Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Das Unbehagen an der Prostitution

Von Bettina Dyttrich

Immer noch läuft die Prostitutionsdebatte heiss – in Zeitungen, privaten Diskussionen, Onlineforen. Und immer noch gibt es für viele nur zwei Optionen: Verbot fordern oder verharmlosen. Einige Leserkommentatoren auf «Tages-Anzeiger Online» wittern sogar ein Komplott von Feministinnen, die die Konkurrenz – also die Prostituierten – ausschalten wollen, um ihren eigenen sexuellen Marktwert zu steigern. Wobei: Marktwert ist ein gutes Stichwort. Die Verbotsforderungen drücken ein Unbehagen aus, das gute Gründe hat. Was vor einigen Jahrzehnten als sexuelle Befreiung begann, ist für viele Frauen zu einem Gefängnis permanenter Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung geworden: Bin ich begehrenswert genug? Klar ist das nichts Neues, aber es hat sich ganz schön verschärft – vergleichen Sie einmal ein dreissig Jahre altes Foto einer Gymnasialklasse mit einem heutigen. Die Prostitution treibt nur etwas auf die Spitze, was in Dienstleistungsjobs, aber zunehmend auch im ganzen Alltag von Frauen gefordert wird: Selbstvermarktung bei gleichzeitiger «Echtheit». Es muss frau Spass machen, sie darf nicht nur so tun.

Man braucht nur Freierblogs zu lesen, um zu sehen, wie viele Kunden von Prostituierten nach genau dieser Bestätigung suchen: Mit mir macht sie es gern! Ein Paradox, denn schliesslich geht mann ja ins Bordell, um sich Verführungsrituale und Beziehungsarbeit sparen zu können, und wenn es mit der Verständigung hapert, sind die Machtverhältnisse sofort wieder klar: «Entnervt beorderte ich Linda in Rückenlage und bumste sie», erzählt «pussyfucker07» auf einem deutschen Freierblog.

Es gibt genug Gründe für das Unbehagen an der Prostitution – weil es genug Gründe für das Unbehagen an gängigen Frauenrollen gibt. Aber das ist kein Argument für ein Prostitutionsverbot. Sondern dafür, ein paar neue Debatten zu führen. Zum Beispiel darüber, «wie geschlechtsspezifische Erziehung dazu führt, dass Männer sich gegen Geld alles kaufen wollen, während Frauen ihren Körper als Kapital einsetzen können» – so schreibt die Zürcher Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ. Gleichzeitig braucht es eine Politik, die Sexarbeiterinnen eine möglichst sichere und selbstbestimmte Arbeit ermöglicht.

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