Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Reicht ein bisschen träumen?

Von Wolfgang Storz

Stephan Grünewalds Werke – im Jahr 2006 publizierte er «Deutschland auf der Couch» – sind aus zwei Gründen beachtenswert. Zum einen ist er Geschäftsführer des Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung, das jedes Jahr über 5000 psychologische Tiefeninterviews führt. Wer, wenn nicht er, muss also wissen, was die Menschen wirklich denken und fühlen?

Sein zweites Alleinstellungsmerkmal besteht im markanten Widerspruch zwischen scharfer Analyse und naiven Therapievorschlägen. Seine Befunde weisen durchweg in eine antikapitalistische Richtung: «In blinder Alternativlosigkeit bestimmen rein rational-ökonomische Parameter das Handeln.» Das Land folge einseitig «globalen Effizienzdiktaten». Das treibe die Menschen in besinnungslose Betriebsamkeit und Erschöpfung. Deshalb blendeten sie die Krisen aus und klammerten sich an ihre Alltagsroutinen. Der Glaube an «die kapitalistische Maximierungskultur» sei ebenso verloren gegangen wie das Vertrauen in die Politik. Die Menschen sehnten sich «nach einer heilen und heimeligen Welt». Vor allem die Jungen arbeiteten auffallend vernünftig, selbstdiszipliniert, zielstrebig und pragmatisch an einem stabilen Heim, erlebten jedoch eine brüchige und zerrissene Welt und sähen über sich das Damoklesschwert einer «schwelenden Absturzpanik». Davor schützten sie sich mit einer harschen Abgrenzung gegenüber all den Menschen, die bereits abgestürzt sind.

Und wie lautet nun Grünewalds Therapie? Ihr schaltet er die Frage vor: «Wieso findet kein offener Widerstand gegen übermenschliche Beanspruchung und sinnfreies Arbeiten statt?» Und empfiehlt dann: «Jeder Einzelne sollte lernen, seinen Träumen Raum zu geben, um die Souveränität über seinen Alltag zurückzugewinnen.» Und: «Wer mehr als acht Stunden täglich am Arbeitsplatz verbringt, sollte mit Gehaltsabzug bestraft werden, weil er Raubbau an seiner Kreativität betreibt.» Das ist bisher noch nicht einmal den Marktradikalen eingefallen.

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