Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Hilfeschrei aus Berlin

Von Eva Pfister

Es wirkt auf den ersten Blick wie grausamste Gedankenlosigkeit: Die Jüdin Ilse Winter lebte fröhlich als Studentin in Basel und hatte keine Lust auf die Ehe, während die Mutter aus Berlin sie in unzähligen Briefen anflehte, doch endlich ihren Verehrer zu heiraten, damit auch sie in die sichere Schweiz einreisen könne. Vergeblich. Marie Winter wurde am 6. Mai 1942 beim Versuch des illegalen Grenzübertritts verhaftet und nach Minsk deportiert.

Ilse Winter war die Mutter von Gabriel Heim, der erst nach ihrem Tod die Briefe seiner Grossmutter entdeckte und so von ihrem Schicksal erfuhr. In seinem dokumentarischen Buch verbirgt er sein Entsetzen nicht, aber er versucht auch, das Verhalten seiner Mutter – und ihr Schweigen – zu verstehen. Die hoffnungsvolle junge Schauspielerin Ilse Winter wirkte im Film «Mädchen in Uniform» von 1931 mit, war mit kommunistischen Künstlern wie Walter Mehring befreundet und ging 1933 ins Exil. Von dem wohlhabenden Schweizer Bürger Alfred Heim liess sie sich aushalten, wollte aber ihre Pläne einer eigenen Existenz nicht aufgeben. So reagierte sie nur ungehalten auf die Briefe ihrer Mutter aus Berlin, die ihr heftige Vorwürfe wegen ihres Lebenswandels machte und ihr quasi befahl zu heiraten. Dass das der Hilfeschrei einer von Deportation bedrohten Jüdin war, begriff Ilse zu spät.

Wie hier ein privater Generationenkonflikt durch die politischen Umstände zu einer tragischen Schuld wird, hat Gabriel Heim eindrucksvoll dokumentiert. Spannend ist auch zu lesen, wie Ilse Winter als Emigrantin in Basel lebte. Sie studierte Volkswirtschaft bei Edgar Salin, half dem geschiedenen Professor im Haushalt und hatte vermutlich auch ein Verhältnis mit ihm. Dafür bestätigte er gegenüber der Fremdenpolizei ihre Fortschritte im Studium und unterstützte sie handfest bei ihren Arbeiten, was ihn in Konflikt mit dem Dekan Walter Muschg brachte.

Eine erschütternde Lektüre, die deutlich macht, wie schwierig Schuldzuweisungen sein können.

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