Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Die Geachteten

Die reichsten ukrainischen Oligarchen sind nicht auf der Liste der Personen, deren Vermögen in der Schweiz gesperrt wurde. Sie haben ihren Reichtum aber genau so ergaunert wie der Janukowitsch-Clan – und haben ihre Firmen hier domiziliert.

Von Susan Boos

Die Vermögensangaben und das Rating stammen aus der Wirtschaftszeitschrift «Forbes Ukraina».

Achmetow, Rinat (47)

Er ist der reichste Ukrainer. Sein Vater stammte aus der sowjetischen Republik Tatarstan und kam in die Ukraine, um in Donezk in den Minen zu arbeiten. Achmetows Mutter war als Verkäuferin tätig. Er selbst war in jungen Jahren Profiboxer, studierte in Donezk Wirtschaft und gehörte Mitte der neunziger Jahre zu den Mitgründern der Dongor-Bank. In jenen Jahren tobte in Donezk ein Verteilungskampf zwischen mafiösen Gruppierungen, Politikern und Geschäftsleuten. Achat Bragin war der Boss der Donezker Unterwelt. Achmetow soll eng mit ihm verbandelt gewesen sein. Nach Bragins Ermordung im Jahr 1995 begann Achmetows schwindelerregender Aufstieg. Er schaffte es, sich staatliche Werke anzueignen, und begann, sukzessive sein Imperium aufzubauen, das er heute über die Holding System Capital Management (SCM) kontrolliert. Zu dieser Holding gehört auch Metinvest, das grösste Stahlunternehmen der Ukraine, das Kohle- und Eisenerzminen besitzt.

Die SCM hat ihren Sitz in Genf, ebenso Achmetows zweite wichtige Firma, die Donbass Fuel-Energy Company (DTEK). Sie ist vor allem im Gasgeschäft tätig, besitzt aber auch Kohleminen und Kraftwerke. Daneben gehören Achmetow mehrere wichtige ukrainische Fernsehkanäle sowie «Segodnya», die grösste Tageszeitung.

Achmetow investiert auch ins grosse Geschäft der Zukunft – in die fruchtbaren Böden der Ukraine. Achmetow besitzt die Hälfte der Harveast Holding, die 200 000 Hektaren Land kontrolliert. Ausländische Unternehmen dürfen noch kein ukrainisches Land kaufen, deshalb hat Harveast die besten Chancen, ein mächtiger Agrokonzern zu werden, der für die Welt Getreide und Fleisch produziert.

Exstaatspräsident → Wiktor Janukowitsch hat Achmetow viel zu verdanken, hat dieser ihn doch schon in seinen Anfängen als Gouverneur von Donezk massiv finanziell unterstützt.

Vor einigen Jahren begann sich Janukowitsch allmählich von Achmetow zu emanzipieren, versuchte, seine eigenen Geschäfte voranzutreiben, und schloss sich der RUE Group an (→ Firtasch).

Achmetow und Janukowitsch blieben sich aber stets freundschaftlich verbunden. In den turbulenten Tagen um den 20. Februar dieses Jahres, als Sondereinheiten auf DemonstrantInnen schossen und die Situation auf dem Maidan eskalierte, rief Achmetow – so erzählte er später den Medien – Janukowitsch an und überzeugte ihn, sein Amt niederzulegen.

Die Genfer Staatsanwaltschaft liess im März dieses Jahres die Genfer Geschäftsräumlichkeiten von Achmetows DTEK durchsuchen, wegen mutmasslicher Geschäftsverbindungen mit der Mako Holding, die dem Sohn des Exstaatspräsidenten gehört (→ Janukowitsch, Oleksandr).

Vermögen: 15,4 Milliarden US-Dollar, Platz 1 auf der Liste der Reichen, Firmen in der Schweiz: Metinvest, DTEK (beide Genf)

Firtasch, Dmytro (48)

Mitte März wurde Dmytro Firtasch in Wien verhaftet. Die USA verlangen seine Auslieferung, weil er in einem Titangeschäft mit Indien Schmiergelder in der Höhe von 18,5 Millionen US-Dollar bezahlt haben soll. Firtasch hat eine Kaution von 125 Millionen Euro hinterlegt und ist vorläufig frei.

Die Verhaftung kann durchaus mit der gegenwärtigen politischen Situation in der Ukraine zu tun haben: Firtasch gilt als enger Verbündeter von → Wiktor Janukowitsch, sein Name steht allerdings nicht auf der Liste der Personen, deren Konten und Vermögen in der Schweiz, in der EU oder in den USA eingefroren wurden; und die USA haben nur die Konten von russischen Exponenten gesperrt, nicht die der gestürzten ukrainischen Politelite.

Firtaschs Geschäftskarriere begann in den neunziger Jahren, er exportierte Nahrungsmittel aus der Ukraine nach Turkmenistan und importierte im Gegenzug Gas. So wurde er zu einem der wichtigsten Gashändler zwischen Turkmenistan, der Ukraine und Russland. 2004 wurde seine Firma in die Rosukrenergo (RUE) umgewandelt, die ihren Sitz in Zug hat. Sie gehört zu 45 Prozent Firtasch und zu 50 Prozent der staatlichen russischen Gazprom.

Firtasch versuchte erfolglos, in die Politik einzusteigen, begann dann, Janukowitsch finanziell zu unterstützen, was diesem 2010 zum Wahlsieg verhalf. Danach wuchs Firtaschs Imperium rasant, er schaffte es, diverse Chemieunternehmen, die vorher in Staatsbesitz waren, zu übernehmen.

Firtasch wird vorgeworfen, enge Beziehungen zur Unterwelt, insbesondere zu Semjon Mogilewitsch, zu pflegen. Mogilewitsch stammt aus Kiew, lebt inzwischen in Israel und hat den Ruf, weltweit einer der einflussreichsten Mafiabosse zu sein. Sein Vermögen hat er mit Waffenhandel, Erpressung und Prostitution gemacht. Firtasch dürfte von Mogilewitschs Beziehungen profitiert haben, um seine undurchsichtige Holding aufzubauen.

Inzwischen bemüht sich Firtasch um ein sauberes Image und amtet unter anderem als Präsident des ukrainischen Arbeitgeberverbands.

Vermögen: 700 Millionen US-Dollar, Platz 14 auf der Liste der Reichsten, Firmen in der Schweiz: Rosukrenergo (Zug), Bothli-Trade AG (Fribourg)

Kolomoiski, Ihor (51)

Anfang März 2014 ernannte ihn der neue Staatspräsident der Ukraine zum Gouverneur von Dnipropetrowsk – aber eigentlich lebt der zweitreichste Ukrainer, der auch einen israelischen Pass besitzt, schon seit Jahren in Genf und führt von der Schweiz aus seine Geschäfte.

Sein Firmenkonglomerat heisst Privat Group und ist absolut undurchsichtig. Kolomoiski dürfte über tausend Firmen besitzen, doch ist es in vielen Fällen unmöglich nachzuweisen, dass sie ihm und seinem Geschäftspartner Hannadi Boholjubow wirklich gehören, weil sie auf Offshoreplätzen registriert sind.

Kolomoiski kam in Dnipropetrowsk zur Welt und begann 1990, mit Computersoftware zu handeln. Zwei Jahre später gründete er mit Hannadi Boholjubow die Privat Bank. Auch Kolomoiski sagt man nach, dass er sich mit der Unterwelt gut verstanden hat und in den neunziger Jahren Menschen erpresste und umbringen liess.

Inzwischen hat er sich die grössten und besten Gasfelder der Ukraine angeeignet. Ihm gehört auch die Mehrheit von Naftohas, die offiziell noch in Staatseigentum ist, ebenso kontrolliert er Ukrnafta (Ölförderung) und Ukratransnafta (Ölpipelines), die beide formell ebenfalls noch dem Staat gehören. Privat Group besitzt ausserdem in verschiedenen Ländern Minen und grosse metallurgische Werke.

Zudem stellt das Unternehmen den grössten Medienkonzern der Ukraine dar – mit einflussreichen TV-Stationen und einer Reihe von Zeitungen.

Soweit bekannt ist, hat Kolomoiski keine seiner Firmen in der Schweiz gemeldet, sondern lediglich seine Stiftung European Jewish Union (EJU), die ihren Sitz in Genf hat. Er hat sie vor drei Jahren zusammen mit Wadym Rabinowitsch gegründet, einem weiteren schillernden ukrainischen Oligarchen, der nach Israel ausgewandert ist, mit Waffen gehandelt haben soll und nun bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen im Mai kandidiert.

Die European Jewish Union, die eigentlich ein repräsentatives Parlament sein möchte, wird in jüdischen Kreisen kritisiert: weil unklar ist, wie die zahlreichen umstrittenen KandidatInnen auf die Liste kamen – Prominente wie der Schauspieler Sacha Baron Cohen (vom Film «Borat»), der Regisseur Roman Polanski oder der Fussballspieler David Beckham. Auch das Wahlverfahren via Internet wurde als unzuverlässig bemängelt.

Kolomoiski präsentiert sich gerne als Philanthrop und hat unter anderem zusammen mit seinen Geschäftspartnern in Dnipropetrowsk das weltweit grösste jüdische Gemeinschaftszentrum gebaut. Ausserdem gründete er Jewish News One, einen TV-Nachrichtensender, der weltweit präsent ist und al-Dschasira Konkurrenz machen möchte.

Vermögen: 2,4 Milliarden US-Dollar, Platz 3 auf der Liste der Reichsten, Präsenz in der Schweiz: Wohnsitz in Genf, Stiftung EJU – European Jewish Union (Genf)

Pintschuk, Wiktor (52)

Er hat es geschafft und ist bei den Schönen und Reichen angekommen. Regelmässig veranstaltet er am World Economic Forum in Davos den sogenannten Ukrainian Lunch und umgibt sich dabei mit möglichst viel Prominenz.

Pintschuk liebt Künstler, deren Werke exorbitant teuer sind – wie Damien Hirst. Berühmt wurde Hirst mit dem Tigerhai, den er in einem grossen Glaskasten in Formaldehyd einlegte. Pintschuk hat diesen Hai gekauft. Ein weiteres berühmtes Werk von Hirst ist der mit Diamanten besetzte menschliche Schädel (vgl. «Plutokraten gegen Emporkömmlinge»). Das Objekt wurde für hundert Millionen US-Dollar an eine anonyme Investorengruppe verkauft. Inzwischen ist bekannt, dass Pintschuk einer dieser Investoren ist. Bereits 2006 eröffnete er ein Privatmuseum für seine Kunstinvestitionen.

Pintschuk will nicht nur reich sein, er will vor allem zu den Guten gehören und hat eigens dazu die Victor Pintchuk Foundation gegründet, die auch Spitäler unterstützt. Vor einem Jahr versprach er, im Rahmen von The Giving Pledge, einem von Bill Gates und Warren Buffett gegründeten Klub der Superspender, die Hälfte seines Vermögens in philanthropische Projekte zu stecken.

Pintschuk hat in der Ukraine früher als andere begriffen, dass man Geschäft und Politik verknüpfen muss. Er wurde unter Leonid Kutschma gross, der zuerst Ministerpräsident und zwischen 1994 und 2004 Staatspräsident der Ukraine war. Pintschuk ist mit Kutschmas Tochter verheiratet.

1990 gründete er Interpipe, die Gas von Russland und Turkmenistan importierte. Heute macht er sein Geld in der Schwerindustrie – unter anderem mit der Produktion von Röhren für Gas- und Ölleitungen. Interpipe Europe SA ist in Lugano ansässig, ebenso die KLW Wheelco SA, die ebenfalls zu Pintschuks Interpipe gehört und führend ist in der Herstellung von Achsen und Rädern für Eisenbahnwagen.

Er besitzt zudem die Credit Dnepr Bank, fördert Öl und Gas und kontrolliert ein grosses Medienunternehmen mit Fernsehkanälen und Zeitungen.

Seine Firmen sind in der Eastone Group gebündelt, die – für ukrainische Verhältnisse – als transparent gilt.

Vermögen: 3,8 Milliarden US-Dollar, Platz 2 auf der Liste der Reichsten, Firmen in der Schweiz: Interpipe (Lugano)

Schewago, Konstantin (40)

Schewago kam in Magadan, ganz im Osten Sibiriens, zur Welt. Seine Eltern zogen in die Ukraine, als er noch klein war. Er studierte in Kiew Ökonomie und begann mit neunzehn, in einer Bank zu arbeiten. Drei Jahre später präsidierte er bereits den Verwaltungsrat der Bank und baute dann die Unternehmergruppe «Finanz und Kredit» auf.

Heute kontrolliert er die Mehrheit von Ferrexpo, einem der grössten Eisen- und Stahlunternehmen im Land. Ferrexpo ist an der Londoner Börse kotiert und hat seinen Sitz in Baar ZG.

Schewago wurde 1998 ins Parlament gewählt, gehörte diversen Parteien an, auch einmal → Janukowitschs Partei der Regionen. Später schloss er sich der Oppositionsführerin Julia Timoschenko an. 2012 wurde er als Unabhängiger erneut ins Parlament gewählt. Heute gehört er keiner Fraktion an.

Vermögen: 1,5 Milliarden US-Dollar, Platz 8 auf der Liste der Reichsten, Unternehmen in der Schweiz: Ferrexpo AG (Baar ZG)

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