Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

«Ein Ende des Spuks ist nicht in Sicht»

Das AKW Beznau hat Risse, Flakes oder Löcher. Woher sie stammen, weiss man nicht. Die Sicherheitsmargen werden systematisch reduziert. Dies sei bei einem so alten Reaktor sehr gefährlich, warnt eine Nuklearexpertin.

Von Susan Boos

Es geht um ein Wort, das man für gewöhnlich ganz anders versteht: konservativ. Es stammt aus dem Lateinischen und bedeutet bewahrend, erhaltend.

Die IngenieurInnen benutzen es auch: Weil sie oft mit Annahmen operieren müssen, um eine Sicherheitsfrage zu klären, setzen sie ihre Vermutungen grosszügig an. So stellen sie sicher, dass sie mit ihren Berechnungen auf der sicheren Seite landen und keine Katastrophe riskieren.

Viel Konservativität bedeutet also viel Sicherheit. Das macht den Begriff aber auch zur gefährlichen Zauberwaffe: Man kann ihn so benutzen, dass das AKW Beznau noch lange am Netz bleibt. Egal wie alt und marode es ist.

Inzwischen weiss man, dass Beznau I ein ähnliches Problem hat wie die belgischen Reaktoren von Doel und Tihange (siehe WOZ Nr. 42/2015). Die Beznau-Betreiberin, das Energieunternehmen Axpo, versucht derzeit zu belegen, dass die «Anzeigen» oder «Unregelmässigkeiten» – wie die Risse oder die «Flakes» genannten harten Einschüsse im Stahl bezeichnet werden – völlig harmlos sind.

Es geht dabei um den Reaktordruckbehälter, das Herzstück des AKWs. In diesem Stahlbehälter, der aussieht wie ein schlanker, grosser Wasserboiler, läuft unter hohem Druck und hohen Temperaturen die Kernspaltung ab.

Bei diesem Prozess werden Neutronen freigesetzt, die den Stahl langsam spröde machen. Diese sogenannte Versprödung ist gefürchtet, weil sie dazu führen kann, dass bei einem Störfall, wenn plötzlich kaltes Wasser in den Behälter gepumpt werden muss, der Behälter wie eine zu heiss gekochte Wurst aufplatzt. Das wäre die Superkatastrophe, die sich niemand vorstellen will.

In einem auf der Website des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) publizierten Interview wurde dessen stellvertretender Direktor Georg Schwarz gefragt, wann Beznau I wieder Strom produzieren werde.

Schwarz: «Die erforderlichen Untersuchungen sind sehr umfangreich. Nach heutigem Planungsstand rechne ich damit, dass wir unsere Stellungnahme frühestens im ersten Quartal 2016 fertiggestellt haben.»

«Und was passiert, wenn die Axpo für Beznau I den Nachweis nicht erbringen kann?»

«Dann wird Beznau I nicht wieder in Betrieb genommen.»

Klingt klar und beruhigend eindeutig. Ist es aber nicht, denn am sogenannten Nachweis kann masslos geschraubt werden – dank der Zauberwaffe «Konservativität».

Butterweiche Stilllegungskriterien

Wie das geht, lässt sich genau nachzeichnen.

2008 hat das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) die Stilllegungsverordnung erlassen. Darin ist sozusagen gesetzlich festgeschrieben, wann ein AKW vom Netz genommen werden muss, weil es nicht mehr sicher ist. Auf diese Verordnung berufen sich die bürgerlichen PolitikerInnen, wenn sie sagen, es brauche keine Laufzeitbeschränkung für AKWs. Sie behaupten, bei der Sicherheit und der Stilllegung gehe es um rein technische Fragen. Dafür sei das Ensi verantwortlich, die Politik solle sich raushalten. Sie suggerieren, die Sicherheit sei eine klar definierbare Grösse. Wie butterweich und nutzlos der Begriff ist, lässt sich jetzt aber am Beispiel von Beznau detailliert belegen.

In der Verordnung sind einige sehr konkrete Werte aufgeführt, was grundsätzlich positiv ist. Da steht zum Beispiel, dass eine Anlage ausser Betrieb genommen werden muss, wenn die Sprödbruchtemperatur des Reaktordruckbehälters den «Wert von 93 Grad erreicht».

Während neuer Stahl bei tieferen Minustemperaturen bricht, könnte alter, stark bestrahlter Stahl dagegen brechen, wenn die Temperatur im Reaktordruckbehälter unter 90 Grad plus sinken würde. Dieser Temperaturpunkt wird Sprödbruchtemperatur genannt.

Das Problem ist, dass man nicht konkret messen kann, wie mürbe der Druckbehälter bereits ist. Man kann auch keine Löcher hineinbohren, um Proben zu nehmen, weil man ihn damit schwächen oder zerstören würde. Der Druckbehälter ist das Heiligtum jedes Reaktors, unantastbar und unaustauschbar.

Um trotzdem den Hauch einer Ahnung zu haben, in welchem Zustand er ist, hat man – als die Anlage in Betrieb ging – Stahlproben in den Reaktor gehängt. Regelmässig hat man eine dieser sogenannten Voreilproben herausgenommen und analysiert. Aufgrund dieser Analysen hat man dann errechnet, wann der Druckbehälter die kritischen 93 Grad erreichen wird.

Vor einigen Jahren beantragte die Axpo, Beznau nicht wie ursprünglich geplant nur vierzig Jahre, sondern noch zusätzliche zwanzig Jahre betreiben zu dürfen.

Das Ensi schrieb 2011 dann in einer Stellungnahme zum Gesuch: «Für den Block I ist der Versprödungsgrad des Grundmaterials von Schmiedring C bereits heute auf einem relativ hohen Niveau und bei zirka sechzig Jahren Betrieb wird der Grenzwert für die Referenztemperatur, der in der Verordnung des UVEK zur vorläufigen Ausserbetriebnahme festgelegt ist, voraussichtlich erreicht sein.» Für das Ensi war es damals noch völlig klar, dass Beznau sehr knapp an den eben noch erlaubten 92 Grad vorbeischrammen wird. Damals wusste das Ensi aber noch nichts von den Flakes.

Was man wissen muss: Der Druckbehälter besteht aus drei einzeln geschmiedeten und nachher zusammengeschweissten Ringen. Der oberste Ring, der erwähnte Ring C, macht von jeher Probleme. Er ist offensichtlich miserabel geschmiedet, wies stets die stärkste Versprödung auf – und die 700 Flakes wurden nun genau in diesem Ring lokalisiert. Man muss davon ausgehen, dass die Flakes diesen Ring zusätzlich markant schwächen.

Interessant wird es nun, wenn man auf der Ensi-Website die aktuellen Daten anschaut. Da gibt es übersichtliche Tabellen zu den Sprödbruchtemperaturen. Doch da, wo in früheren Papieren die magischen «92 Grad» standen, werden jetzt «74 Grad» angeführt. Man hat also auf mirakulöse Art den Sicherheitsspielraum um 18 Grad verbessert.

Wie ging das vonstatten? Indem die Axpo mit einer anderen, angeblich moderneren Methode neu gerechnet hat. Sie nahm dann die Ergebnisse, die ihr besser passten, weil sie eine grössere Sicherheit vorgaukeln. Das Ensi hat das akzeptiert.

Auf die Frage, wie sich das rechtfertigen lasse, antwortete Ensi-Pressesprecher Sebastian Hueber: Die neu angewandte Methode sei «genauer und entspricht dem Stand der Technik und des Regelwerks». Die ursprüngliche Methode sei älter und «ergibt aufgrund der hohen Zuschläge für die Streuung der Prüfdaten sehr konservative Werte».

«Genauer rechnen heisst mehr Risiko»

Simone Mohr, Ingenieurin und Nuklearexpertin vom Öko-Institut Darmstadt, kritisiert dieses Vorgehen heftig: «Es werden permanent vorherige Sicherheitsmargen reduziert. Ausreichende Konservativität bei der Berechnungsmethode ist kein Fehler, sondern sollte beibehalten werden – besonders beim ältesten Reaktor, der weltweit noch in Betrieb ist!»

Es sei wahr, dass man immer genauer rechnen könne. Doch das berge die Gefahr, dass man sich nur im Glauben befinde, genauer zu rechnen: «Macht man dann trotzdem Fehler oder hat in der Berechnung eine Fehleinschätzung drin, hat man keine ausreichende Sicherheitsreserve mehr zur Verfügung. Insofern bedeutet genauer rechnen, ein grösseres Risiko einzugehen.»

Simone Mohr hat für die WOZ die Unterlagen von Axpo und Ensi genau angeschaut und nachgezeichnet, wie die Sprödbruchtemperatur mit drei unterschiedlichen Berechnungsmethoden systematisch nach unten korrigiert wurde. Mohr nennt es die «Salamitaktik der Betreiber», mit der sie «ursprünglich vorhandene Sicherheitsmargen sukzessive reduzieren». Dabei gebe es weitere Unsicherheitsfaktoren, die das Risiko erhöhten, warnt Mohr. Zum einen ist der Druckbehälter ganz anderen Belastungen ausgesetzt als die Proben, die einfach im Reaktor hängen und nicht wirklich belastet wurden. Deshalb ist nicht garantiert, dass die Proben – auf denen alle Berechnungen basieren – überhaupt repräsentieren, was sie repräsentieren sollten.

Die «Unregelmässigkeiten», die jetzt aufgetaucht sind, liessen sich auch nicht einfach mit den Werken in Tihange und Doel vergleichen, sagt Mohr. Der Druckbehälter von Beznau stammt nämlich von einem anderen Hersteller, die Löcher, Risse oder Flakes könnten auch ganz andere Ursachen haben und eventuell gar nicht bei der Herstellung, sondern erst im Betrieb entstanden sein: «Das weiss man einfach noch nicht. Auch hat man keine Ahnung, wie der Behälter dadurch geschwächt wird.»

Deshalb hält Mohr es für absolut unzulässig, wenn jetzt Sicherheitsmargen verkleinert werden, nur um rechnerisch gut dazustehen: «Nach Fukushima wurde Wert darauf gelegt, dass ein Kernkraftwerk über viel Robustheit gegenüber Störfällen verfügt. In der Schweiz wird ohnehin regelmässig die Robustheit von Kernkraftwerken reduziert, indem die Anlagen länger laufen dürfen als ursprünglich einmal festgelegt.»

Und dann macht Mohr eine erschreckende Feststellung: «Jedes Mal, wenn in Beznau der Grenzwert für die Sprödbruchreferenztemperatur in Reichweite kommt, wird das Berechnungsverfahren in seiner Konservativität reduziert, und die Referenztemperatur sinkt.» Das bedeutet: Es wird also kein AKW aus Sicherheitsgründen abgeschaltet – weil sich Sicherheit nicht eindeutig definieren lässt, niemals. Sicherheit verkommt zur ökonomischen und juristischen Grösse. Die Betreiber forschen und rechnen, bis sie wieder unter dem Grenzwert sind. Und falls das Ensi doch entscheiden würde, jetzt reichts, jetzt akzeptieren wir das Schönrechnen nicht mehr, hat die Axpo bereits mit einer Schadenersatzklage in der Höhe von zwei Milliarden Franken gedroht.

Sperrzone endet mitten in Zürich

Jemand muss die Verantwortung für die Ausserbetriebnahme übernehmen. Das Ensi wird es nicht sein, weil es zwischen immer neuen Berechnungen und angedrohten Schadenersatzforderungen aufgerieben wird. Simone Mohrs lakonischer Kommentar dazu: «Ein Ende des Spuks ist nicht in Sicht, wenn ihm kein Ende gesetzt wird.»

Eines sollte man nicht vergessen: Um den geborstenen Reaktor von Tschernobyl musste eine Dreissig-Kilometer-Sperrzone eingerichtet werden. Birst der Druckbehälter von Beznau, müsste man mitten auf dem Escher-Wyss-Platz das Militär aufmarschieren lassen, damit es die Sperrzone Beznau sichert und dafür sorgt, dass niemand mehr Richtung Baden fährt. Will man dieses Risiko wirklich auf sich nehmen? Für diesen einen kleinen Reaktor?

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