Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Subjektstatus? Verwirrend flüssig

Der britisch-jamaikanische Soziologe Stuart Hall gilt als Mitbegründer der «Cultural Studies». Seine postum erschienene Autobiografie über die ersten dreissig Jahre seines Lebens sticht direkt in die Debatten unserer Gegenwart.

Von Ingo Arend

Verbindet virtuos sein Leben mit Kolonial- und linker Theoriegeschichte: Stuart Hall (undatierte Aufnahme). Foto: Eamonn McCabe

«Dekolonisiert euch!» Kaum eine Debatte hat derzeit wieder so viel Fahrt aufgenommen wie die postkoloniale. Dass selbst das Publikum des öffentlich-rechtlichen Deutschlandradios diesen Slogan zum Motto des Jahres 2020 wählte, ist nur ein Indiz für ihre Virulenz. Die Frage ist bloss: Wie macht man es?

Wie schwer es ist, sich nicht nur der Hardware des Kolonialismus zu entledigen, sondern sich auch vom geistigen Erbe des Kolonialismus zu befreien: Um das zu zeigen, gibt es vermutlich kein besseres Beispiel als das Leben des britischen Soziologen Stuart Hall (1932–2014). Der spätere Universitätsprofessor und Held der akademischen Linken kam im von den Briten beherrschten Jamaika zur Welt. In seiner Autobiografie «Vertrauter Fremder», die in Grossbritannien drei Jahre nach seinem Tod erschienen ist, spricht er deshalb von sich als dem «letzten kolonialen Subjekt».

Zwischen allen Stühlen

In Jamaika sucht der Abkömmling einer ethnisch gemischten Mittelschichtsfamilie seinen Platz zwischen den weissen Plantagenbesitzern und den armen Schwarzen in den Vorstädten: Seine Mutter war Weisse, sein Vater der erste dunkelhäutige Buchhalter der in der Karibik wegen Ausbeutung und politischer Interventionen berüchtigten Firma United Fruit Company. Diese unbefriedigende Zwischenlage habe bei ihm, so schreibt Hall gleich zu Beginn seiner Autobiografie, einen lebenslangen «Prozess der Entidentifizierung» ausgelöst.

1951 kommt Hall als neunzehnjähriger Student nach Grossbritannien. Die zweite Insel seines Lebens war für ihn das Symbol der «grossen Freiheit», der junge Akademiker fühlt sich als «Rekrut der Moderne». Er liest James Joyce, schreibt Gedichte wie John Keats, promoviert später über einen anderen Migranten, den weissen Romancier Henry James. Dennoch verliert der damals einzige schwarze Student in Oxford, das «koloniale Subjekt in der Metropole», wie er sich selbst ironisiert, nie das «Gefühl des Deplatziertseins». «Vertrauter Fremder», der Titel seines Buchs, das aus Gesprächen mit dem Anglisten Bill Schwarz entstand, umreisst genau diese Position.

Auch politisch sass der Wissenschaftler zwischen allen Stühlen. Seine «symbolische politische Geburtsstunde», so erinnert er sich, erlebte er 1938 bei den ArbeiterInnenaufständen gegen die Briten in der Karibik. Ein weiteres Schlüsseljahr war dann 1956. Unter dem Eindruck der Suezkrise, der Verurteilung Stalins auf dem 20. Parteitag der KPdSU und des durch sowjetische Truppen niedergeschlagenen Aufstands in Ungarn weitet sich sein früher Antikolonialismus zum undogmatischen Sozialismus und humanistischen Marxismus, dem er sich fortan zugehörig fühlte. Hall stand gleichsam zwischen Labour und Stalin.

1960 wird der junge Akademiker erster Chefredaktor der «New Left Review», des Leitorgans dieser Strömung. Seine Absage an die führende Rolle des Proletariats und sein Glaube an die Bedeutung der Massenkultur legten den Grundstein für die «Cultural Studies», als deren Mitbegründer Hall gilt. «Die Klassenverhältnisse konnten uns nicht alles erklären», erinnert er sich an die Diskussionen in der Linken, die der akademischen Formierung dieser in den Geisteswissenschaften zeitweilig tonangebenden Strömung vorausgingen. Bei der Frage nach Macht und Herrschaft sei es immer darum gegangen: «Was hat die Kultur damit zu tun?»

Wirkmächtig wurde diese Idee auch im politischen Diskurs. «Thatcherism» hiess Halls berühmter Aufsatz aus dem Jahr 1979 in der Zeitschrift «Marxism Today». Darin warnte der Wissenschaftler vor dem Kurzschluss, Margaret Thatcher als schrille Hausfrau zu unterschätzen, die mit ihrer Handtasche Europa in Schach halten wolle. Hall verstand sie als Speerspitze einer neuen Herrschaftsform, gespeist aus «autoritärem Populismus», getragen von den Ressentiments der von Labour enttäuschten StammwählerInnenschaft. Die Herren Trump und Orban wären demnach nur die letzten Ausläufer einer Entwicklung, die schon vor dreissig Jahren begann.

Die Kraft der Diaspora

Zwar ist es schade, dass Hall sein Buch schon mit dem Beginn der sechziger Jahre enden lässt, als sein Aufstieg als Kulturwissenschaftler gerade erst begann. 1968 wurde er Direktor des vom Kultursoziologen Richard Hoggart gegründeten Center for Contemporary Culture im mittelenglischen Birmingham. Was Halls Buch aber dennoch so lesenswert macht, ist, wie er darin virtuos sein Leben mit Kolonial- und linker Theoriegeschichte verbindet – und dabei seinen frühen Prägungen nachspürt: Hall kann genauso gut von seinen Ausflügen in das «dunklere Jamaika» der armen Stadtviertel und in Bergdörfer mit ihren aus vielfältigen Einflüssen entstandenen Riten erzählen, wie er die Begriffe «race» und «class» theoretisch herleiten oder von Jazz und Blues schwärmen kann.

Als junger Mann träumte Hall davon, ein «schwarzer Intellektueller» zu werden. Ganz ungebrochen war sein Verhältnis zum Konzept der «blackness» dennoch nicht – auch wenn er mit der Black-Power-Bewegung in der Karibik, später in Grossbritannien und den USA sympathisierte. Sein Buch ist aber ein beeindruckendes Zeugnis für die produktive Kraft eines Lebens im «Dritten Raum», der für ihn die Diaspora ausmachte. Hier werden für Hall «Identitäten rekonstruiert, transformiert, problematisiert, pluralisiert, mobilisiert und antagonistisch gegeneinandergesetzt». Jeder Versuch, diesen Prozess mit der Behauptung einer überzeitlichen «Authentizität» zu leugnen, wie er in Diaspora-Communitys oft zu beobachten ist, sei zum Scheitern verurteilt. Deswegen habe er später einmal davon gesprochen, dass auch «das essenziell schwarze Subjekt am Ende» sei.

In seinem ebenfalls postum erschienenen Band «Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation» (2017) spricht Hall davon, dass «race» als allzu fixe Kategorie inzwischen tief in die Seelen der AntirassistInnen eingesunken sei. Als ProtagonistInnen des Widerstands würden diese nun etwa Wahrheit oder Wert eines Kunstwerkes von der «richtigen» Hautfarbe des Künstlers oder der Künstlerin abhängig machen und damit den Rassismus nur auf den Kopf stellen: Das Paradigma bleibe «paradoxerweise dasselbe».

Identität gibts nur im Plural

«Identität, im Singular, wird niemals abschliessend erlangt. Identitäten, im Plural, sind die Mittel des Werdens», schreibt Stuart Hall. Sein biografisches Fazit ist nur folgerichtig, so wie er das Konzept der «race» schon im vermeintlich schwarzen Jamaika als «verwirrende Fluidität» erlebte. So wie er auch die Diaspora als einen Raum definiert, in dem «Politiken von Klasse, Race und Geschlecht zusammenkamen, aber eine neue, instabile, unaufhaltbare, explosive Artikulation bildeten».

Sich zu «de-kolonisieren» hiesse also nicht nur, das Raubgut aus Museen des Westens zu restituieren, sondern auch, eine kritische Distanz zum Fetisch Selbst zu schaffen. Mit anderen Worten: mit der Veränderung, der Überschreibung und der Durchmischung dessen zu rechnen, was vermeintlich die eigene Identität ausmacht. Das klingt nach einer (multi-)kulturellen Binsenweisheit. Wie schwer der Prozess real ist, zeigt Halls spannender Versuch retrospektiver Lebensdeutung. Für die «Herstellung des diasporischen Selbst» braucht es manchmal ein ganzes Leben.

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