Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Rein und raus in Graubünden

Der junge Bündner Autor Andri Perl bringt einen Söldner und einen Verbannten in einer Asylunterkunft zusammen. Das Theater Chur zeigt in reduzierten Bildern ein hochaktuelles Stück.

Von Julian Reich

Im Schlepperboot übers Meer: Irgendwann kippte die Migrationsrichtung.

Weil das karge Bergland nicht genug hergab, um alle seine Kinder zu ernähren, war Graubünden lange ein Land von AuswanderInnen. Schon vor 500 Jahren zwang die Armut junge Männer in den Solddienst fremder Mächte, später emigrierte man, um in Neapel, Moskau oder Kopenhagen Zuckerbäckereien zu eröffnen.

Irgendwann kippte die Migrationsrichtung, und plötzlich waren es italienische Bauarbeiter, die die Kunstbauten der Rhätischen Bahn errichteten, waren es deutsche Serviceleute, die die TouristInnen in den Bergrestaurants bedienten. Oder syrische Flüchtlinge, die in abgelegenen Transitzentren vor sich hin vegetieren müssen und auf eine definitive Aufnahme hoffen.

Graubünden, das Land der AuswanderInnen, ist heute berüchtigt für die schweizweit restriktivste Auslegung der Asylgesetzgebung. Ironie der Geschichte, könnte man sagen. Für diese Entwicklung massgeblich mitverantwortlich ist ein Mann namens Heinz Brand. Er leitete mehr als zwanzig Jahre lang das Amt für Polizeiwesen und Zivilrecht Graubünden. Heute ist er SVP-Nationalrat und so etwas wie das Gesicht der «Masseneinwanderungsinitiative». Vermutlich – nimmt man die Plakatdichte als Indikator – wird er bald in die Regierung seines Heimatkantons einziehen.

Auf Parlamentsseite sitzt ihm dann aller Voraussicht nach ein junger Mann mit Hornbrille und Dreitagebart gegenüber: Andri Perl, derzeit Grossratskandidat der SP, Student, Rapper, Romancier und neuerdings auch Dramatiker. Diese Woche ist sein erstes Stück «Notlösung» am Theater Chur zu sehen. Es handelt von der Migration.

Mechanismen der Migration

Andri Perl, 1984 in Chur geboren, könnte der Vertreter eines verloren geglaubten Künstlertypus sein: einer, dessen politisches Engagement nicht blosses Lippenbekenntnis bleibt, einer, der sich nicht vor dem politischen Klein-Klein scheut. Dabei geht alles Hand in Hand, die Musik mit der Hip-Hop-Combo Breitbild, mit der er die Bühnen des Open Airs Frauenfeld wie des Montreux Jazz Festivals bespielt; die Literatur, in der er sich in den zwei Romanen «Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel» und «Die Luke» unter anderem mit dem Thema Migration beschäftigt; und eben nun neu das Theater, auf dem er die Mechanismen der Aus- und Einwanderung früher und heute untersucht.

Mit der Regisseurin Selina Gasser hat Perl den Produktionspool «Pergament» gegründet, dessen Vorhaben es ist, alljährlich eine Inszenierung auf die Beine zu stellen. Für «Notlösung» haben sie sich mit dem Künstler Gianin Conrad und dem Komponisten Duri Collenberg zusammengetan.

Selina Gasser, ebenfalls in Graubünden aufgewachsen, debütierte 2011 mit dem Stück «Medea». Zuletzt arbeitete sie am Theater Biel Solothurn und am Zürcher Theater Neumarkt. Ihre Sporen verdiente sich Gasser beim Kulturfestival Origen in ihrer Heimat ab. Das Festival um den Intendanten Giovanni Netzer widmet sich meistens biblischen Themen und bringt diese in einer ästhetisch stark reduzierten Form auf die Bühne. Ein Stilmittel, dessen sich Gasser nunmehr auch in der Inszenierung von «Notlösung» bedient.

Simpel, aber wirkungsvoll

Die Bühne ist karg eingerichtet: Der erste Akt zeigt einen stilisierten Baum in ihrer Mitte, eine Gerichtslinde, den zweiten dominiert ein Boot, den dritten ein Kajütenbett. Perl entwirft zunächst das Bild einer Herrscherkaste, die sich allein dem eigenen Vorteil verpflichtet fühlt. Die Ratsvorsitzende (Suly Röthlisberger) tritt die Volksrechte und die Transparenz mit Füssen. Haupttraktandum der Ratstagung im ersten Akt ist die Wahl eines neuen Soldgängers. Dieser soll in fremden Diensten kämpfen, um so seinen Landsleuten ein Auskommen zu garantieren. Battaglia heisst der dienstfertige Kämpe (Manuel Kühne).

Doch ein Ratsmitglied (Nikolaus Schmid) hat Einwände: Er wehrt sich gegen das Schnellverfahren, in dem der Neue in den Kampf und womöglich in den Tod geschickt werden soll. Als einziger stellt er sich der Ratsvorsitzenden in ihrer Allmacht entgegen, weshalb er unweigerlich bestraft werden muss. Und zwar durch Verbannung.

So hat Perl recht elegant zwei gegensätzliche Gründe für das Verlassen der Heimat gefunden: die ökonomischen Aussichten, die den Soldaten in die Fremde ziehen, und die Verstossung durch die Gemeinschaft, die den aufrechten Dissidenten forttreibt. Die Schicksale der beiden bleiben verknüpft, lässt Perl sie doch vom gleichen Schlepperboot über den Ozean transportieren. Und auch im dritten Akt trifft man sich wieder, diesmal teilen sich die beiden das Kajütenbett in einer Asylunterkunft.

Dabei beginnen die Figuren zu schillern: Weder ist der Soldat eine tumbe Tötungsmaschine noch der Idealist gänzlich frei von Schuld. Perl zeigt seine Migranten letztlich als Opfer, während es die in drei Frauenfiguren personalisierte Macht ist, die er für das Elend verantwortlich macht: die Ratsvorsitzende, die opportunistische Kapitänin, die diabolische Betreuerin im Wolljäckchen. Das ist zwar ein wenig simpel, verfehlt aber seine Wirkung nicht.

Am Freitag sind übrigens alle Mitglieder der Exekutiven und der Parlamente der Stadt Chur und des Kantons Graubünden zum Besuch des Stücks eingeladen – und zum Blick in den Spiegel.

Theater Chur: «Notlösung». Freitag, 4. April 2014, 20 Uhr, Samstag, 5. April 2014, 20 Uhr (Podium 
mit Kaspar Surber, «An Europas Grenze», 18 Uhr), Sonntag, 6. April 2014, 17 Uhr (Podium mit Jost 
Auf der Maur, «Söldner für Europa», 15 Uhr). 
www.theaterchur.ch

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