Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Geheime Beichte und öffentliche Abbitte

Einst sassen die KatholikInnen im Beichtstuhl, und die ProtestantInnen prüften ihr Gewissen ganz allein vor Gott. Mittlerweile wird ein komplettes Zerknirschungsritual in der Öffentlichkeit zelebriert.

Von Andrea Roedig

Illustration: Marcel Bamert

Ich erinnere mich an das Gitter. Kleine Quadrate waren quer ins dunkle Holz geschnitzt, sodass sie ein engmaschiges Muster ergaben, in dem Hunderte winzige Vierecke auf ihren Spitzen balancierten. So eng war die Kabine, so schmal die Kniebank gebaut, dass man mit dem Gesicht ganz dicht heranmusste ans Gitter, bis das Muster vor den Augen verschwamm und einen leichten Schwindel auslöste. Ich hatte immer Angst, irgendwann ohnmächtig zu werden in der schwülen, stickigen Luft dort drinnen. Hinter dem Gitternetz im Halbdunkel schwebte die nahe Wange, der flüsternde Mund, das lauschende Ohr des fahl beleuchteten Priesters. Ohrenbeichte heisst das nicht umsonst. Fremd war der Mann hier, obwohl man ihn kannte, zerstückelt nah und entrückt, und man musste sehr genau hinhören, um die beinahe lautlos zischelnden Worte gut zu verstehen, die von Sünden freisprachen und Busse anordneten. Drei Vaterunser sollst du beten und drei Ave Maria, dann ist alles gut.

Weiche Stelle

Die Institution der Beichte hat etwas gemacht mit meinem Leben. Es ist eine Praxis aus der Kindheit. Heute gibt es oft gar keine Beichtstühle mehr, die jahrhundertealte Tradition dieser Geständnismaschinen ist aufgeweicht, die Kirchen bieten Gespräche mit dem Priester in einem «Aussprachezimmer» an, Beichte und psychologische Beratung. Von Busse und Beichte spricht man tunlichst nicht mehr, lieber vom «Sakrament der Versöhnung».

Mit mir aber hat die Beichtpraxis der alten Form etwas gemacht. Das Knien vor dem Gitter mit gesenktem Kopf, das Flüstern im Halbdunkel, die Aufregung vor dem Ritus und die Erleichterung danach, all das hat in mich einen Reflex des Bekenntnisses eingesenkt und einen Reflex der Demut. Es schuf eine weiche Stelle, die gar nicht passen will ins harte Leben, die unfähig macht zu Pokerspiel, Schwarzfahren und drastischem Lügen. Nichts fühlt sich schlimmer an als Erwischtwerden, bevor man sich selbst angezeigt hat. Es handelt sich um eine gesteigerte Sehnsucht nach Erlösung durch Wahrheit. Willst du geliebt werden, sag dein Geheimnis. Bekenne, und dir wird vergeben.

Immer wieder wird gesagt, die Katholiken machten es sich leicht mit ihrem Ablasshandel. Sie müssten ihre Sünden nur beichten, und damit sei alles vergeben, vergessen und vom Tisch. Aber so einfach ist das nicht. Der Kreislauf von Schuld, Geständnis und Erlösung geht nämlich beständig und verfeinert die Sinne. Er erspürt Versäumnisse überall und macht ein typisch katholisch schlechtes Gewissen, wo andere völlig unberührt bleiben und cool ihre Sache durchziehen, bis sie erwischt werden. Wir aber fühlen uns, wie der heilige Augustinus so schön befahl, als «Sündenklumpen» und bleiben gefangen im Wiederholungszwang. Es ist, als müssten wir aus Angst vor der Strafe immer wieder sündigen, damit die Angst eine Nahrung findet. Verbot und Übertretung, Schuld und Vergebung, Geheimnis und Enthüllung: Man weiss ja nie, was hier zuerst war, nur dass, einmal in Gang gesetzt, aus jedem Ei auch wieder eine Henne schlüpft. So möchte man vielleicht auch um der Erlösung willen ein bisschen sündigen.

Denn erlösend ist es ja, wieder aufgenommen zu werden in die Gemeinschaft aller.

Kein Geheimnis

Der Trick der religiösen Beichte beruht darauf, dass es vor Gott kein Geheimnis geben kann. Er weiss sowieso alles, sieht in jeden Winkel, hört jedes Wort, kennt unsere Seelen. Verbergen kann man sich nur vor der Welt und vielleicht vor sich selbst. Vor Gott aber wirken die Feigenblätter, die sich Adam und Eva nach dem Sündenfall vors Geschlecht halten, nur lächerlich. Das Bekenntnis in der Beichte enthüllt daher nichts, es ist ein Akt der reuevollen Demut und der Selbsteinsicht, der eben – in einer Mischung aus Gnade und Perfidie – strafmindernd wirken kann.

Die alte Rechnung lautete Auge um Auge, Zahn um Zahn, Vergehen und Ausgleich. Irgendwann aber hat sich zwischen schuldige Tat und entschuldende Strafe das Geständnis geschaltet wie ein Relais, was eine folgenreiche Verschiebung im Tauschhandel mit der Schuld bewirkt. Wenn du eingestehst und wahrhaft bereust, was Gott schon weiss, kann Gnade vor Recht ergehen. Die weltliche Rechtsprechung hat einiges aus dieser Logik übernommen. Selbstanzeige führt in gewissen Fällen zu Strafminderung, was dem derzeit prominentesten deutschen Steuerhinterzieher, dem Exfussballer Uli Hoeness, trotzdem nichts nützt. Im Geständnisspiel ist die Logik der Vergeltung aufs Feinste subtilisiert: Wir führen uns selbst zum Richter und sind «zerknirscht», wie es so schön heisst.

In Zeiten massenmedial vermittelter Öffentlichkeit scheint sich manchmal die ganze Welt in einen immensen, nach aussen gestülpten Beichtstuhl zu verwandeln. An der Stelle des horchenden Priesters sitzt nun die Öffentlichkeit, und an der Stelle des richtenden Gottes sitzt sie ebenfalls. Sie will Geständnisse hören, Reue sehen, Busse und öffentliche Abbitte. Was dabei am Pranger steht, variiert je nach nationalem Kontext. In den USA stolpern Politiker regelmässig über sexuelle Vorlieben oder Seitensprünge, die hierzulande als Privatsache gälten. Öffentlich sollen die Herren sich dann schämen und den Buckel machen. Expräsident Bill Clinton musste sehr herumlavieren, um im Zuge von «Monicagate» einen Blowjob zur nicht-sexuellen Handlung zu erklären, und ohne seine Gattin Hillary, die für ihn bürgte, hätte er die Sache schlechter durchgestanden. Auch Anne Sinclair stand öffentlich treu zu ihrem Mann Dominique Strauss-Kahn, als er sich eines Zimmermädchens bediente und in den USA der sexuellen Nötigung angeklagt wurde, was ihn – sehr zu Recht – den Job als geschäftsführender Direktor des IWF, das Ansehen und die französische Präsidentschaftskandidatur kostete.

Ob es um realen Gesetzesbruch geht oder um moralische Verfehlung, das Spiel ist immer gleich: Enthüllung, öffentliche Empörung, Busse und Rücktritt. Im Gegensatz zum lieben Gott aber verzeiht und vergisst die Öffentlichkeit nicht. Sie will das komplette Zerknirschungsritual bis zum Schafott. Christian Wulff, ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen und für kurze Zeit deutscher Bundespräsident, drehte sich aus kleingeistiger Gier und Vorteilsnahme selbst den Strick. Das Mass seiner öffentlichen Demontage steht eigentlich in keinem Verhältnis zu den rechtlichen Vergehen. Seis drum, der Mann ist hin.

Der schadenfrohe Souverän

Interessanterweise drehen sich die deutschen Enthüllungsskandale der jüngeren Vergangenheit weniger um Sex, Verbrechen oder Geld, sondern um zu Unrecht erschlichene soziale Distinktion. Schadenfroh mag man zugesehen haben, wie der Doktortitel des Exverteidigungsministers Karl-Theodor von und zu Guttenberg nach und nach zum Fake verfiel, grosse Teile der Dissertation waren abgeschrieben. Auch Exbildungsministerin Annette Schavan musste wegen Plagiatsvorwürfen ihren Hut nehmen. Früher hätte das niemand so genau genommen. Dank Internet wird das Volk zum allwissenden Souverän, es gibt keine Schwachstelle in Guttenbergs Doktorarbeit, die die Plattform «GuttenPlag» nicht aufgedeckt hätte. In der Schweiz kocht das Fegefeuer weniger heiss. Die Masterarbeit von FDP-Nationalrätin Doris Fiala wurde zwar für ungültig erklärt, aber sie darf grosszügigerweise eine neue einreichen. CVP-Ständerat Filippo Lombardi ist trotz wiederholter Verkehrsdelikte, darunter Trunkenheit am Steuer, zum Ständeratspräsidenten gewählt worden.

In meiner Kindheit begann das Beichten mit der ersten Kommunion, also im Alter von ungefähr acht Jahren. Mit speziellem Unterricht wurden wir darauf vorbereitet. Mein Bruder, drei Jahre jünger als ich, wollte unbedingt auch schon zur Beichte gehen, und so nahm ich ihn einmal mit. Er kniete sich in die Kabine, vor das Gitter, und weil er vom gedämpften Sprechen dort nichts wusste, brüllte er laut und vernehmlich durch die ganze Kirche, dass er seiner grossen Schwester eine Tafel Schokolade gestohlen und diese auch ganz aufgegessen habe. Ich hörte jedes Wort, sass wuterfüllt, aber machtlos in der Kirchenbank. Als mein Bruder den Beichtstuhl verliess, grinste er breit und sagte: «Vergeben.» Auch das ist ein schwacher Punkt: Was Gott vergibt, können wir moralisch nicht richten. Das Beichten erzwingt eine Sanftmut und Nächstenliebe, die man eigentlich nicht hat.

Geflüstert aber muss werden. Der Beichtstuhl operiert nicht nach der Logik der Öffentlichkeit. Er ist Disziplinarapparat und Erlösungswerkzeug, Geständnismaschine und zugleich Brutstätte des Geheimnisses. Er will die Enthüllung, jedoch nur vor Gott, dem Priester und mir. Es gibt ja das Beichtgeheimnis, nichts soll nach aussen dringen. Für die Vergebung der Sünden zählt allein die Offenheit vor Gott, sie macht das Geständnis vor der Welt nebensächlich. Nur weil ich Gott gestehe, kann ich der Welt etwas verheimlichen.

Gesprächige Intimität

Klar ist, dass die Privatbeichte, die ab dem 6. und 7. Jahrhundert die öffentliche Busse langsam ablöste und mit dem IV. Laterankonzil von 1215 für die Gläubigen zur Pflicht wurde, eine Form der Individualität und Innerlichkeit schuf, wie es sie vorher nicht gegeben hatte. Die Beichte fördert die genaue Befragung, die Vermessung und Prüfung des eigenen Selbst, das Suchen nach Gründen und Sünden, die ja nicht nur in Taten bestehen, sondern in «Gedanken, Worten und Werken».

Auch der Protestantismus hat, bei aller Kritik am katholischen Ablasshandel, die Beichte nie aufgegeben, sondern in Form skrupulöser Gewissensprüfung fortgeführt. Sie steht am Ursprung des Sich-Erzählens, der Autobiografie und des psychologischen Romans, der das Verdeckte enthüllen und vor allem erzählen will. Die schuldgetriebene religiöse Selbstprüfung säkularisierte sich im 20. Jahrhundert zur berühmten «Rede-Kur» der Psychoanalyse.

«Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden», schreibt Michel Foucault, der im ersten Band von «Sexualität und Wahrheit» genau diesem Phänomen nachgeht, dass wir alles erzählen müssen, besonders über den Sex, der eigentlich erst durch das Reden entsteht. Öfter wird berichtet, dass Priester die Sünden des Fleisches besonders detailliert hören wollten und genau nachfragten, wo man sich da angefasst hat. Mir ist das nie passiert. Glaubwürdig aber ist das, und umgekehrt gilt auch, dass mit der Privatbeichte Reden genauso intim wird wie Sex.

Gibt es ein «natürliches, dem Menschen innewohnendes Bedürfnis, sich jemandem zu öffnen», wie die Internetplattform kath.net die psychologische Funktion der Beichte erklärt? Oder wurde das Sich-Öffnen zum Bedürfnis erst durch jene Technik, die Geheimnis an Schuld und Offenbarung an Vergebung koppelt? Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gehen die Beichtzahlen drastisch zurück. Das liegt unter anderem auch daran, dass das Schuldverständnis sich ändert. Heute sieht man dem Priester oder der Therapeutin lieber direkt ins Gesicht. Natürlich liegt auch der Gedanke nahe, dass in Zeiten von Post-Privacy das Internet zur neuen exhibitionistischen Geständnisanstalt wurde, und natürlich existiert eine Website beichthaus.com. Die Geheimnisse werden anders sein in einer Gesellschaft, die keine Beichtstühle mehr hat und nicht mehr an Sünde glaubt. Vielleicht werden sie flacher, banaler, die Geständnisse. Als transformiere sich die schamhaft beichtende Offenbarung ohne Öffentlichkeit in eine exhibitionistisch gestimmte Öffentlichkeit ohne Offenbarung.

Da möchte man doch dem alten Kasten nachtrauern. Denn er war ja nicht nur Disziplinarapparat, sondern auch eine Wundermaschine, die Schuld und Geheimnis in eine fulminante Form der Erlösung verwandeln konnte.

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