Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Sind wir eine Zeitung?

Der Kampf bei der «Libération».

Von Bernard Schmid

«Ceci n’est pas une pipe» (dies ist keine Pfeife) übertitelte der surrealistische Maler René Magritte einst ein Gemälde, auf dem ein ebensolcher Gegenstand zu sehen war. Der Künstler spielte mit dem Umstand, dass Bilder zu täuschen vermögen. «Nous sommes un journal» (wir sind eine Zeitung) übertitelt die französische Tageszeitung «Libération» seit anderthalb Wochen eine ständige, täglich erscheinende Rubrik. Allerdings geht es nicht darum, dass die KäuferInnen sonst getäuscht werden könnten und das Blatt vielleicht mit einem Schuhkarton oder einer Kaffeetasse verwechseln würden.

Wie andere Medien des Landes auch leidet die «Libération» unter der Konkurrenz von Gratispresse, Internet und wachsendem politischem Desinteresse. Spezifische Faktoren kommen hinzu: In den Jahren 2010 bis 2012 fuhr das Blatt noch Gewinne ein, denn unter Präsident Nicolas Sarkozy war es ein Oppositionsorgan und als solches geschätzt. Die Wahlkämpfe des Frühjahrs 2012 befeuerten das Publikumsinteresse weiter. Das Ende der Wahlkämpfe, vor allem aber die ernüchternde und desillusionierende Bilanz der seither amtierenden Regierung aus Sozialisten und Grünen, liessen das Interesse der LeserInnenschaft einknicken. 2013 wurde zum Verlustjahr.

Seit längerem hatte sich angekündigt, dass die Hauptaktionäre der Zeitung auf einen harten Sparkurs drängen werden. Vorletzten Freitag wurde dann der «Plan der Aktionäre» für die Zukunft der «Libération» bekannt. Diesen Plan charakterisieren die JournalistInnen der Zeitung als Versuch, «‹Libération› zu verkaufen, ohne ‹Libération› zu machen». Mit den Worten der Aktionäre geht es darum, die «Libération» in ein «soziales Netzwerk» zu verwandeln. Konkret soll das Redaktionsgebäude von 4 500 Quadratmetern in der Pariser Rue Béranger in ein «Café Flore des 21. Jahrhunderts» umgewandelt werden – das ursprüngliche «Flore» im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés, das noch heute existiert, war in den fünfziger und sechziger Jahren ein Intellektuellentreffpunkt. Unter dem roten Rautensymbol der «Libération» sollen nun aber in der Rue Béranger «ein Fernsehstudio, eine Radiostation, ein Digital-Newsroom, ein Restaurant, eine Bar und eine Brutstätte für Start-up-Unternehmen» einziehen.

Prosaischer ausgedrückt: Die Redaktion würde aus ihren Büros verdrängt, die Räume würden untervermietet und der Name «Libération» dabei als Attraktivitätsmerkmal vermarktet. Er stünde künftig nicht mehr in erster Linie für eine Zeitung und für einen Informationsauftrag. Die Redaktion ist über diese Aussicht empört und publizierte dazu Hintergrundinformationen: Bruno Ledoux, Hauptaktionär der Zeitung, ist über mehrere Kapitalgesellschaften, die in Steuerparadiesen in der Karibik angesiedelt sind, Eigentümer des Gebäudes. Der französische Fiskus fordert von ihm Steuernachzahlungen in Höhe von vierzig Millionen Euro. Hier liegt wohl das Hauptmotiv für seine aktuellen Bestrebungen.

Am vorletzten Montag erinnerte die Redaktion auch daran, dass der Zeitungsdirektor Nicolas Demorand schon im Herbst 2012 von der Umwandlung der Obergeschosse des Zeitungsgebäudes in einen Ort für schicke und teure «Premiumereignisse» fantasierte. Also noch in der Zeit, als die «Libération» schwarze Zahlen schrieb. Demorand trat vorigen Donnerstag zurück, sein Rücktritt war seit November von neunzig Prozent des Personals gefordert worden. «Demorand ist weg, der Kampf geht weiter!» titelte die Redaktion am Freitag.

Bernhard Schmid schreibt 
für die WOZ aus Frankreich.

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