Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Was der Alltag politisch mit uns anstellt

Er machte Populärkultur zum Thema, analysierte die konservative Konterrevolution von Margaret Thatcher schon vor ihrem Start und sezierte Rassismus und Xenophobie. Mit Stuart Hall ist kürzlich ein prägender linker Theoretiker verstorben.

Von Stefan Howald

Es erscheint wie für heute geschrieben: Je mehr man die Arbeiten des am 10. Februar 2014 verstorbenen jamaikanisch-britischen Soziologen und Kulturtheoretikers Stuart Hall Revue passieren lässt, desto aktueller werden sie. Nach der jüngsten Abstimmung gerade auch für die Schweiz.

Mit den von ihm mitbegründeten Cultural Studies analysierte Hall Populärkultur und Medien als alltägliche Praktiken, die unser Leben formen. Er erkannte früh, dass Thatcherismus und Neoliberalismus eine radikal neue Form der Politik bedeuten. Intensiv beschäftigte er sich mit der Frage, wie eine dominierende Klasse Menschen dazu bringen kann, eine Politik gegen ihre eigenen Interessen zu unterstützen. Er zerlegte den postkolonialen Rassismus und die Art und Weise, wie er mit Multikulturalismus koexistiert.

Aus dem Ghetto

Stuart Hall, 1932 in Jamaika geboren, kam als Neunzehnjähriger mit einem Stipendium nach Oxford, gehörte bald zur antikolonialen westindischen Diaspora und zur Neuen Linken. Er wurde Redaktor bei der «New Left Review», gründete dann mit Richard Hoggart das Centre for Cultural Studies in Birmingham. Die dort in den sechziger Jahren betriebenen Cultural Studies brachen aus dem Ghetto der traditionellen Kulturbetrachtung aus. Aus heutiger Perspektive ist kaum mehr vorstellbar, wie bahnbrechend das damals war. Arbeiter-, Alltags- und Populärkultur wurden überhaupt erst als Themen entdeckt und sowohl empirisch als auch theoretisch als Alltagspraxen untersucht: Soap Operas, Pfadfinderlager, Frauenzeitschriften, Bilder von käuflicher Sexualität und von schwarzen Einwanderern.

Eine nach wie vor erhellende Untersuchung aus diesem Umfeld stammt von Paul Willis, «Spass am Widerstand». Sie zeigt, wie sich männliche Jugendliche aus der Arbeiterklasse in ihrer lustvollen Opposition gegen das sie ausschliessende Bildungswesen selbst dequalifizieren und damit in Hilfsjobs gefangen bleiben (siehe WOZ Nr. 14/13).

Wichtige theoretische Anregungen von Louis Althusser und Michel Foucault wurden übernommen. Und vor allem Antonio Gramscis Hegemoniekonzept, nach dem sich eine herrschende Klasse nicht nur mit politischem und ökonomischem Zwang an der Macht halten kann, sondern die freiwillige Zustimmung breiter Schichten organisieren muss. Dabei wird das Funktionieren alltäglicher Praxen diskursiv gedacht, also wie sie formuliert und ausgehandelt werden. Diese Praxen sind jedoch keine Sprache, sie operieren nur als solche, bleiben handfest und leibhaftig. Gegen diskursive Überspanntheiten setzte sich Hall einmal ab: «Das, was an altem Materialisten an mir noch übrig geblieben ist, möchte extrem krude Sachen sagen wie: ‹Ihr solltet mal eure Worte essen.›»

Als die Cultural Studies vor allem in den USA zu einer akademischen Modedisziplin wurden, in der alltagskulturelle Phänomene interesselos «dekonstruiert» wurden, kritisierte Hall dies als Entpolitisierung. Für ihn hatten die Cultural Studies nicht nur einen gesellschaftskritischen Ansatz, sondern suchten auch immer den Anschluss an soziale Bewegungen. Hall verstand sich zeitlebens als Intellektueller, der politisch eingreift.

Mit seinen Analysen unterstützte er zum Beispiel «Marxism Today», die Theoriezeitschrift der Kommunistischen Partei, die sich ab 1977 dem Eurokommunismus und neuen theoretischen Strömungen öffnete. Im Januar 1979, noch vor dem überwältigenden Wahlsieg von Margaret Thatcher, prägte Hall darin den Begriff «Thatcherismus», weil er erkannte, dass nicht einfach eine konservative Krämerstochter zur ersten britischen Premierministerin gewählt werden würde, sondern dass mit einer konservativen Revolution ein grundsätzlicher Umbau der Gesellschaft versucht wurde, wobei die sozialen und wirtschaftlichen Enttäuschungen der Arbeiterklasse als Kritik am sozialstaatlichen Bürokratismus umartikuliert wurden.

Damit kritisierte Hall auch eine eingefrorene Linke, die an klassenkämpferischen Floskeln festhielt oder hilflos von dämonischer Verführung und sozialdemokratischem Verrat sprach. Er selbst versuchte, die «New Times» des Neoliberalismus in ihrer Wirkmächtigkeit zu verstehen, was ihm zuweilen als Nobilitierung des konservativen Projekts angekreidet wurde. Im Übrigen verabscheute er New Labour und veröffentlichte 1998 eine scharfe Abrechnung mit Tony Blair.

Nichts ist einfach

In den neunziger Jahren habe ich ihn ein paarmal in London getroffen. Ich war dort in einer Gruppe aktiv, die sich etwas postmodern «Signs of the Times» nannte und im Umfeld der aus «Marxism Today» entstandenen Democratic Left operierte. Wir luden Hall gelegentlich zu Vorträgen in grösserem Rahmen ein; die Veranstaltungen waren immer überfüllt und ein Ereignis. Wenn er über Rassismus, Populismus oder Neoliberalismus sprach, reflektierte er stets die Diskussionsbedingungen: An welchem Ort der Debatte stehen wir? Was macht das mit uns? Wohin gehen wir? Man konnte mit ihm die Verfertigung der Gedanken beim Reden miterleben und wie er uns und sich zu neuen Fragen führte.

Hall hat kein grosses Buch, kein singuläres Werk veröffentlicht, das sich mit seinem Namen verbindet. Er wirkte mehr durch einzelne, prägnante Interventionen, durch Anregungen und durchs Reden; zu seinen wichtigsten Publikationen gehören deshalb auch lange Interviews, Gespräche und Diskussionen.

Vor ein paar Jahren konnte ich Hall bei ihm zu Hause interviewen. Die schon damals notwendige Dialyse, die er dreimal wöchentlich absolvieren musste, nahm er gelassen hin, und er analysierte gleichzeitig scharfsinnig und nicht ohne Humor, wie im Spital mit ihm gesprochen und umgegangen wurde, welche Veränderungen sich in dem unter Privatisierungsdruck stehenden staatlichen Gesundheitsdienst vollzogen und wie er sich selbst im diskursiven System der Gesundheit veränderte.

In diesem Interview sprach ich ihn auch darauf an, dass das Konzept der Assimilation, das wir für überholt geglaubt hatten, wieder zurückgekehrt sei. Seine Antwort war ebenso deutlich wie praktisch: «Nehmen Sie die Forderung, dass Einwanderer die Sprache des Gastlandes lernen. Das scheint ein vernünftiges Postulat. Aber man muss in eine Gesellschaft einbezogen sein, um die Vorteile eines Spracherwerbs zu sehen. Die Leute widersetzen sich, einen Teil ihrer Kultur zu verlieren, indem sie ihre Sprache verlieren. Also sollte man sie ermutigen, zwei Sprachen zu sprechen, und nicht die einseitige Assimilation erzwingen.»

Im Hamburger Argument Verlag erscheint dieser Tage Band 5 der «Ausgewählten Schriften» von Stuart Hall: «Populismus, Hegemonie, Globalisierung». 260 Seiten. 
Fr. 25.90.

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