Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Vögeln und twittern im Garten Eden

35 Jahre nach Michel Foucaults Tod ist endlich sein Spätwerk «Die Geständnisse des Fleisches» erschienen. Beim Kirchenvater Augustinus findet der Philosoph einen Grundzug der modernen Subjektivität: Im sexuellen Begehren soll sich unser wahres Selbst zeigen.

Von Roman Schürmann

Haben sie nun oder haben sie nicht? Und wenn sie haben, wie? Foto: H. Armstrong roberts, Alamy

Hatten Adam und Eva eigentlich Sex miteinander, bevor sie aus dem Paradies vertrieben wurden? Vielleicht nicht die dringlichste, aber eine interessante Frage.

Zumindest für die Kirchenväter, die dem jungen Christentum vor über anderthalb Jahrtausenden eine theoretische Grundlage zu geben versuchten, war das eine veritable Knacknuss. Sahen sie doch jedes Begehren, jede Wollust als Sünde an, obwohl Gott bereits vor dem Sündenfall Eva als «Hilfe» für Adam erschaffen hatte (für fortpflanzungsfremde Angelegenheiten hätte ja auch ein zweiter Mann gereicht) und den beiden sodann auftrug, sie sollten fruchtbar sein und sich vermehren. Wie die Theologen diesen Widerspruch schicklich auflösten, ist jetzt in «Die Geständnisse des Fleisches» des französischen Philosophen Michel Foucault nachzulesen.

Lust und Begehren

Foucault, geboren 1926, gilt als einer der wirkmächtigsten Denker des 20. Jahrhunderts. Er starb 1984 an den Folgen seiner Aidserkrankung – und untersagte kurz vor seinem Tod Veröffentlichungen aus seinem Nachlass. Trotzdem kam letztes Jahr «Les aveux de la chair» im französischen Original in die Buchläden: Es ist kein fertiges Werk; allerdings lag eine erste Druckfassung vor, weshalb die ErbInnen doch noch eine Publikation erlaubten.

Es ging Foucault immer darum zu zeigen, dass unsere Vorstellung davon, was ein Mensch ist, sich im Lauf der Zeit verändert hat – und auch aktiv verändert werden kann. Deshalb untersuchte er etwa, wie die moderne Gesellschaft die Wahnsinnigen neu definierte oder wie sie das Gefängnis und die Delinquenten erfand. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich mit der Sexualität oder, genauer, mit dem gesellschaftlichen Umgang mit den Bedürfnissen, Lüsten und dem Begehren. Er wollte herausfinden, wie es zum gegenwärtigen Verhältnis des Menschen zum Körper und zum Sex gekommen ist. Dazu musste er weit in die Vergangenheit zurückgehen: In seinen letzten beiden zu Lebzeiten erschienenen Büchern beschrieb Foucault, welches Verhalten antike Autoren empfahlen, um selbstbestimmt ein gutes Leben zu führen.

Unzüchtige Gedanken

Dass ein weiterer Band nicht nur geplant war, sondern zumindest als Manuskript auch schon vorlag, war bekannt. In Interviews, Vorlesungen und Vorträgen berichtete Foucault in den Jahren vor seinem Tod darüber – nun steht die Fortsetzung, die sich mit der Weiterführung der hellenistischen und römischen Diskussion im Christentum auseinandersetzt, zur Lektüre bereit. Wer sich für Foucault interessiert, wird das Buch mit Genuss lesen; aber ist es heute wirklich wichtig, ob Eva und Adam vor dem Sündenfall miteinander geschlafen haben?

Foucault geht davon aus, dass die moralischen Vorschriften, die die Sexualität betreffen, vom frühen Christentum ziemlich nahtlos von den heidnischen Autoren übernommen wurden: Ehebruch sowie unkontrollierte, ausschweifende sexuelle Betätigung sind schlecht, Enthaltsamkeit ist grundsätzlich gut. Neu war nur, dass die bestehenden Moralvorstellungen mit der Bibel, mit christlichen Ritualen wie Taufe und Busse sowie mit dem jungfräulichen und dem ehelichen Stand abzustimmen waren.

Dennoch sieht Foucault im 5. Jahrhundert eine epochale Wende, die bis in die Gegenwart wirkt; als besonders einflussreich erwiesen sich die Schriften des heiligen Augustinus (354–430), der das westliche Denken wesentlich geprägt hat. Gute ChristInnen versuchen nicht mehr wie die GriechInnen, die Lüste zwecks sorgfältiger Lebensführung zu beherrschen und gut zu gebrauchen (wobei es um weit mehr als nur um Sex ging) sowie in allen Dingen das richtige Mass zu finden. Sie sind dazu angehalten, noch die letzte Ritze ihrer Seele auf jedes geschlechtliche Begehren abzuklopfen, um dann diese unzüchtigen Gedanken gehorsam ihrem Priester zu gestehen und dafür Busse zu tun. Nur so dürfen sie darauf hoffen, dereinst in den Himmel zu kommen. Im Sex, so galt es seit Augustinus im christlichen Abendland, zeigt sich die Wahrheit darüber, wer wir sind. Das tönt irgendwie vertraut.

Immer noch sehr christlich

Aber wird heute – und gerade in Abgrenzung zum christlichen Ideal – nicht wieder die eigene Individualität betont und eine befreite Existenz angestrebt? So einfach ist es nicht. Zwar distanziert sich der moderne Mensch fast schon empört von der christlichen Vorstellung eines gottgefälligen Lebens, die moralischen Regeln haben sich aufgeweicht. Doch an der beständigen, grenzenlosen und übertreibenden Form des Begehrens und dem Drang, den Sex zu enthüllen, hat sich nichts geändert.

Überhaupt ist uns das Geständnis näher, als wir vielleicht meinen, allerdings findet es nicht mehr im Beichtstuhl statt, sondern etwa in den sozialen Medien: Was sind diese – wenn nicht Maschinen, die wir damit füttern, was unsere Existenz abbilden soll, und die uns dann, indem andere UserInnen unseren Input begutachten und bewerten, sagen, wer wir sind? Gedeihen Facebook, Twitter, Instagram nicht deswegen so prächtig, weil wir nicht fähig sind, selbst zu beurteilen, ob wir ein hinreichend gutes Leben führen? Wir sind nicht mehr unbedingt ChristInnen, aber in gewisser Weise immer noch sehr christlich: Ich muss, will ich nichts falsch machen, nicht Gott gefallen – aber viele Likes generieren.

Doch warum imponieren heute so vielen Leuten dann Menschen wie Greta Thunberg so sehr, die sich genau nicht an diesen Mustern orientieren? Vielleicht deshalb, weil diese den Blick darauf lenken, wie untauglich die gewohnten Rezepte sind, und sich stattdessen «griechischer» verhalten: Die Botschaft der schwedischen Schülerin würde zwar ohne Internet kaum gehört, aber sie ist keine Influencerin, die produziert, was Klicks generieren soll, sie spricht vielmehr ruhig und konsequent ihre Wahrheit aus, unbeeindruckt von allen Likes. Sie fordert eine politische Suche nach dem richtigen Mass und gestaltet ihr Leben entsprechend sorgfältig. Ein neuer Augustinus-Moment? Jedenfalls gibt es wenige andere Ansätze, die darauf hoffen lassen, die heutigen und künftigen Katastrophen irgendwie zu bewältigen. Der nun von Michel Foucault ein letztes Mal vorgetragene Hinweis, dass wir nicht sein müssen, was wir waren und sind, erinnert daran, dass solche Veränderungen möglich sind.

Der Wink des Willens

Und wie war das nun mit dem Sex im Paradies? Augustinus findet schliesslich eine im christlichen Sinn einwandfreie Lösung: Ja, Geschlechtsverkehr sei im Garten Eden möglich gewesen. Passiert sei aber nichts, da sich entweder der Sündenfall zu schnell nach der Schöpfung ereignet habe oder Gott dem ersten Paar noch nicht habe befehlen können, sich zu vereinigen – Augustinus kann sich da nicht entscheiden. Wäre es aber doch zum Beischlaf gekommen, und das ist nun der springende Punkt, wäre er ohne Wollust vonstattengegangen.

Vor dem Biss in den verbotenen Apfel wäre Sex also folgendermassen praktiziert worden: «Die Zeugungsglieder würden sich auf den Wink des Willens angeschickt haben wie die übrigen Glieder zu ihren Verrichtungen», zitiert Foucault aus Augustinus’ «Gottesstaat», «und ohne den verführerischen Anreiz der Begier, mit voller Ruhe des Geistes und des Leibes, ohne Verletzung der Unversehrtheit, hätte sich der Gatte in den Schoss der Gemahlin ergossen.» Und zwar «wie jetzt ebenfalls unbeschadet dieser Unversehrtheit aus dem Schosse der Jungfrau der monatliche Fluss sich ergiessen kann»; der «männliche Same» hätte «auf demselben Wege (…) eingebracht werden können». So wäre das zwischen Eva und Adam gelaufen.

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