Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Durchleuchtete Alpen

Alpfutur, das bisher grösste Forschungsprojekt über die Schweizer Alpwirtschaft, hat seine Ergebnisse für ein breites Publikum aufbereitet.

Von Bettina Dyttrich

Es war das erste gross angelegte Forschungsprojekt über die Schweizer Alpwirtschaft: Fünf Jahre lang untersuchten achtzig Biologinnen, Agrarökonomen, Historikerinnen aus einem Dutzend Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsanstalten die Alpen; sechs Dissertationen und viele andere Abschlussarbeiten entstanden dabei. Letztes Jahr wurde Alpfutur abgeschlossen. Neben den Forschungsberichten verfassten die Beteiligten auch ein Buch für die breite Öffentlichkeit.

In diesem Buch gibt es viel zu lernen: wie sich die Alpnutzung historisch entwickelt hat, wie die Weidetiere die Artenvielfalt beeinflussen, was KonsumentInnen vom Alpkäse erwarten oder was eine Privatalp von einer Korporationsalp unterscheidet. Manches überrascht: zum Beispiel dass die meisten sogenannten Alpgenossenschaften rechtlich Vereine sind oder dass fast die Hälfte aller Schweizer LandwirtInnen, die Tiere halten, auch Tiere auf Alpen geben.

Nicht alle Forschungen überzeugen gleichermassen. Die Resultate über die Motivation des Alppersonals bringen Menschen, die ÄlplerInnen kennen, kaum Neues. Absurd ist auch die «Vision» einer zukünftigen «Techno-Alp»: Weidepflegeroboter, automatische Käserei, Käseschmierroboter – aber am Sonntag wird für die TouristInnen auf dem Holzfeuer gekäst. Das ist keine Zukunftsvision, sondern auf die Spitze getriebene Gegenwart. Und es macht so ziemlich alles kaputt, was ÄlplerInnen auf der Alp suchen. Anderswo ist das Buch kritischer, etwa wenn es darauf hinweist, dass die Vergrösserung der Betriebe, wie sie in der Agrarpolitik oft gefordert wird, auf der Alp an Grenzen stösst: Zentralisierung gefährdet die empfindlichen Weiden, da immer mehr Tiere auf der gleichen Fläche herumtrampeln.

Alpfutur möchte den ÄlplerInnen von Nutzen sein: Die Forschenden formulieren konkrete Empfehlungen, und in Zukunft soll eine Onlineviehbörse die Suche nach Tieren für die Alp einfacher machen. Praktischen Nutzen bietet auch der dem Buch beiliegende Film «Von Älplern für Älpler», in dem erfahrene Alpleute Tipps zum Weidemanagement geben. An ein breites Publikum wendet sich dagegen der zweite Film, «Sommerzeit» von Pascale Gmür. Die Filmerin ist offensichtlich der Alpfaszination erlegen: Vordergründig geht es um die Arbeit der Alpfutur-Forschenden, doch fast noch mehr fokussiert Gmür auf beeindruckende Landschaften und die Menschen auf den untersuchten Alpen. Und neben diesen Menschen mit ihrer konkreten Arbeit und starken Präsenz wirkt die Arbeit der Forschenden manchmal ein bisschen absurd.

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