Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Wie monströs wird der Wasserwurm?

Würde das AKW Beznau einem gigantischen Hochwasser standhalten? Die Betreiber sagen: Alles im Griff. Historische Daten sagen etwas anderes. Diesen Freitag, 13.12.13, wird offiziell darüber gestritten.

Von Susan Boos

Es schüttet und schüttet ohne Unterlass. Vom Walensee über Thun bis zum Jura hängen die Regenwolken fest. Es hört und hört nicht auf zu regnen, wochenlang. So dürfte es sein, wenn das stärkste Hochwasser, das einmal in 10 000 Jahren auftritt, die Schweiz flutet.

Das könnte theoretisch schon in den nächsten Monaten sein. Was passiert dann mit den Schweizer Atomkraftwerken, insbesondere mit den Reaktoren Beznau I und II? Es sind die weltweit ältesten Reaktoren, die kommerziell in Betrieb sind, und sie liegen auf einer Insel in der Aare, dreissig Kilometer nordwestlich von Zürich. Wenige Kilometer oberhalb des AKWs fliessen Aare, Reuss und Limmat zusammen. Kein Fluss der Schweiz führt so viel Wasser wie hier die Aare. Selbst der Rhein ist kleiner, bevor er sich mit der Aare vereint. Aare, Reuss und Limmat entwässern knapp die Hälfte des Schweizer Territoriums. Wenn das Hochwasser wirklich garstig kommt, steht Beznau mittendrin.

Kriterium fürs Abschalten

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima hat die Debatte, wie gut Schweizer AKWs gegen gigantische Fluten geschützt sind, neu entfacht. Im Mai 2011 sagte Hans Wanner, Direktor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), im Schweizer Fernsehen: «Ende Juni müssen die Werke den neuen Nachweis für den Hochwasserschutz liefern. Das ist ein Ausserbetriebnahmekriterium: Wenn sie den Nachweis nicht liefern können, müssen sie sofort abgeschaltet werden.» Das Energieunternehmen Axpo, das Beznau betreibt, reichte die Unterlagen ein. Und das Ensi bescheinigte einige Monate später, die Anlage könne ein 10 000-jährliches Hochwasser sicher überstehen, weil es mit relativ geringen Wassermassen rechnet.

Heini Glauser, Ingenieur in Windisch, kann das nicht glauben. Nach Fukushima beginnt er, alle verfügbaren Berichte der Axpo, des Ensi, aber auch von HochwasserspezialistInnen zu lesen. Er hat Berge von Material gesammelt und eine Liste kritischer Fragen zusammengestellt.

Die wichtigste ist: Wie kommen Betreiber und das Ensi darauf, dass ein 10 000-jährliches Hochwasser so wenig Wasser führt? Glausers Recherchen lassen ganz andere Wassermassen vermuten.

Glausers Fragen stehen nun diesen Freitag im Rahmen des Technischen Forums, das beim Ensi in Brugg stattfindet, zur Diskussion. Anwesend sind Fachleute des Ensi wie der Axpo sowie AKW-KritikerInnen, die offiziell Fragen eingereicht haben. Die Medien und die Öffentlichkeit sind nicht zugelassen. Man wolle, dass die beiden Seiten frei miteinander reden könnten und nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden müsse, sagt Sebastian Hueber, Pressesprecher des Ensi. Es wird ein Beschlussprotokoll geben, das aber erst Ende März 2014 publiziert wird. Das Ensi könne deshalb zu Glausers Fragen vorgängig nichts sagen, sagt Hueber.

Wie viel Wasser kommt wirklich?

Ein Superhochwasser wälzt sich wie ein monströser Wurm durchs Land und hinterlässt Verwüstung. Theoretisch lässt sich heute mit Computerprogrammen simulieren, was das Ungeheuer auf der Beznau-Insel anrichten würde. Doch wie viel Wasser führt das grösste aller vorstellbaren Hochwasser?

Das Ingenieurbüro, das von der Axpo beauftragt wurde, das Szenario zu berechnen, kam zum Schluss: Bei einem 10 000-jährlichen Hochwasser brächte die Aare bei Beznau 4250 Kubikmeter pro Sekunde, was etwa achtmal mehr ist als im jährlichen Durchschnitt. Die Aare brächte – bevor sie sich mit den anderen beiden Flüssen vereint – 2100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, die Reuss 1200 und die Limmat 950.

Die Insel würde damit zwar überflutet, das AKW sei aber für eine Fluthöhe von 1,65 Metern ausgelegt und sollte unbeschadet bleiben. Nach Rechnung des Ingenieurbüros käme es aber gar nicht so weit, da «beim 10 000-jährlichen Hochwasser im Bereich der KKB-Gebäude nur eine Fluthöhe von 0,37 Metern erreicht wird».

Zu diesen Daten kam das Ingenieurbüro, indem es historische Hochwasser auswertete. Das ist aber gar nicht so einfach, weil man erst seit gut hundert Jahren schweizweit systematisch den Wasserstand misst.

Da und dort existieren allerdings alte Hochwassermarken, die einst angebracht wurden, um die nachkommenden Generationen davor zu warnen, wie mächtig der Fluss werden kann.

Heini Glauser verweist auf eine solche Hochwassermarke bei der alten Steinbrücke in Brugg, die aus dem Jahr 1852 stammt. Er hat zudem die städtischen Archive ausgewertet und kann heute ziemlich genau rekonstruieren, dass damals weit über 2000 Kubikmeter pro Sekunde kamen – also mindestens so viel, wie die Aare an dieser Stelle im Szenario des Ingenieurbüros erst bei einem 10 000-jährlichen Hochwasser bringen würde.

Von einem noch schlimmeren Hochwasser im Jahr 1480 berichten die Quellen, dass die Brugger Vorstadt überflutet worden sei. Da müsse fast das Doppelte an Wasser geflossen sein, schätzt Glauser – also an die 4000 Kubikmeter pro Sekunde.

Heini Glauser ist überzeugt, dass sich das Ingenieurbüro völlig verschätzt hat und bei einem wirklich starken Hochwasser viel mehr Wasser über die Beznau-Insel fliesst. Das AKW dürfte tief im Wasser stehen, wenn die Worst-Case-Situation eintritt. Allerdings steht das Wasser dann nicht, sondern wird mit rasender Wucht Richtung Rhein streben.

Beschränktes Dämpfsystem

Der Klimahistoriker Oliver Wetter stützt Glausers Zweifel. Er hat die historischen Hochwasserstände von Basel ausgewertet. Beim Hochwasser von 1480 habe die Rekonstruktion ergeben, dass der Rhein damals über 6000 Kubikmeter pro Sekunde geführt hat. Ein Grossteil dieses Wassers ist schon damals von der Aare gekommen.

Für gewöhnlich extrapoliere man Daten um das Dreifache, um eine Prognose machen zu können. Mit den rekonstruierten 750 Jahren von Basel könnten die Hochrechnungen erheblich verbessert werden, sagt Wetter, auch wenn man immer noch weit von 10 000 Jahren entfernt sei.

Wetter hält es für einigermassen verwegen, für Beznau solch niedrige Angaben zu machen. «Aufgrund dessen, was man aus historischer Zeit weiss, muss davon ausgegangen werden, dass die Hochwassergefahr bislang massiv unterschätzt wird.» Das hat seine Gründe: Zwischen 1877 und 1993 traten keine grossen Hochwasser auf, das verzerrt die Wahrnehmung wie die Statistik.

Es ist auch nicht so, dass die Hochwasser der früheren Jahrhunderte eine Folge der massiven Abholzung waren. Zwar führt massive Entwaldung lokal zu schweren Überschwemmungen und Erosion, «in grossen Einzugsgebieten ist es aber schwierig, menschliche Einflüsse von natürlichen Faktoren zu unterscheiden. Aufgrund der Komplexität der natürlichen Prozesse, die zu einem Hochwasser führen, sind menschliche Eingriffe deshalb nicht nachweisbar», schreibt der Berner Klimahistoriker Christian Pfister.

Dann wäre da noch die Juragewässerkorrektion, ein grandioses Bauwerk, das das Seeland heute vor Hochwassern schützt. Früher floss die Aare nicht in den Bielersee, sondern suchte sich ihren Weg direkt nach Büren, was regelmässig zu Überschwemmungen führte.

Man baute Kanäle, zwang die Flüsse in die Seen und kann seither die Gewässer regulieren. Kündigt sich zum Beispiel starker Regen an, lässt man den Bieler- und den Neuenburgersee vorher gezielt ab, damit sie so leer wie möglich sind, bevor die Fluten kommen. Wenn es zwei, drei Tage heftig regnet, füllen sich die Seen, die Flüsse gehen aber nicht mehr über die Ufer. Hält der Regen aber zu lange an, können die Seen ihre dämpfende Wirkung nicht mehr entfalten. Das System explodiert förmlich und kann nicht mehr kontrolliert werden, die Wassermassen rauschen Richtung Rhein und bedrohen die Beznau-Insel.

Neue Szenarien erst 2016

Heini Glauser scheint recht zu bekommen. Am Dienstag gab das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bekannt, dass mehrere Bundesämter zusammen mit dem Ensi «harmonisierte und konsolidierte Szenarien für extreme Hochwasserereignisse ausarbeiten» wollten: «Auf dieser Grundlage werden die verschiedenen zuständigen Stellen – namentlich das ENSI, das Bundesamt für Energie, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und die Kantone – anschliessend die Gefährdung der Bauten und Anlagen entlang von Aare und Rhein beurteilen können. Dazu gehören insbesondere die Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen und Beznau I und II sowie rund fünfzehn Stauanlagen.» Die Szenarien liegen aber erst 2016 vor.

Daraus lässt sich nur schliessen: Die Behörden wissen nichts oder zu wenig über die Extremhochwasser, womit der Nachweis nicht erbracht ist und die Anlage eigentlich abgeschaltet werden müsste.

Nachtrag vom 19. Februar 2015

Breiter Support für Mahnwache

Nicht schlecht: 700 Personen haben eine Einsprache unterschrieben, um die Mahnwache vor dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) zu schützen. Die Einsprachen wurden diese Woche beim Bezirksgericht in Brugg eingereicht.

Die wunderliche Geschichte beginnt vor vier Jahren: Nachdem im japanischen AKW Fukushima drei Reaktoren durchgeschmolzen sind, beginnt eine Gruppe von Leuten in Brugg vor dem Hauptsitz der Atomaufsichtsbehörde Ensi eine Mahnwache. Jeden Abend von Montag bis Donnerstag stehen sie zwischen fünf und sechs Uhr auf dem Platz. Sie erinnern beharrlich an Fukushima, kritisieren aber auch, die hiesige Behörde sei viel zu eng mit den AKW-Betreibern verbandelt.

Am kommenden 11. März – dem vierten Jahrestag von Fukushima – wird die 800. Mahnwache stattfinden. Offensichtlich haben die Ensi-Leute nun genug von den Mahnwachenden. In der Öffentlichkeit hält sich die Behörde allerdings bedeckt und schiebt die Liegenschaftsbesitzerin vor. Das Gebäude gehört der Brugg Immobilien AG, die Teil der Firma Suhner ist, die mit der Herstellung von Kabeln gross wurde und heute weltweit tätig ist.

Die Liegenschaftenverwaltung versucht nun mit verschiedenen rechtlichen Mitteln, die Mahnwachen loszuwerden. Am 12. Januar brachte sie auf dem Platz ein Schild an, das jegliches Verweilen verbietet. Es wird mit Bussen von bis zu 2000 Franken gedroht.

Der Jurist der Mahnwachegruppe ist überzeugt, dass dies nicht rechtens ist. Deshalb haben auch die 700 Personen Einspruch erhoben. Solange das Verfahren läuft, können sich alle Einsprechenden an der Mahnwache beteiligen, ohne eine Busse zu riskieren. Heini Glauser, einer der Hauptinitianten der Mahnwache, sagt, dass dank der Medienpräsenz jetzt täglich bis zu acht Personen vor dem Ensi-Gebäude stehen würden. Bei einer Onlineumfrage der «Aargauer Zeitung» gaben übrigens 76 Prozent an, sie würden sich an der Mahnwache nicht stören.

Susan Boos

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