Nr. 10/2014 vom 06.03.2014

«Ich war etwa zehn Jahre alt, als ich zu meiner Mutter ruhig, aber entschieden sagte: ‹So wie du will ich auf keinen Fall leben.› Von dieser kühlen Distanznahme haben wir beide uns nie mehr richtig erholt.»

Wir werden nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht, behauptete Simone de Beauvoir vor 65 Jahren. Was hiess das für uns? Was hat sich seitdem geändert? Was macht heute eine Frau zur Frau? WOZ-Mitgründerin Lotta Suter über ein halbes Jahrhundert Emanzipationsgeschichte.

Von Lotta Suter (Text) und Lika Nüssli (Illustrationen)

Die Stellung der Frau hat sich verändert. Das sehe ich allein schon daran, dass keine meiner drei Töchter ein Mann werden wollte wie ich damals. (Übrigens, und diese Bemerkung geht an die besorgten Männerforscher, die Söhne wollten auch nicht Frauen sein.) Genervt von zahllosen Mamablogs und Papaposts wenden Sie jetzt vielleicht ein, das Gedeihen des eigenen Nachwuchses sei noch lange kein Beweis für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Da gebe ich Ihnen recht: Individuelle Erfahrung sollte nicht am Ende politischer – in diesem Fall feministischer – Betrachtungen stehen, sonst wird das private Gärtchen zum Massstab aller Dinge. Doch am Anfang bleibt uns nicht viel anderes übrig, als die Welt durch das 
Prisma unseres eigenen Lebens wahrzunehmen.

Für mich liegt der Anfang in den berühmten fünfziger Jahren, deren Retro-Chic ich heute nicht ganz nachvollziehen kann. Ich war ein Kind dieser Zeit, als Mädchen ganz eindeutig ein Kind zweiter Klasse. Zwar freute sich die ganze Verwandtschaft über die herzige Erstgeborene. Aber weil in den nächsten Jahren kein zweites Baby folgte, machte sich männiglich Sorgen. Als meine Eltern einen VW Käfer kauften – schwarz mit geteiltem Rückfensterchen –, da bemerkte der Patriarch unseres Clans: Mein Vater würde gescheiter einen Stammhalter anschaffen als ein Auto. Der Filius wurde dann doch noch geboren, und die Kleinfamilienwelt war wieder in Ordnung.

Solche Verästelungen des Familienstammbaums  waren mir ziemlich egal. Mich störte vielmehr, dass ich im Sonntagsgewand nicht auf die richtigen Bäume klettern durfte, mein Bruder aber schon. Mich störte, dass die Buben in der Schule «Werken» auf dem Stundenplan hatten und wir Mädchen bloss «Handarbeit». Diese Aufteilung bedeutete nämlich nicht bloss den Unterschied zwischen harten und weichen Materialien, also Holz und Metall versus Stoff und Wollgarn. Die Buben durften als angehende Schreiner Gestelle zimmern, als Künstler Linolschnitte gestalten oder als Architekten Kartonage-Hochhäuser entwerfen. Wir Mädchen wurden mit von der Lehrerin mutwillig zerschnittenen Flicksocken alle auf ein und dasselbe selbstgenügsame Hausfrauendasein vorbereitet, das eigentlich bereits der Vergangenheit angehörte. Übrigens ging das Sockenflicken auch auf Kosten der Mathematik. Die Buben hatten mehr Rechenstunden, weil sie dieses Fachwissen im Leben später brauchen würden. Die jungen Damen, denen ja später im Restaurant eh eine Speisekarte ohne Preisangabe vorgelegt werden würde, waren auf die ganze Zahlenbeigerei offenbar nicht angewiesen.

Kindheitsmuster und Lebensentwurf

Ich wünschte mir damals nichts sehnlicher, als ein Bub 
zu sein. Dabei beneidete ich meine Spielkameraden nicht um
 ihren Penis, das ist dummes Zeug. Ich wollte bloss wie sie herumtoben, statt mit einer Lismete still zu sitzen. Die 
Häuslichkeit lockte mich nicht, sondern das wilde, abenteuerliche Leben, das in den Kinderbüchern der Zeit fast ausschliesslich von männlichen Helden gelebt wurde. Die wenigen Geschichten mit mutigen Mädchen als Hauptperson machten einen tiefen Eindruck auf mich. «Die rote Zora» von Kurt 
Held etwa. Oder «Siri auf Spitzbergen», ein Jugendbuch der 
dänischen Autorin Estrid Ott, in dem die Heldin Bären begegnet und Ingenieurin im Kohlebergwerk ihres Vaters werden will. Am Ende der Lektüre war ich mir allerdings nicht so sicher, was mit Zora oder Siri eigentlich passiert, wenn sie erwachsen werden. Würden auch sie Hausfrauen werden wie meine Mutter und alle andern Frauen in meiner Umgebung? Ich konnte 
mir gar nichts anderes vorstellen – bis ich «Madame Curie» begegnete. Die von Tochter Eve Curie verfasste Biografie der nobelpreisgekrönten Physikerin und Chemikerin öffnete mir 
Welten. Frauenwelten, hatte ich zuerst präzisieren wollen. Aber das stimmt gar nicht. Es war ein von Männern besetztes Terrain, das ich, ein Kind noch, zu allem entschlossen betrat. Ich war erst etwa zehn Jahre alt, als ich zu meiner Mutter nicht im Streit, sondern ruhig, aber entschieden sagte: «So wie 
du will ich auf keinen Fall leben.» Von dieser kühlen Distanznahme haben wir beide uns nie mehr richtig erholt.

Doch das hier ist keine Selbstanalyse. Ich erwähne diese biografischen Details zum einen, weil sie für das Aufwachsen in den fünfziger Jahren wohl so typisch sind wie die roten Wisa-Gloria-Dreiräder, die Hula-Hoop-Reifen aus Plastik oder der einheitlich braune Schulthek: glattes Leder für die Mädchen, Leder mit Felldeckel für die Buben. Nur nicht aus dem Rahmen fallen. Dieses Gebot galt für Konsumgüter, aber auch für Lebensentwürfe. Und für die Frauen war der Rahmen besonders eng. Zum andern bündelt dieses Kindheitsmuster gewissermassen eine historische Phase der Frauenbewegung: die Demütigung und Diskriminierung durch das Patriarchat, die heftige Rebellion der Ohnmächtigen und als Gegenoffensive die Eroberung der Männerwelt.

Machos und Monopole

In den sechziger Jahren setzte ich meinen eigenen Gleichstellungsfeldzug fort. Wenn ich schon kein Mann sein konnte, wollte ich wenigstens so gut sein wie ein Mann, sei es im Sport, beim Violinspiel oder im Beruf. Dieses Ansinnen klingt heute reichlich melodramatisch. Doch für mich war das alltägliche Drama sehr real.

Fussball spielen zum Beispiel konnte ich nur informell, mit Buben, die gerade einen Spieler zu wenig hatten. Offizielle Mädchen- und Frauenteams gab es nicht. Noch Mitte der sechziger Jahre entschied sich der Schweizerische Fussballverband SFV ausdrücklich gegen die Zulassung von Frauenvereinen. Hingegen erlaubte der SFV einer Handvoll fussballverrückter Frauen, als Schiedsrichter aufs Feld zu treten (weil gerade Mangel herrschte). 1966 pfiffen frisch lizenzierte Schiedsrichterinnen an einem Junioren-C-Turnier ihr erstes Spiel. Der Präsident der Schiedsrichterkommission stufte die Leistungen der Frauen durchaus positiv ein, verwies aber doch auf «teilweise ungenügendes Laufvermögen, das wohl 
von hohen Absätzen im Alltag herrührt». Beim Bergsteigen und Klettern fühlte ich mich in der Jugendorganisation des Schweizerischen Alpenclubs SAC sehr wohl. Wir jungen Frauen 
und Männer waren viel unterwegs zusammen und formten schöne Freundschaften. Mit zwanzig war das schlagartig vorbei. Als volljährige Frau wurde ich automatisch aus dem SAC ausgeschlossen. Meine Freunde zogen nun – enttäuschend 
selbstverständlich – einfach ohne mich und meinesgleichen los. Als sich der SAC 1980 den Frauen öffnete, war es für mich zu spät für eine «Versöhnung». Die Förderung des Breitensports in der Schweiz untersteht bis heute dem Verteidigungsdepartement. Doch der ehemalige «Vorunterricht» war weitaus militärischer und männlicher orientiert als die Nachfolgeorganisation «Jugend und Sport» (ab 1971). Als ich in den späten sechziger Jahren einen Skilehrervorkurs absolvierte, wurden wir (acht Männer, eine Frau) auf der Piste vom Instruktor angebellt wie angehende Offiziere.

Sport und harte Männer, diese Kombination ist uns vertraut. Doch Geigenspielen als Machomonopol? Kaum jemand erinnert sich heute noch daran, dass die Berliner Philharmoniker erst 1982 weibliche Orchestermitglieder akzeptierten. Und sie waren nicht einmal die Letzten. 1997 drohte die mächtige US-Frauenrechtsorganisation National Organization for Women den frauenfeindlichen Wiener Philharmonikern ihre geplante USA-Tournee mit geharnischten Protesten zu versalzen. 
Daraufhin stellte der Männerklub widerwillig eine Frau ein. Eine einzige Frau. Mit einem «typisch weiblichen» Instrument, der Harfe. Selbst in unserem geschlechterdurchmischten Gemeindeorchester war nicht die brillanteste Geigerin Konzertmeisterin, sondern der etwas steife Zahnarzt. Ein Mann mit bestenfalls solider Spieltechnik, aber grossem politischem Einfluss.

Kinder und Karriere

Bei der Rückschau auf diese skurrilen Geschlechterbarrieren wird mir bewusst: Wenn ich das alles noch selber erlebt habe, dann sind auch die Männer noch da, die sich solche Ausgrenzung der Frauen ausgedacht oder wenigstens hartnäckig verteidigt hatten. Ob es wohl reibungsloser vorwärtsgeht mit der Gleichstellung, sobald meine Generation abgetreten ist?

Wenn Sport und Musik blosse Scharmützel meines eigenen Geschlechterkampfs darstellten, dann war die Berufsfindung sozusagen die Entscheidungsschlacht. Es wurde mir unnatürlich früh klar, dass Bildung den Königsweg aus der Enge traditioneller Weiblichkeit darstellte. Ich erkämpfte mir einen Platz an der Mittelschule und sorgte für durchgehend gute Noten, denn ich glaubte fest daran: je besser das aktuelle Zeugnis, desto mehr Freiheit. Schliesslich funktionierte der Leistungsnachweis schon jetzt als Schutzschild gegen elterliches Mikromanagement.

Acht Jahre lang besuchte ich das Luzerner Töchtergymnasium, das bis 1960 die einzige gymnasiale Ausbildungsmöglichkeit für Mädchen im Kanton Luzern darstellte. Es war keine schlechte Schule, wenn man von ein paar älteren 
Dozenten absah, die sich immer noch nicht sicher waren, ob Frauen eine Seele und ein Gehirn haben. Der Physiklehrer zum Beispiel dozierte, die Fallbeschleunigung betrage 9,81 m/s², 
und fügte dann väterlich hinzu: «Für das Töchtergymnasium sagen wir zehn.» Die meisten Lehrer und die wenigen Lehrerinnen waren aber fair, was die akademische Seite ihres Berufs betraf. Sie behandelten uns gewissermassen als geschlechtsneutrale Wesen. Wenn eine Schülerin aus diesem asexuellen Muster ausbrach, wurde es allerdings dramatisch. Eine Studentin am benachbarten Lehrerseminar wurde im letzten Schuljahr schwanger. Sie wollte die Ausbildung abschliessen, bevor das Kind auf die Welt kam. Das liess die Schulleitung «aus moralischen Gründen» nicht zu. Sie musste das Seminar verlassen. In meiner eigenen Gymnasialklasse hatte eine Kollegin mit knapp achtzehn Jahren geheiratet. Sie war 
nicht schwanger. Trotzdem wurde hin und her diskutiert, ob 
sie als verheiratete Frau an der Schule bleiben könne. Schliesslich wurde es ihr erlaubt, doch konnten sich die Lehrer anzügliche Bemerkungen nicht verkneifen. Dass sie eine junge Frau in Mathe oder Latein unterrichteten, die höchstwahrscheinlich Sex hatte, überstieg – und beflügelte – ihre Vorstellungskraft.

Auch meine Mutter vertrat die Ansicht, dass sich eine Frau klar zwischen Kindern und Karriere entscheiden müsse, entweder oder. Da mir meine Eltern den Besuch der Mittelschule ermöglichten, erwarteten sie von mir, dass ich schon als Jugendliche auf Liebschaften verzichte. Der Preis für ein Frauenstudium war sozusagen das Zölibat. Noch einmal wurde es 
eng, und noch einmal musste ich weg.

Hütten und Paläste

1970 reiste ich als Austauschstudentin in die USA. Dieses Jahr in einer anderen Familie, an einer anderen Schule, in einer anderen Gesellschaft hat viele Weichen gestellt. Ich gewann ein anderes Selbstverständnis als Frau und entwickelte die Parameter, an denen ich Emanzipation und Feminismus fortan mass. Denn hier wurden die politischen Entwicklungen und Widersprüche nicht wie in der Schweiz durch den diskreten Charme der Bourgeoisie zugedeckt, sondern gleichsam auf der grossen Bühne vorgeführt.

Wie selbstverständlich doch US-Amerikanerinnen ihrer Berufstätigkeit nachgingen und ihre eigenen Karrieren verfolgten, auch wenn sie Familie hatten! Allerdings besuchten ihre Kinder im Gegensatz zu schweizerischen Buben und Mädchen Tagesschulen, die in den USA nicht so heissen, weil sie die Norm sind. Und wie routiniert die Ladys ihre politischen Rechte ausübten! Sie hatten das Stimmrecht bereits 1920 erhalten. Und ich sollte jetzt den Frauenrechtlerinnen der League of Women Voters erklären, wieso die Schweiz fünfzig Jahre später immer noch nicht so weit war.

In der Schule wurden zu meinem Erstaunen auch den Mädchen mathematische und naturwissenschaftliche Fähigkeiten zugetraut. Die Formel 9,8 1 m/s² galt für alle. Ich konnte mir Frauen auf einmal in ganz vielen Berufen vorstellen. Schliesslich waren die Klassenbesten an unserer Highschool fast alle weiblich. Andererseits gab es unter den etwa 200 Schülerinnen meines Jahrgangs auch ein halbes Dutzend Teenagerschwangerschaften, und es war vorauszusehen, dass diese jungen Mütter ihre Ausbildung abbrechen und in das Heer armutsgefährdeter Frauen eintauchen würden.

Der Graben zwischen Reich und Arm begann 1970 in den USA gerade grösser zu werden. Der Kontrast zwischen Hütten und Palästen war für eine Schweizerin aber schon damals gewöhnungsbedürftig. Am schulergänzenden Samstagmorgenprogramm zum Beispiel, in dem ich mitarbeitete, wurde vor allem das Gratisfrühstück geschätzt, weil es das Haushaltsbudget der Familien entlastete. Die «sozial benachteiligten Kinder», so die offizielle Bezeichnung für unsere kleinen Gäste, waren übrigens zu neunzig Prozent afroamerikanisch. Es war nicht zu übersehen, dass die Armut in den USA sowohl mit Sexismus als auch mit Rassismus verknüpft war.

Dazu kam die polarisierende politische Grosswetterlage. Kurz vor meiner Ankunft waren an der Kent State University in Ohio vier Studierende von den Ordnungskräften der National Guard erschossen worden. Die jungen Leute hatten gegen die Kambodscha-Initiative von Präsident Richard Nixon protestiert. Nun waren die Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg explosiv. Als Ausländerin wurde mir vom Demonstrieren abgeraten. Stattdessen sass ich in einer Beratungsstelle für 
US-Amerikaner, die den Kriegsdienst vermeiden wollten. Da zeigte sich, dass auch bei der Mobilmachung eine soziale Auslese stattfand. Junge – meist weisse – Männer im Studium hatten viele legale Möglichkeiten, sich der allgemeinen Wehrpflicht zu entziehen. Ungelernte Arbeiter, darunter viele Afroamerikaner, sahen im Vietnameinsatz oft eine – oder die einzige – Chance, sozial aufzusteigen und zu Ruhm und Ehre 
zu kommen.

Was hat der Vietnamkrieg mit der Frauenfrage zu tun? Die Militarisierung traf auch die Mütter, Schwestern, Freundinnen. Das gesamte soziale Gefüge der USA wurde durcheinandergebracht durch den Kriegseinsatz (oder die Flucht nach Kanada) von Millionen von jungen Männern. Ein eindrücklicher Beleg dafür, dass globale Politik und gesellschaftliche  Mikrostrukturen Teil ein und derselben Wirklichkeit sind.

Feminismus und Systemkritik

Meine USA-Erfahrungen und die Lektüre einer schnell wachsenden Flut von Frauenbüchern verschiedenster Gattung und Güte verfestigten sich in den nächsten Jahren zu einer Art feministischen Triade, die mir bis heute zur Vermessung der politischen Landschaft dient.

  • Die Gleichstellung in Politik, Wirtschaft und Kultur ist ein erster Markstein für die Sache der Frau. Auf diesem wohl erfolgreichsten Gebiet des Feminismus gibt es auch in der Schweiz konkrete Resultate: die Gewährung des Stimmrechts (1971), die Reform des Eherechts (1988), des Arbeitsrechts (Gleichstellungsgesetz 1996) und des Kindesrechts (1998). Noch ist Lohngleichheit zwischen Mann und Frau aber nicht erreicht, Führungspositionen sind einseitig männlich besetzt, und eine gleichstellungsfreundliche Volksschule scheint unerreichbar fern.
  • Dazu kommt zweitens die sogenannte Identitätspolitik, auch kultureller Feminismus oder Politik der ersten Person genannt. Wir müssen weiterhin hartnäckig nachfragen, was genau es bedeutet, eine Frau zu sein, so wie das etwa im Kampf um die Fristenregelung des Schwangerschaftsabbruchs geschah. Nicht nur die Gleichheit, sondern auch die bestehende Differenz der Geschlechter ist eine wichtige und durchaus politische Frage. Egal ob diese Unterschiede nun gemacht, oder – sorry, Simone – angeboren sind. Unter welchen politischen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Rahmenbedingungen eine Gesellschaft sich fortpflanzt, sollte von mindestens
so grossem allgemeinem Interesse sein wie ihre Industrie-, Energie-, Verkehrs- oder Verteidigungspolitik.
  • Der dritte unverzichtbare Eckpunkt des Feminismus ist eine Systemkritik, die klar Stellung bezieht gegen die Diskriminierung nicht nur der Frauen, sondern jedweder Menschengruppen. Feministinnen haben die Machtmechanismen des Patriarchats blossgelegt. Mit vergleichbarem Wissen und Elan müsste alle Unterdrückung weltweit aufgedeckt werden. Denn wenn bloss einzelne Frauen sich emanzipieren und 
gesellschaftlich aufsteigen, ohne dass sich das System ändert, dann rücken einfach andere Menschen, meistens wieder 
Frauen, als Untertanen nach.

Das Private ist politisch, aber …

Die biografischen Details zur Geschichte des Feminismus können nun immer mehr WOZ-LeserInnen aus eigener Anschauung einfüllen, denn wir schreiten rasant Richtung Jahrtausendwende. Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere noch an die wilden Blüten, die der kulturelle Feminismus vorab in den achtziger Jahren getrieben hat. Im Bestreben, das Frausein endlich positiv zu besetzen, konstruierten gewisse Feministinnen abstruse Matriarchatstheorien und fanden mehr oder weniger esoterische Begründungen für die Überlegenheit des weiblichen Geschlechts: Grüner, friedlicher und sozialer sei das Wesen der Frau. Insbesondere die Mutterschaft, der grosse Unterschied, spaltete die neue Frauenbewegung. Die einen lehnten sie kategorisch als biologische Geissel ab. In den USA hofften manche Feministinnen gar, dass eine hoch entwickelte Fortpflanzungstechnologie die Frauen in Zukunft von dieser erniedrigenden Aufgabe erlösen könnte. Auf der anderen Seite stilisierten einige Feministinnen die Mutterschaft zur einzig wahren weiblichen Selbstbestimmung hoch. Überhaupt 
gab es in den feministischen Subkulturen dieser Zeit erstaunlich viel moralischen Druck: zum Lesbischsein, zur freien Liebe, zur Kinderlosigkeit … «Das Private ist politisch!» hiess der wichtigste Slogan der neuen Frauenbewegung. Dabei wurde vielleicht vergessen, dass es keinen direkten politischen 
Weg zum subjektiven Glück gibt. Auch der Feminismus kann bloss für menschen- beziehungsweise frauenwürdige 
Bedingungen kämpfen, damit möglichst viele Menschen ihr Glück frei wählen können. So jedenfalls sah ich es, die sich 
als mittlerweile mehrfache Mutter und zugleich linke Journalistin immer öfter zwischen harten Lifestylefronten befand.

Die nüchternen Gleichstellungsfeministinnen praktizierten eine andere Form von Engstirnigkeit. Sie hatten den 
Kopf in den Nacken gelegt und zählten: Wie viele Frauen gibt 
es in den Chefetagen? Dieser starre Blick nach oben ergab 
zum Teil merkwürdige Allianzen. Als die rechtsbürgerliche Elisabeth Kopp 1984 als erste Frau in den Bundesrat gewählt wurde, jubelten auch linke Frauen über diesen feministischen Sieg. 
Ich machte mich in der drei Jahre zuvor gegründeten WOZ ziemlich unbeliebt, als ich diese Begeisterung als «biologischen Taumel» bezeichnete. Politische Identität, schrieb ich damals, bilde sich nicht über das weibliche Chromosom. Doch bis heute gibt es Gleichstellungsfrauen, die kompetent und konsequent – wie ich selber in meiner Jugend – Männerbastionen erobern, ohne sich darum zu kümmern, wie ihre neue Macht legitimiert ist, wer unten nachrückt und wie genau bei dieser Gelegenheit Rollen und Reichtum im eigenen Land und auf der Welt neu verteilt werden.

Solch wichtige Zusammenhänge werden von jeher von 
der politischen Linken erhellt. Doch in diesen grossen 
geopolitischen Diskussionen verblassen die Frauen jeweils schnell zum Nebenwiderspruch. Schon in den siebziger Jahren hatten die Genossen den Genossinnen erklärt, dass zuerst 
die Revolution, der Systemwandel, herbeizuführen sei; dann, in der neuen paradiesischen Gesellschaft, werde die Frauenfrage automatisch gelöst. Wieso hätten wir daran glauben sollen? Wieso sollten wir es heute? Sicher nicht, weil linke Männer in Sachen egalitäres Geschlechterverhältnis mit gutem Beispiel vorangehen. Und doch bleibt gesamtgesellschaftliche Systemveränderung ein unabdingbarer Bestandteil eines jeden Feminismus, der diesen Namen verdient.

Eine andere Welt ist möglich. Viele Frauen meiner Generation haben das sehr eindrücklich am eigenen Leib erlebt. 
Meine Töchter (und Söhne) leben gleichgestellter, multikultureller – aber immer noch in einem ungerechten politischen System. Meine Hoffnung ist, dass wir lernen, die Feminismustriade im Zusammenspiel zu sehen. Was letztlich nichts anderes ist als eine feministisch bewusste Form der aufklärerischen Devise «Gleichheit, Freiheit, Solidarität».

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