Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Lernen von Venezuela

Von Toni Keppeler

Venezuelas ehemaliger Präsident Hugo Chávez ist seit rund einem Jahr tot, und doch war er in den letzten Wochen in El Salvador so präsent wie nie. Die Wahl um die Präsidentschaft, die von der ehemaligen Guerilla der FMLN mit hauchdünnem Vorsprung (0,2 Prozentpunkte) gewonnen wurde, war geprägt vom charismatischen Linkspopulisten aus Venezuela – auch jetzt in den Tagen danach.

Die einst aus den Todesschwadronen hervorgegangene ultrarechte Oppositionspartei Arena hatte im Wahlkampf ihren Antikommunismus durch einen Antichavismus ersetzt und schürte Angst mit der Vorstellung, das Land werde im Fall eines linken Wahlsiegs genauso in Strassenschlachten und Warenknappheit versinken wie Venezuela in diesen Tagen. Die FMLN war, was ihre Präsenz in Medien und auf der Strasse anging, dank der Gewinne aus ihrem Firmenkonglomerat Alba zum ersten Mal der steinreichen Rechten ebenbürtig. Alba kauft Benzin aus Venezuela zu Vorzugsbedingungen ein und zu Marktpreisen weiter.

In der Wahlnacht selbst, als das vorläufige amtliche Endergebnis den ehemaligen Guerillakommandanten Salvador Sánchez Cerén als knappen Sieger auswies, wütete der unterlegene Arena-Kandidat Norman Quijano, die Wahlbehörde sei «an die chavistische Diktatur in Venezuela verkauft» worden. Der Sieg sei ihm «gestohlen» worden, «aber dies hier ist nicht Venezuela, dies ist El Salvador». Notfalls werde die Armee einschreiten. Das Liebäugeln mit einem Militärputsch schüchtert noch heute viele SalvadorianerInnen ein, obwohl die Armee längst nicht mehr willfähriges Instrument der Oligarchie ist. Für die nächsten Tage hat Quijano zu Demonstrationen aufgerufen. Man werde seinen «Wahlsieg» auf der Strasse verteidigen, «wenn es sein muss, mit dem eigenen Leben».

Das hat Quijano allerdings nicht von Chávez, sondern von dessen GegnerInnen gelernt: Wenn man eine Präsidentschaftswahl knapp verliert, wie in Venezuela im April vergangenen Jahres geschehen, sucht man das Heil in Strassenschlachten. Der Verlierer droht nun damit, wovor er im Wahlkampf noch gewarnt hat: mit Verhältnissen wie in Venezuela.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch