Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Heimweh nach der Krim

Bettina Dyttrich über die schönste Reise ihres Lebens

Von Bettina Dyttrich

Wir kamen aus dem Osten, aus Sibirien. Dort war alles riesig und verwirrend, das Zugfahren hypnotisch: den ganzen Tag Birken, manchmal ein Dorf, einmal am Tag eine Industriestadt, dann wieder Birken. Wer fünf Tage Zug fährt, spürt die Zeitverschiebung, spürt, dass die Erde ein Himmelskörper ist. Kein Wunder, hat Russland diese Obsession mit der Raumfahrt.

Ich weiss nicht mehr, wie wir auf die Idee kamen, auf dem Heimweg einen Monat auf der Krim zu bleiben. Der Kontrast war perfekt. Den wenigsten, die in diesen Tagen besorgt die News verfolgen, dürfte bewusst sein, wie klein diese Halbinsel ist: etwas mehr als halb so gross wie die Schweiz, davon mehr als drei Viertel dünn besiedelte Steppe. Die Städte, Badeorte und ein ganzes Gebirge drängen sich im Süden zusammen. Die südlichste Bergkette steigt auf über 1500 Meter und fällt dann fast senkrecht ins Meer ab. Darum ist es an der Südküste so warm wie am Mittelmeer. So verschachtelt und vielschichtig ist diese Landschaft, dass die Krim dann doch nicht so klein ist. Alle paar Kilometer eine andere Klimazone.

Und alle waren da: Skythinnen, Griechen, Römer, Venezianer und Genueser, Tatarinnen, Osmanen, Ukrainerinnen, Sowjetrussen. Alle hinterliessen Spuren. In der Kleinstadt Bachtschissaraj liegen ein tatarischer Khanspalast samt Minarett, ein russisch-orthodoxes Höhlenkloster und die Ruinen einer jüdischen Höhlenstadt nur einen Kilometer auseinander. Die Höhlenstädte gehören zum Faszinierendsten, was ich je gesehen habe. Die Berge sind voll davon. Dutzende, Hunderte von Räumen, an Felswänden und auf Berggipfeln in den Stein gehauen. Wir kletterten darin herum, testeten mit der Maultrommel das Echo, wanderten tagelang durch den Laubwald.

Die Krim holte mich aus meiner spätpubertären Erstarrung. Ich hörte auf zu grübeln und bestand nur noch aus Wahrnehmung. Streifte durch die Märkte, wo alte Frauen Hunderte von verschiedenen Heilkräutern verkauften. Die Gerüche: Dill, Tabak, Trauben, Fisch. Das leuchtende Herbstlicht und der stockdunkle Weg zur Unterkunft in Bachtschissaraj, strassenlampenlos. In Sewastopol wohnten wir am Meer, mitten in den Ruinen der griechischen Stadt Chersones, in einem Häuschen, feierten jeden Abend ein Gelage mit zwei einheimischen Studenten, mit hundert Dingen vom Markt, sowjetischer Rockmusik und Krimwein. Es war so schön, dass ich bleiben wollte.

Damals, 1999, war von ernsten Spannungen nichts zu spüren. Genervtes Geplänkel gab es, etwa um die Frage, ob man auf Russisch an Kiewer Behörden schreiben dürfe. Die TatarInnen bauten da und dort Moscheen, aber viel fleissiger und fanatischer wirkte die russisch-orthodoxe Kirche. Die Krim war immer ein Land mehrerer Kulturen. Ich zittere darum, dass sie es bleiben kann.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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