Nr. 09/2014 vom 27.02.2014

Gefühle (haben in der Politik nichts verloren)

In der Politik solle der Verstand herrschen, und Gefühle hätten dort nichts verloren, sagen viele. Dabei wäre mehr Liebe in der Politik dringlich.

Von Jonas Aebi

Die Angst. Der Hass. Die Unsicherheit. Am Schluss siegten die Gefühle. Entgegen den Argumenten eines breiten politischen Spektrums, von links aussen über den Bundesrat bis zur Wirtschaftselite, stimmte eine Mehrheit der Stimmberechtigten erneut einer SVP-Abschottungsvorlage zu.

So ging nach der Annahme der Initiative ein Aufschrei durch die Schweiz – wie jedes Mal, wenn eine Mehrheit dem Lockruf der Fremdenfeindlichkeit nachgegangen ist. Und manche mögen insgeheim die Dummheit der Menschen verfluchen, die dem Populismus von rechts anheimfallen – von Emotionen getrieben anstatt von Argumenten geleitet. Wir beklagen den Verlust von vernünftiger Diskussion in unseren politischen Debatten und fordern, die Emotionen beim Politisieren aussen vor zu lassen. Mit dem Kopf abzustimmen statt mit dem Bauch. Und leise schwingt hier der Irrtum mit, dass Politik eine reine Sache des Verstandes sein solle und Emotionen in der Politik nichts zu suchen hätten.

Klar, die Instrumentalisierung von Gefühlen, wie sie von PopulistInnen betrieben wird, ist kein anstrebenswerter Politikstil. Aber sich deswegen zurück in die reine Rationalität zu flüchten, ist auch kein Ausweg.

Mit der Aufklärung hatte etwa Immanuel Kant die Sinnlichkeit der Rationalität untergeordnet und so die angeblich sinnliche Frau dem angeblich vernünftigen Mann unterworfen. Politik wurde zur Sphäre der (männlichen) Rationalität erklärt, die (weiblichen) Emotionen, Leidenschaften und Triebe wurden ins Private verdrängt. FeministInnen setzen dem seit langem entgegen, dass Gefühle nicht Gegenspielerinnen der Rationalität seien und diese auch nicht behinderten.

Unterstützung erhalten sie dabei von der Neurologie. HirnforscherInnen wie Gerhard Roth behaupten, dass das Verhältnis von Rationalität und Affekt im Gehirn eher umgekehrt verläuft: «Nicht die Vernunft lenkt primär unsere Handlungen und wird durch Emotionen begrenzt, sondern Affekte und Emotionen steuern in Form von Handlungsmotiven unser Verhalten.» Ob Huhn oder Ei – weder schliessen sich Gefühl und Verstand aus, noch ist die Rationalität der Sinnlichkeit übergeordnet.

Politik ist also immer auch eine Sache der Gefühle. Und das muss nicht schlecht sein. Die Frage ist lediglich, welche Art von Gefühlen man zu welchem Zweck gebraucht.

Barack Obama etwa hat mit seiner emotionalen «Hope»-Kampagne einen kollektiven Freudentaumel in den USA ausgelöst. Viel mehr als populistischer Wahlkampf war das Heraufbeschwören der Hoffnung aber nicht – diese hat Obama mit seiner Politik jäh enttäuscht.

Dass es auch nachhaltiger geht, hat etwa die Indignados-Bewegung in Spanien gezeigt, an deren Anfang die Empörung stand. Mit diesem Gefühl des Unbehagens haben sie eine solidarische Politik von unten entwickelt. Sie haben gezeigt, dass Gefühle nicht nur instrumentalisiert werden, sondern auch ermächtigen können.

So empfehlen etwa die politischen Philosophen Michael Hardt und Antonio Negri: Machen wir das edelste aller Gefühle wieder zu einem festen Wert in der Politik – die Liebe! Unter Liebe verstehen sie: «Solidarität, die Sorge um andere, Gemeinschaft zu stiften und in gemeinsamen Dingen zu kooperieren». Solidarität, das ist kein abstraktes Konzept, sondern ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch werden kann und soll. Das Problem liegt laut Hardt und Negri heute im «Unvermögen, die Liebe zum Sprechen zu bringen und weiterzuentwickeln». Genau dies wäre jedoch dringend nötig in einer Zeit der neoliberalen Kälte, in der die ökonomische Rationalität und die rechtspopulistische Angstmacherei die Politik dominieren.

Wenn wir also diskutieren, ob wir nun die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen oder den Ängsten mit rationalen Argumenten entgegnen sollen, so können wir uns auch für den dritten Weg entscheiden: der Angst und dem Hass wieder mehr Hoffnung und Liebe entgegensetzen. Positive Gefühle gebrauchen, um die Solidarität zwischen den Menschen zu fördern. Das mag pathetisch oder sentimental klingen, unvernünftig ist es sicher nicht.

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