps der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee in Montenegro durchschlug. Aus humanitären Beweggründen schlossen sie sich den kommunistischen Partisanen in deren Kampf gegen Nazideutschland an. In improvisierten Lazaretten und Feldspitälern führten sie während Monaten über 10 000 Notoperationen durch. Auf abenteuerlichen Pfaden rückten sie hinter der Front in das befreite Belgrad vor. Nach Kriegsende kümmerten sie sich um die PatientInnen einer grassierenden Typhusepidemie.

Das Image aufpolieren

Erstaunlich am Einsatz der Centrale Sanitaire Suisse (CSS) ist, dass die ÄrztInnen überhaupt aus der Schweiz ausreisen durften. Das 1937 gegründete Hilfswerk hatte im Spanischen Bürgerkrieg die republikanischen Kräfte gegen das faschistische Franco-Regime unterstützt. Den Behörden war klar, dass auch die ÄrztInnenmission nach Jugoslawien «ausgesprochen unter der roten Flagge segelte». Der erste Sozialdemokrat im Bundesrat, Ernst Nobs, konnte seine Kollegen schliesslich von diesem «Werk des schweizerischen Edelmutes und der Hilfsbereitschaft» überzeugen. Die Regierung hoffte, damit das arg ramponierte Image der kriegsverschonten, neutralen Schweiz bei den Alliierten aufzupolieren. So berichtete im Juni 1945 auch die Schweizer Filmwochenschau prominent über den Einsatz der CSS. Am Jahresende folgte eine dreiteilige Artikelserie in der «Schweizer Illustrierten Zeitung», verfasst vom Chirurgen Guido Piderman, selbst Leiter der Jugoslawienmission. Bei der Lektüre konnte sich die Leserschaft ein klein wenig im Glanz derer sonnen, die vor 75 Jahren auf der Seite der Menschlichkeit und des Siegs über Hitler standen.

In der «Schweizer Illustrierten» werden ein Dr. Parin und eine Schwester Liselotte Matthèy als Mitglieder der CSS-Mission erwähnt. Es sind der ab Ende der 1960er Jahre weitherum bekannte Zürcher Psychoanalytiker und linke Intellektuelle Paul Parin sowie seine Lebens- und Arbeitspartnerin Goldy Parin-Matthèy. Als Paar – mit Paul Parin als Chronisten – publizierten die beiden ebenfalls einen Erfahrungsbericht über den jugoslawischen Partisanenkrieg. Sie verfassten den Text allerdings über vier Jahrzehnte nach Kriegsende. Als das Manuskript fertig redigiert wurde, zog in Jugoslawien bereits ein neuer Krieg herauf. Beim Erscheinen der Erstausgabe von «Es ist Krieg und wir gehen hin» im Oktober 1991 war er bereits da.

Dieser Tage sind nun – wiederum sind fast dreissig Jahre vergangen – Parins Kriegsmemoiren als kommentierte und erweiterte Neuauflage im Wiener Mandelbaum-Verlag erschienen. Das ist in mehrfacher Hinsicht begrüssenswert. Denn einerseits war der 2009 verstorbene Paul Parin ein sprachmächtiger und grossartiger Erzähler. Er führt uns durch die Windungen seines Gedächtnisses zurück in die Unmittelbarkeit einer Zeit der Extreme. Die Leserschaft taucht in das Pandämonium des Krieges ein: «Es stinkt nach Eiter, Kot und Äther, es wird gestöhnt, geflucht und gelacht.» In der Bergwüste Montenegros nimmt der siegreich voranschreitende Widerstandskampf poetische Züge an. Fesselnd schildert Parin die Revolutionsfeier in Niksic, als die PartisanInnen in ihren zerschlissenen Kleidern von den Hängen herabsteigen und durch die Novembernacht zum eigenen, monotonen Gesang sowie zum dünnen Klang der Hirtgengeige um die leuchtenden Feuer ihren Reigen tanzen.

Rasch entzauberte Utopie

In solchen Passagen wird auch deutlich, dass Parins Erinnerungen an den Weltkrieg von späteren Erfahrungen überlagert werden. Es schimmert der Blick des Ethnopsychoanalytikers durch, der in Westafrika die traditionellen Stammesgesellschaften auf die Couch legte – Parins Forschungsbericht «Die Weissen denken zu viel» wurde zum Kultbuch der Achtundsechziger. Solchen Wechselwirkungen im Gedächtnis steht Parin bewusst – und gänzlich unbekümmert – gegenüber: «Dass Erinnerung das Erlebte immer wieder verändert und umschreibt, brauchte nicht zu schaden. Was daraus geworden ist, wie die Ereignisse fortgewirkt haben, das könnte die Geschichte lebendiger machen», schreibt er. Und tatsächlich bereichern ganz unterschiedliche Facetten von Parins Werdegang die Rückblende. Das Ineinandergreifen verschiedener Zeitebenen pflanzt sich in der Rezeptionsgeschichte der Memoiren fort. Im Zuge der Jugoslawienkriege war Paul Parins Expertise zu historischen Zusammenhängen gefragt – mit viel kritischem Engagement äusserte er sich mehrfach auch in der WOZ zum Thema (siehe WOZ Nr. 25/2006).

Voller Tatendrang war Parin vom sicheren Zürich aus in den Krieg aufgebrochen. Es war für ihn und Goldy, die bereits in Spanien als Sanitäterin gegen den Faschismus im Einsatz gewesen war, ein Kampf für die gerechte Sache. Darin sahen sie sich bestätigt, als die Befreiung in Jugoslawien einen «neuen Menschen» hervorzubringen schien: «solidarisch, verantwortlich und human». Die Utopie eines «brüderlichen Sozialismus» wurde jedoch rasch entzaubert. Vor ihren Augen verunstaltete sich der revolutionäre Kampf bei Kriegsende «zu einer – vorerst stalinistischen – Bürokratie». Parin hat dieser Rückschlag nicht verbittert, aber klüger gemacht. Sein Buch erzählt mehr als ein wenig bekanntes Stück Zeitgeschichte. Es bietet eine sehr vielschichtig anregende Lektüre.

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