Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Der Blick vor die Kulisse

Spiel mit der Mehrdeutigkeit: Auf ihrem neuen Album «Masseduction» bedient sich die Sängerin, Gitarristin und Künstlerin St. Vincent des Adoleszenzpops, um ihn fortlaufend zu dekonstruieren.

Von Donat Kaufmann

Der dominant-entrückte Gestus als Markenzeichen: St. Vincent alias Annie Clark. Foto: Caroline

Was sie denn zu diesem Album inspiriert habe? «Uff …», St. Vincent verdreht genervt die Augen. Und trägt uninspiriert zusammen: «Politische Reden, Ragtime, John Philip Sousas Marschmusik, ‹Time Life’s Best, Volume 2›.» Und was denn für sie «Verführung» bedeute? Das geht schnell: «Verführung ist, wenn die Einladung besser ist als die Party.» Sie sagt das mit dem Würgegriff eines Blicks. Wem er gilt, wissen wir nicht. Das weiss man bei St. Vincent nie so genau. Es ist Teil des Konzepts. Genau wie die fiktiven Interviewsequenzen mit eingeblendeten Fragen, die die US-amerikanische Musikerin im Vorfeld der Veröffentlichung ihres neues Albums «Masseduction» auf Facebook verbreitete.

Als hätte sie potenzielle GesprächspartnerInnen vorbereiten wollen auf den tatsächlichen Pressetermin, der dann ebenfalls unter unüblichen Bedingungen stattfand: So wurden die Interviews nicht in einem Hotel geführt, sondern in einem pink fluoreszierenden Holzquader bei Schwarzlicht. Ob er nun St. Vincent gegenübersitze oder Annie Clark (wie sie mit bürgerlichem Namen heisst), wollte ein Journalist wissen. Auch das weiss man nie so genau. Das Spiel mit der Mehrdeutigkeit ist über fünf Alben hinweg zu ihrem wichtigsten Merkmal geronnen. Und Annie Clark hat sich zur spiegelnden Kunstfigur gewandelt, die dieses Spiel anleitet.

Intimität berührt Oberflächlichkeit

2007 veröffentlicht die Gitarristin und Sängerin Annie Clark ihr Debüt als Solokünstlerin St. Vincent. «Marry Me» ist ein Art-Rock-Album, so wuselig wie das gelockte Haar, unter dem sie auf dem Cover fragend hervorguckt. Zwei Jahre später folgt «Actor». Wiederum blickt sie vom Cover, diesmal aber ist der Kopf leicht abgedreht, sie schaut nun an der Kamera vorbei in die Ferne. Auch ihre Musik scheint ein in der Ferne liegendes Ziel ins Visier zu nehmen. Das Album klingt wie ein Zwischenschritt zu «Strange Mercy» (2011), auf dem sich Experimentierfreudigkeit und popmusikalischer Fokus die Waage halten. Die Binnenspannung drückt sich in virtuos gespielten, hart übersteuerten Gitarrenlinien aus, die – komprimiert und in kantige Arrangements eingepasst – als Boden dienen, über den Annie Clark erhaben hinwegsingt.

Oder eben vielmehr St. Vincent, die allmählich als Figur und Rolle erkennbar wird. Ob auf der Bühne, auf Pressefotos oder in Interviews: Die öffentlichen Auftritte stehen immer mehr im Zeichen des Kostümhaften: extravagante Kleidung, fordernde Gestik, doppeldeutige Aussagen. Mit dem Album «St. Vincent» (2014) ist sie einem eigenen Stil so nahe, wie es in Anbetracht der gegenwärtigen Dichte der Musik überhaupt möglich ist. Die Musik ist gerade so sperrig, wie es die Eingängigkeit erlaubt. Der dominant-entrückte Gestus wird zu ihrem Markenzeichen. Erneut blickt sie uns vom Cover entgegen, diesmal aber auf einem Thron sitzend, drapiert zur Hohepriesterin. 2015 gewinnt sie mit dem Album einen Grammy. Auch für ihr Privatleben wird das Jahr zum Wendepunkt. Annie Clark kommt mit dem Model Cara Delevingne zusammen, plötzlich wird sie selbst zur öffentlichen Figur. Als die Beziehung 2016 in die Brüche geht, berichtet die Klatschpresse.

Und was tun MusikerInnen, wenn Liebschaften zu Ende gehen? Sie schreiben darüber. So zumindest mutmasste der Boulevard: «Handelt St. Vincents neuer Song von Cara Delevingne?», titelte das Magazin «Glamour» im vergangenen Juli. Die Frage schlägt so wunderbar die Zeilen des neuen Albums an, sie hätte Teil der eingangs beschriebenen Promokampagne sein können.

«Masseduction» spielt dort, wo sich Öffentlichkeit und Intimität berühren und Oberflächlichkeit zum Schutzmodus wird. Inwiefern St. Vincent damit ihre Beziehung zu Delevingne reflektiert, ist letztlich egal. Sie ordnet Sprachbilder und Bildsprachen zu einem Gesamtkunstwerk an, das weit über das Biografische hinauszeigt.

Von der Gymnastik zur Plastik

«Pills to wake, pills to sleep, pills pills pills every day of the week», singt sie sehr beschwingt im Refrain zum aufgedrehten «Pills». Die Gitarre summt nervös und verdrängt für einen Moment den aufgeputschten Drumcomputer. «Masseduction» ist noch keine drei Minuten alt, da dreht sich die Musik bereits munter in der Selbstoptimierungsspirale. Allerlei Stimulanzien helfen, dabei auch immer freundlich zu lächeln. Als später das enthemmte «Sugarboy» losbricht, hat sich die Musik nicht entmedikalisiert – im Gegenteil. Die Synthetik hat sich weiter ausgebreitet, der Puls geht jetzt bedenklich hoch, «Sugarboy» ist das Herzrasen eines Songs. Nach vier Minuten versinkt er im Rausch.

«Masseduction» bedient sich streckenweise so schamlos des Adoleszenzpops, dass man die Stücke auch einer Katy Perry zuschreiben könnte – würde die Grossspurigkeit nicht fortlaufend dekonstruiert. Wann immer St. Vincent zur epischen Geste ausholt, verzieht sie dabei, bildlich gesprochen, das Gesicht zur Grimasse. So gerät «Los Ageless» eben nicht zur niedlichen Ode auf ihre Teilzeitheimat Los Angeles, sondern zum Abgesang auf die narzisstische Gesellschaft, die in Hollywoods Schatten zwanghaft gegen den Zerfall ankämpft (man ist schliesslich den Engeln nah). Im dazugehörigen Video bewegt sich St. Vincent durch eine Welt der fluoreszierenden Oberflächen, gleichgültig lässt sie dabei jugenderhaltende Sofortmassnahmen über sich ergehen – von der Kosmetik über die Gymnastik bis zur Plastik. (Er-)Haltung um jeden Preis. Die Beiläufigkeit, mit der sie sich durch die Strophen singt, macht die Persiflage perfekt.

St. Vincent lässt keine Chance aus, um doppelte und dreifache Böden in ihre modularen Bilder und Texte einzubauen. Auch ihre Aussprache nutzt sie dazu, weitere Bedeutungsebenen zu öffnen. In «New York» singt sie die Zeile «to be so low» so unentschlossen, dass sie sich bestens als «to be solo» verstehen lässt. «New York» war das Stück, aus dem das «Glamour»-Magazin seine Trennungsthese ableitete.

Und mit welchem Blick begegnet uns St. Vincent eigentlich diesmal auf dem Cover? Gar nicht. Eine Frau streckt uns den Hintern entgegen.

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