AKW Beznau : «Das ist doch keine Basis für einen Dialog»

Nr. 11 -

Im Technischen Forum Kernenergie sollen AKW-Betreiber, die zuständige Behörde und KritikerInnen strittige Fragen klären. Heini Glauser, der sich mit der Gefahr eines Hochwassers beim AKW Beznau befasst hat, ist zutiefst enttäuscht von den bisherigen Ergebnissen.

Der Ingenieur Heini Glauser lebt in Windisch, nicht weit vom AKW Beznau entfernt. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima begann er, sich intensiv mit der Frage zu beschäftigen, ob die beiden Reaktoren des AKWs Beznau ein Extremhochwasser überstehen würden. Verschiedentlich traf sich Glauser mit Fachleuten des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), um das zu erörtern. Glauser hat seine Fragen auch im Rahmen des Technischen Forums Kernenergie vorgebracht. Das Ensi hat dieses Forum im September 2012 ins Leben gerufen, um eine organisierte Diskussion zwischen den AKW-KritikerInnen und AKW-Betreibern respektive dem Ensi zu ermöglichen. Das Forum tagt aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Mitte Dezember standen Glausers Fragen im Technischen Forum zur Debatte (siehe WOZ Nr. 50/2013 ). Am Freitag dieser Woche tagt nun das Technische Forum erneut. Dabei sollen unter anderem die vom Ensi schriftlich beantworteten Fragen der Dezemberdebatte verabschiedet werden. Diese Dokumente, die danach publiziert werden sollen, liegen der WOZ vor.

Es geht darin unter anderem um die zentrale Frage, wie viel Wasser ein Superhochwasser – wie es statistisch nur einmal in 10 000 Jahren stattfindet – mit sich bringt. Würde das AKW Beznau, das auf einer Insel steht, dabei überflutet? Könnte es den Wassermassen standhalten, oder käme es zu einer unkontrollierbaren Situation wie in Fukushima? Ein paar Rückfragen an Heini Glauser.

WOZ: Heini Glauser, sind Sie zufrieden mit den Ergebnissen des Technischen Forums?
Heini Glauser: Nein, überhaupt nicht. Es war eine Farce. Die Gespräche werden letztlich nur benutzt, um uns davon zu überzeugen, dass die Werke und das Ensi schon richtig gerechnet haben. Auf unsere kritischen Fragen ist man nicht ernsthaft eingegangen.

Das Ensi schreibt, selbst bei einem 10 000-Jahre-Hochwasser würde die Insel höchstens 85 Zentimeter überflutet. Das Werk sei aber so gebaut, dass es selbst eine Wasserhöhe von 1,65 Metern problemlos überstehen würde. Da scheint ja noch viel Reserve vorhanden zu sein.
Die Überflutungshöhe, mit der Ensi und AKW-Betreiber rechnen, variiert. Noch im Januar 2012 hiess es im Bericht, der den Medien präsentiert wurde, das Gelände würde maximal 37 Zentimeter überflutet. Wie sie jetzt auf die 85 Zentimeter kommen, ist für mich nicht plausibel nachvollziehbar – mir ist kein Bericht zugänglich, dem man entnehmen könnte, wie sie gerechnet haben. Letztlich geht es ja bei allem um theoretische Berechnungen. Bei den 37 Zentimetern sind sie davon ausgegangen, dass von fünf Wehröffnungen vier offen sind und reines Wasser die Aare hinunterfliesst.

Können Sie das erläutern?
Oberhalb der Beznau-Insel gibt es ein Wehr. Wenn es verstopft, kann das Wasser nicht mehr über das normale Flussbett abfliessen, sondern nur noch über den Oberwasserkanal des Wasserkraftwerks – die Wassermassen dürften deshalb über die Insel rollen. Bei einem Extremhochwasser muss man davon ausgehen, dass entwurzelte Bäume, Teile von Gebäuden oder Autos angeschwemmt werden. Da verstopft ein solches Wehr sehr schnell. Zudem kommt noch viel Geschiebe. Das alles ist einfach nicht plausibel gerechnet worden.

Wie tief würde nach Ihren Berechnungen das Werk im schlimmsten Fall unter Wasser stehen?
Ich mag keine Zahl angeben. Aber nach den historischen Daten, die ich zusammengetragen habe, wird allein die Aare bei Brugg viel mehr Wasser bringen, als das Ensi und die Betreiber sagen. Danach kommen noch Reuss und Limmat hinzu. Da, wo Beznau steht, fliesst ja das gesamte Wasser vorbei, das an der Alpennordseite westlich des Glarnerlands anfällt. In den Ensi-Dokumenten steht aber auch, dass die Regulierung der Seen, insbesondere des Bieler- und des Neuenburgersees, grosse Hochwasser verhindere, weil diese Seen als Puffer dienten.

Das stimmt bei «normalen» Hochwassern, die alle zwanzig bis hundert Jahre auftreten – nicht aber bei ganz grossen, wenn zwischen Glarus und dem Jura ein mehrwöchiges Tiefdruckgebiet mit starken Niederschlägen liegt. Die Seen sind dann binnen weniger Tage vollgelaufen, da lässt sich nichts mehr regulieren. Das ist ja genau das Problem: Die Regulierung vermittelt das Gefühl, es gebe keine schweren Hochwasser mehr. Wenn das System aber überläuft, kann plötzlich ein Vielfaches der Wassermassen kommen, die man sich heute vorstellt.

Was haben denn die AKW-Betreiber oder das Ensi im Technischen Forum dazu gesagt?
Es ging eine zweistündige Vortragsdampfwalze über uns nieder. Wobei sie nur versuchten, unsere Fragen und Fakten zu widerlegen. Aber darauf eingegangen sind sie kaum. Ihre Argumentation liegt jetzt schriftlich vor und soll auf die Ensi-Website gestellt werden. Wirklich neu ist nichts daran, das meiste stand schon in anderen Berichten. Eine offene Frage ist, ob sie bereit sind, eine detaillierte Replik unsererseits auf ihre Website zu stellen. An der Dezembersitzung war dafür zu wenig Zeit.

Wer war denn alles dabei?
Da sassen fünfzehn Personen vonseiten der AKW-Betreiber, inklusive mehrerer Vertreter von Firmen, die im Auftrag der Betreiber Studien gemacht haben; zudem zwölf Leute vom Ensi und drei Behördenvertreter, die ich als neutral einschätzen würde. Von der kritischen Seite waren wir gerade mal zu fünft.

Die präsentierten Gutachten zu Ihren Fragen wurden also alle im Auftrag der Betreiber verfasst?
Ja. Falls es unabhängige Gutachten gibt, können wir die nicht einsehen.

Wie geht es jetzt weiter?
Wir werden dem Dokument so, wie es vorliegt, sicher nicht zustimmen. Greenpeace hat noch beantragt, dass man die Sitzung vom Freitag auf Video aufzeichnet. Dieser Antrag wurde schon bei früheren Sitzungen gestellt. Das hat das Ensi aber abgelehnt. Das werden sie wohl auch diesmal wieder ablehnen.

Würden Sie sich nochmals am Technischen Forum beteiligen?
Es sollte ja eigentlich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, damit man offen miteinander diskutieren kann – was ich wirklich gut fände. Doch ist das überhaupt nicht passiert. Sie wollen einen einfach überzeugen, dass sie recht haben. Das ist doch keine Basis für einen Dialog. Es gibt zwar im Ensi einige Leute, die uns wirklich ernst nehmen. Aber von denen, die zum Hochwasser referierten, bin ich masslos enttäuscht. Trotzdem würde ich mich wieder beteiligen.

Warum?
Sicher hat es Alibifunktion. Aber wenn wir nicht mitmachen, würde das in der Öffentlichkeit als Gesprächsverweigerung wahrgenommen. Deshalb müssen kritische Personen mitmachen – bis sie vielleicht rausgeworfen werden.

Heini Glauser (61) sass früher im Stiftungsrat 
der Schweizerischen Energie-Stiftung und von Greenpeace. Seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima organisiert er regelmässig vor dem Ensi in Brugg eine Mahnwache. Am vergangenen Dienstag, dem dritten Jahrestag von Fukushima, fand die 600. Mahnwache statt, an der sich 
etwa hundert Personen beteiligten.