Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Zellteilung mit Hitler

Ruedi Widmer berichtet aus Landsberg

Von Ruedi Widmer

Im Gegensatz zur Schweiz, wo Steuerhinterzieher ins Bundeshaus kommen, kommen sie in Deutschland in eine Zelle.

Uli Hoeness wird in Landsberg am Lech eingelocht. Das ist besonders fies, denn Landsberg zählt laut Deutschem Wetterdienst zu den sonnigsten Städten Deutschlands.

Ein anderer einst in München aktiver Mann wurde ähnlich behandelt. Adolf Hitler nach seinem Putschversuch 1923. Er sass gut neun Monate in Landsberg ein. In der NS-Zeit wurde seine Zelle, in der er «Mein Kampf» niederschrieb, zum «Nationalen Heiligtum Hitlerzelle» erklärt, und die Hitlerjungen mussten hinpilgern und bekamen das Buch, damit es jemand las.

Nun kommt in Landsberg also die Hoenesszelle dazu. Der Popularität des einstigen Fussballstars wäre sogar ein «Bundesdeutsches Heiligtum Hoenesszelle» angemessen.

Denn die deutsche Geschichte ist von Zellen durchzogen: Luthers Zelle in Erfurt, die Hitlerzelle in Landsberg, die Revolutionären Zellen, die Stammheimer Zelle 719, in der sich RAF-Führer Andreas Baader umbrachte, nicht zu vergessen die Zwickauer Zelle, die in den Nullerjahren den Nationalsozialistischen Untergrund NSU bildete. Weiter produziert Deutschland Lithiumzellen und Solarzellen und ist führend in der Stammzellenforschung. Auch die Zitadelle Spandau in Berlin ist eine Zelle, in der jemand eingesperrt ist, nämlich der «Itad». Die Stadt Celle wird sogar falsch geschrieben. Zu guter Letzt die Musikrichtung Neue Deutsche Zelle.

Doch kehren wir ins Jahr 2014 zurück. Was wird Hoeness mit Hitler besprechen, wenn sie sich auf dem Hofrundgang treffen? «Ich känne Se aus dämm Färrnsehänn, sie hatten früherr llange Haarre», wird Hitler die Situation eloquent meistern. «Und Sie einen Schnauz, Herr Bundeskanzler», wird Uli sagen. Doch wenn wir uns ins Korsett der Jahreszahlen zwängen, dann wird Hitler Hoeness’ Witzchen gar nicht hören, weil er schon lange nicht mehr in Landsberg ist. Er lebte später in Berlin und verschied dort aus weltgeschichtlichen Gründen, sieben Jahre vor Hoeness’ Geburt.

So ist Hoeness also ganz allein in Landsberg. SPD-Chef Sigmar Gabriel versucht wenigstens noch, Hoeness’ Berater der Schweizer Bank Vontobel dazuzuverhaften, damit der Wurstfabrikant nicht nachts Angst bekommt vor Hitler, der vielleicht angegeistert kommt und in Ulis Strafraum eindringt. Hoeness hätte keine Chance, er war ja nie Verteidiger, sondern Stürmer.

In Landsberg sass übrigens nach den Nürnberger Prozessen auch «Stürmer»-Herausgeber Julius Streicher in Haft. Wenn der noch dort leben würde, könnten die beiden in ihren Stürmereien schwelgen.

Ja, und in Landsberg sind sicher auch all die deutschen Kriminellen der vergangenen Monate eingesperrt: Christian Wulff, Bettina Wulff, Graf Karl-Theodor zu Guttenberg, Alice Schwarzer. Dazu kommen bald Klaus Wowereit wegen seines Flughafens und Markus Lanz wegen seiner Moderationen. Uli wird dann gar nicht so viel Zeit haben, um seinen eigenen biografischen Landsberg-Beststeller «Mein Geld» zu verfassen.

Ruedi Widmer ist Karikaturist und lebt in Winterthur.

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