Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Schwerelos wie ein Astronaut durchs Weltall Was bleibt übrig, wenn alle sinnlichen Reize und Empfindungen ausgeschaltet werden?

Text: Franziska MeisterMail an AutorIn Foto: JocJonJosch

Von Stanislaw Lem gibt es eine Kurzgeschichte, in der er seinen Helden Pilot Pirx ins «Irrsinnige Bad» schickt, den letzten Test in der Ausbildung zum Kosmonauten: Nur mit einer Paraffinmaske über dem Gesicht, in die zwei Metallröhrchen zum Atmen eingebaut sind, muss Pirx sich in ein Wasserbecken legen. Das Wasser wird auf Körpertemperatur erwärmt und mit Salz versetzt, bis sein Körper sich vom Boden löst. «Das Ganze nannten die Wissenschaftler ‹Behinderung der afferenten Stimuli›. Der ‹Ertrunkene› schwamm, die Arme über der Brust gekreuzt, im Bassin. Schon nach kurzer Zeit spürte er nicht mehr, dass er im Wasser war. Er sah nichts, hörte nichts, hatte weder Geruchs- noch Tastsinn – er glich einer ägyptischen Mumie, und die Frage war nur, wie lange er das aushielt.»

Zeichen der Endlichkeit

Was der polnische Philosoph und Science-Fiction-Autor 1963 in «Der bedingte Reflex» beschrieb, war wenige Jahre zuvor vom US-Neurophysiologen John C. Lilly entwickelt worden: eine dunkle, schallisolierte und geruchsfreie Kapsel, kaum dreissig Zentimeter tief mit Wasser angefüllt, das exakt Hauttemperatur hat und mit einer starken Sole versetzt ist. Wer sich hineinlegt, schwebt gleichsam schwerelos wie ein Astronaut durchs Weltall. Lilly interessierte sich für die Frage, was passiert, wenn dem Körper alle Sinnesreize entzogen werden.

Es scheint eine Binsenwahrheit: Wir leben in, mit und durch unseren Körper. Doch bewusst nehmen wir ihn kaum wahr. Viele wissen nicht einmal, dass es nebst Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten noch einen sechsten Sinn gibt – den Körpersinn. Er informiert uns über Position, Haltung und Bewegung unseres Körpers im Raum. Anders als die anderen Sinne ist der Körpersinn nicht an ein spezifisches Organ gebunden. Seine Sensoren sind über Muskeln, Sehnen und Gelenke im ganzen Körper verteilt und senden dem Gehirn unablässig Signale über Stellung, Spannkraft und Bewegung verschiedener Körperteile. Entdeckt hat diese Sinneszellen zur Selbstwahrnehmung, im Fachjargon «Propriozeptoren», der britische Neurophysiologe Charles Sherrington zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die späte Entdeckung des sechsten Sinnes kommt nicht von ungefähr. Seit der Antike prägt ein zutiefst ambivalentes Verhältnis zum Körper die abendländische Philosophie und Geschichte, wie die italienische Philosophin Michela Marzano in ihrer «Philosophie des Körpers» (2013) aufzeigt. Denn der Körper bindet uns an die Materialität der Welt und unterwirft uns den Beschränkungen von Raum und Zeit. Schon Platon beschrieb den Körper als Gefängnis, als Antithese zur Seele respektive zum Geist: Wo die Seele Wahrheit erkenne, verhülle sie der Körper bloss. Er korrumpiert gleichsam Erkenntniskraft wie moralisches Handeln. Eine Abwertung und letztlich Negierung des Körpers, die sich noch bei Descartes fast 2000 Jahre später zeigt: «So schnell als möglich will er sich seiner Augen, seiner Ohren, ja des ganzen Körpers entledigen», resümiert Marzano. Der Körper, er kettet uns an unsere Instinkte, unsere Ängste, er ist schwach, zerbrechlich, krank. Ein Zeichen unserer Endlichkeit.

Und so wirkt die Vorstellung des Körpers als Last, der man sich entledigen müsse, um frei zu sein, bis in die Gegenwart fort. Erweitert um das «Hirngespinst» der totalen Kontrolle, wie Marzano schreibt: «Der Körper wird akzeptiert in dem Masse, in dem er sich kontrollieren und beherrschen lässt, in dem Masse, in dem er uns von den ‹Exzessen› seiner Materialität verschont.»

Mit der abendländisch-philosophischen Geringschätzung des Körpers ging auch eine Hierarchisierung der Sinne einher: Sehen gilt seit Aristoteles als höchster, weil rationalster Sinn, wogegen der Tastsinn ganz zuunterst auf der Leiter steht, verweist er doch auf Lust und Eros, die grossen Gegenspieler jeglicher Vernunft. Für den sechsten Sinn, den Körpersinn, findet sich in dieser Vorstellungswelt nicht einmal mehr eine Leitersprosse.

Schwindel im Isolationstank

Kaum ein Philosoph begehrte so dezidiert dagegen auf wie Friedrich Nietzsche. Er, der zeitlebens und zunehmend unkontrollierbar unter den «‹Exzessen› seiner Materialität» litt – darunter heftige Migräneattacken –, machte den Körper zum Ausgangspunkt seiner philosophischen Betrachtungen. Wir erfahren die Welt durch unseren Körper, und deshalb geht jede Erkenntnis von den Sinnen aus – hinter jedem Gedanken steht für Nietzsche ein Affekt.

Was zurück zur Frage führt, die John C. Lilly Mitte des 20. Jahrhunderts umtrieb: Was passiert, wenn diese Sinne – wenn insbesondere der Körpersinn – ausgeschaltet werden? In Fachkreisen war man sich damals einig, dass dies über kurz oder lang geisteskrank – eben: wahnsinnig – machen würde. Eine Furcht, die auch Stanislaw Lem seinem Helden Pirx ins «Irrsinnige Bad» mitgibt, von dem gemunkelt wird, es sei «eine schwere Belastungsprobe für die Konsistenz der Persönlichkeit». Und tatsächlich: «Pirx spürte überhaupt nichts, die Leere wurde allmählich beängstigend. Zunächst verlor er das Gefühl für die Lage seines Körpers, er wusste nicht, wie er die Hände und die Füsse hielt, erinnerte sich lediglich daran. Dann begann er zu überlegen, wie lange er bereits unter der weissen Paraffinmaske lag. Er hatte nicht die geringste Vorstellung, wieviel Minuten – Viertelstunden? – vergangen waren. (…) Während er noch darüber staunte, schwand sein eigenes Ich immer mehr dahin. Ihm war, als habe er keinen Leib, kein Gesicht – er begann sogar daran zu zweifeln, jemals existiert zu haben. (…) Er wollte die Hände bewegen – aber er hatte nichts, was er bewegen konnte. Hände waren nicht da. Er erschrak nicht einmal, er war nur verdutzt. ‹Verlust des Körpergefühls› nannte man das, Pirx hatte davon gelesen, aber dass diese Erscheinung so absolut sein würde, hätte er nicht gedacht.»

Über Seiten hinweg lässt Lem seinen Helden mit geradezu wissenschaftlicher Akribie beschreiben, was dieser Verlust des Körpergefühls mit ihm anstellt, von den einsetzenden Halluzinationen bis hin zur drohenden Ich-Auflösung, in deren Verlauf er «zerfiel in zahllose schwarze Schatten, die wie verkohlte Papierfetzen chaotisch umherflatterten», oder er «schmolz wie ein Schneeberg in der Sonne, wurde hinweggespült, irgendwohin, ohne sich zu rühren».

Lilly selbst erlebte diesen «Wahnsinn» in seinen Selbstexperimenten im Isolationstank ganz anders. Er sprach von «völlig neuen inneren Erfahrungen» und «veränderten Bewusstseinszuständen». Der Verlust des Körpergefühls als LSD-Trip?

Das lässt sich heute ganz legal selbst überprüfen. «Floating» im Isolationstank bieten in der Schweiz gleich mehrere Orte an, als Behandlung irgendwo zwischen Wellness und Medizin. Ein Selbstversuch zeigt: Der Schwebezustand im Wasser verursacht zu Beginn vor allem eines – Schwindel. Alles dreht sich, da ist nichts, das Orientierung bietet. Es gibt kein Oben und kein Unten mehr. So abstrakt die Rede vom Körper als Orientierung in der Welt klingen mag: Im Isolationstank lässt sich extrem physisch erfahren, was sich konkret dahinter verbirgt.

Immerhin verbringen wir physikalisch betrachtet die meiste Zeit damit, gegen die Schwerkraft anzukämpfen und dabei das Gleichgewicht zu halten. Ein Kampf, der über neunzig Prozent unserer neuronalen Aktivitäten absorbiert. Es gibt also nicht nur eine philosophische, sondern auch eine neurophysiologische Erklärung dafür, dass wir unseren Körper kaum wahrnehmen: Die Flut an Informationen aus den Propriozeptoren, die in der Inselrinde des Gehirns eintreffen und dort in Bewegungssignale an Muskeln, Sehnen und Gelenke umgewandelt werden, ist schlicht zu gewaltig, als dass sie unser Gehirn bewusst verarbeiten könnte.

Warum schämen wir uns?

Der Körper rückt nur dann ins Bewusstsein, wenn wir in einer akuten Ausnahmesituation stecken – wenn also der Körpersinn nicht richtig funktioniert oder gar ganz ausfällt. Im harmloseren Fall überfordert uns ein neuer Tanzschritt, oder wir sind so betrunken, dass wir vom Fahrrad kippen. Spektakulär hingegen ist das Beispiel des Briten Ian Waterman, der mit neunzehn Jahren aufgrund einer Virusinfektion sein Körpergefühl verlor. Die Infektion hatte seine Propriozeptoren irreversibel zerstört. Einzig das Schmerzempfinden und das Gefühl für Hitze und Kälte blieben ihm erhalten. Er konnte weder Matratze noch Bettdecke spüren und hatte keine Ahnung, wo sich Arme und Beine befanden, was er als «erschreckendes, beunruhigendes Gefühl haltlosen Umhertreibens im Raum» beschrieb. Wie beim «Floating» im Isolationstank also – mit dem Unterschied, dass seine anderen Sinne intakt funktionierten. Ebenso auch seine Muskeln, er war also nicht gelähmt.

Spektakulär am Fall Waterman ist, wie er es schaffte, die Kontrolle über seinen Bewegungsapparat zurückzugewinnen: Er überbrückte die fehlende Reizübertragung aus den Propriozeptoren mithilfe seiner Augen. Dazu musste er den entsprechenden Körperteil genau anschauen und seine Bewegung quasi gedanklich steuern, indem er sie im Voraus berechnete. Ähnlich verfahren wohl auch AstronautInnen, die ihre Bewegungsabläufe in der Schwerelosigkeit neu einüben müssen, damit diese nicht zu schnell und zu weit ausfallen.

Der Fall Waterman, den die BBC 1997 in «The Man Who Lost His Body» dokumentiert hat, macht nicht zuletzt deutlich: Die in der Philosophie konstruierte Dualität von Körper und Geist ist nur eine vermeintliche. Tatsächlich hängen Körper und Geist stark voneinander ab – und der Körpersinn spielt dabei eine Schlüsselrolle. Das belegt auch eine Reihe weiterer neurophysiologischer Phänomene, die zu einer gestörten Körperwahrnehmung führen: Phantomschmerzen nach einer Amputation etwa, oder wenn Menschen aufgrund einer Hirnverletzung plötzlich einzelne Körperteile nicht mehr als die eigenen erkennen, wenn sie diese als störend empfinden und loswerden wollen. Nicht alle Störungen in der Körperwahrnehmung aber lassen sich auf Hirnverletzungen zurückführen. Weshalb ritzen sich Menschen? Weshalb glauben manche, sie hätten eine krumme Nase oder sie seien zu dick, obwohl dies objektiv betrachtet gar nicht der Fall ist?

Sigmund Freud, der sich vor allem für den Körper als Symptomträger interessierte, hätte wohl von einer «Wiederkehr des Verdrängten» gesprochen. Das Unbewusste in der Körperwahrnehmung ist verwoben mit dem Unterbewussten – auch Empfindungen wie warm, weich oder kribbelig gehören wie die Propriozeptoren zu den afferenten Stimuli. Sie werden in der Inselrinde des Gehirns verarbeitet und dabei emotional quasi automatisch bewertet: Wenn wir uns fürchten, rast unser Herz; wenn wir uns schämen, röten sich unsere Wangen. Aber wovor fürchten wir uns? Warum schämen wir uns?

Über die Beschäftigung mit dem Körper und seiner Wahrnehmung finden Psychologie, Neurologie und Philosophie immer näher zusammen. Im Zentrum steht die Frage, wie das Ichbewusstsein zustande kommt. So vermutet der US-amerikanische Neuropsychologe António Damásio etwa, dass unsere Emotionen auf unserem Körpersinn beruhen, auf Schmerz, Hunger, Juckreiz, Muskelspannung, Signalen aus den Eingeweiden, die in der Inselrinde des Gehirns eintreffen. Sinnesreize, die eine zentrale Rolle spielen für jene Formen der Entscheidungsfindung, die wir als Intuition oder Bauchgefühl umschreiben. Aus dieser inneren Wahrnehmung des Körpers, so die unter NeurologInnen zunehmend verbreitete These, entspringt das Selbst-Bewusstsein.

«Ja, wenn ihm ein Schmerz im Leib sässe, dann wäre es anders!», fantasiert Pirx irgendwann: «Ein Schmerz würde gewisse Grenzen abstecken, er würde an seinen Nerven zerren und ihm ermöglichen, sich selbst zu erkennen.» Der lange vernachlässigte sechste Sinn – nach sieben Stunden im «Irrsinnigen Bad» bekommt er endlich die Bedeutung, die er verdient. «Pirx sass auf einem vierfach zusammengefalteten Handtuch, er spürte, dass es rauh war, und das tat ihm gut.»

Stanislaw Lem: «Pilot Pirx. Erzählungen». Insel Verlag. Frankfurt am Main 1978. 546 Seiten.
Michela Marzano: «Philosophie des Körpers». Diederichs Verlag. München 2013. 142 Seiten.
«The Man Who Lost His Body». BBC 1997.

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