Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Lateinamerika (ist magisch)

Das Bild vom Süden der Neuen Welt ist noch immer von gestrigen Romantikprojektionen geprägt. Die Wirklichkeit ist ganz anders: brutal.

Von Toni Keppeler

Macondo! Wer diesen Ort nicht kennt, kennt nicht Lateinamerika. So sagt man zumindest und das schon seit über vierzig Jahren. Seit «Hundert Jahre Einsamkeit» erschienen ist, 1967 im spanischen Original und 1970 dann in deutscher Übersetzung. Dieser monumentale Roman von Gabriel García Márquez sei die Eintrittskarte für Lateinamerika. Ohne Macondo, jenes fiktive Dorf am Rand des kolumbianischen Dschungels, könne man diesen magischen halben Kontinent nicht verstehen.

Wenn es regnet in Macondo, dann regnet es sieben Jahre ohne Unterlass. (Es müssen sieben Jahre sein, niemals acht, denn sieben ist eine heilige Zahl.) Kinder können in diesem Dorf – unter gewissen Umständen – mit Schweineschwänzchen geboren werden. Die Huren sind immer ein bisschen traurig und lebenslustig zugleich, und wenn sie jung und schön sind, warten sie auf einen älteren Prinzen, der sie zu sich holt. Ältere Herren gehen eigentlich nur in den Puff, um nachzusehen, ob dort eine junge und schöne und ein bisschen traurige Prostituierte ist, die auf sie wartet. Wenn Morde begangen werden in diesem Lateinamerika, dann nur aus Leidenschaft. Diese Leidenschaft mag politisch oder erotischer Art sein – und am besten ist sie beides zugleich.

García Márquez hat das Bild von Lateinamerika geprägt mit dem, was in der Literaturwissenschaft «magischer Realismus» heisst. Er hat diese Art des Erzählens nicht erfunden; Autoren wie der Guatemalteke Miguel Ángel Asturias oder der Kubaner Alejo Carpentier haben sie schon Jahrzehnte vor ihm und viel virtuoser gepflegt. Nur sind die beiden sehr viel schwerer verdaulich als der süffige Kolumbianer. Noch später haben die Chilenin Isabel Allende oder die Mexikanerin Laura Esquivel Lateinamerika im Sud des magischen Realismus zur süssen Nachspeise verkocht. Auch bei ihnen können die Menschen noch fliegen. Oder zumindest schweben, und wenn sie das tun, dann über Wiesen und Weiden, denn das Lateinamerika des magischen Realismus ist ländlich.

Dabei ist das Land südlich des Río Grande so verstädtert wie Mitteleuropa. Über achtzig Prozent der LateinamerikanerInnen leben heute urban und das überwiegend unter Umständen, die alles andere als magisch sind: Die Bessergestellten sind verschanzt in Gated Communities, zitternd vor Angst und beschützt von hohen Mauern, Stacheldraht, Überwachungskameras und Männern in Waffen. Die Menschen draussen, auf der anderen Seite der Mauern, haben meist nicht viel, oft aber auch Waffen, und sie leben von der Hand in den Mund.

Keine Weltgegend ohne Krieg ist für ihre BewohnerInnen gefährlicher als Lateinamerika; das Risiko, eines gewaltsamen Todes zu sterben, liegt in manchen Ländern hundertmal höher als in der Schweiz. Eine Kugel aus Blei gehört zusammen mit Durchfallerkrankungen und Herz-Kreislauf-Problemen zu den häufigsten Todesursachen.

Gemordet wird ganz ohne Leidenschaft, schrecklich banal: wegen Drogen zum Beispiel (allein in Mexiko der Grund für mindestens 10 000 Morde pro Jahr); oder wegen weniger als zehn Dollar (auch solche Raubmorde sind tausendfach verbürgt). Die Frauen in den billigen Bordellen wurden meist entführt, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Keine wartet auf einen Prinzen.

Auch dieses Lateinamerika – das wirkliche, nicht die magisch-romantische Projektion – hat seinen literarischen Ausdruck gefunden. Er ist nicht so kuschelig wie García Márquez und Allende und Esquivel, deren Bücher auch als Fortsetzungsroman für mittelklassige Tageszeitungen taugen. Lateinamerikas neuer Realismus ist nicht magisch, sondern so lakonisch, banal und brutal wie Lateinamerika selbst. Der Chilene Roberto Bolaño war sein erster Grossmeister. Lange verkannt, wurde er ausserhalb der spanischsprachigen Welt erst nach seinem Tod bekannt. Er starb 2003, fünfzigjährig, an Leberzirrhose – auch das ist banal. Wer Lateinamerika verstehen will, wie es wirklich ist, muss sein Monumentalwerk «2666» lesen (vgl. «Die Leichen der Frauen» auf dieser Seite). Über 1200 Seiten. Etwa genau so viele Morde. Kein einziger davon aus Leidenschaft begangen.

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