Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Freunde verlasst mich nicht ich brauche euch

Trotz des Schreckens weitersingen: Das Werk von Urs Widmer zeichnete eine subversive Heiterkeit aus. Der Theaterregisseur Peter Schweiger erinnert sich an den verstorbenen Schriftsteller und Freund.

Von Peter Schweiger

Als ich einen Tag vor der geplanten Autorenlesung im Theater Rigiblick die Nachricht von Urs Widmers Tod erhielt, brach ich in Tränen aus. Natürlich hatte ich, hatten wir alle längst gewusst, dass ihn seine schon über ein Jahr dauernde Krankheit immer mehr schwächte – aber die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er an diesem Abend doch noch unter uns sein könnte, seinen eigenen Texten lauschen würde und glücklich mit unserer Interpretation wäre. Es kam anders: Ich hatte an diesem Tag einen Freund verloren, der als Schriftsteller auch unser Zeitgenosse war, vorbildlich in Haltung und Äusserungen.

Urs lernte ich 1977 anlässlich meiner Inszenierung von «Nepal» kennen, der Schweizer Erstaufführung im Theater am Neumarkt. Im selben Jahr hatte er den «Hörspielpreis der Kriegsblinden» bekommen, und es erschien sein bereits siebtes Buch, «Schweizer Geschichten». Den Prosaautor hatte ich schon gründlich kennengelernt und seine Art der fantastisch grundierten Realitätsschilderung mit meiner Weltsicht sehr verwandt gefunden. Darüber hinaus hat er auch mein Bild der Schweiz mitgeprägt. So heisst es in der kurzen Erzählung «Mein Staat, eine Utopie» (in «Das Normale und die Sehnsucht», 1972) gleich zu Beginn: «Ich höre meine Untertanen singen. Immer um 4 Uhr müssen sie ein Brombeerjoghurt essen, ich weiss, was gesund ist für sie. Rings um meinen Staat ist das Mus. Wer sich bis zu uns hineingebissen hat, wird von meinen Grenzwächtern gezwungen, sich zurückzubeissen. Da kennen wir nichts, ich und meine Untertanen. (…) Wer sich für ein vereinigtes Europa einsetzt, muss sofort durch unser Mus in die Aussenwelt. Da sind die Grenzen meiner Toleranz erreicht.»

Normal gewordene Panik

Ja, die Schweiz als Schlaraffenland und mit gütigen Diktatoren, gütig jedenfalls in sehr genau umrissenen Grenzen – wer könnte dieser poetischen Genauigkeit widersprechen? Je besser ich sein Werk kannte, desto mehr bewunderte ich seine variationsreichen Methoden der subversiven Heiterkeit. Und je näher ich ihm auch in persönlicher Hinsicht kam, desto mehr schenkte ich meine Aufmerksamkeit dem Hinterherfragen seiner scheinbar so leichthändigen Erzählstrategien. Besonders interessierte mich als Theatermensch natürlich die rasche Folge seiner neuen Stücke, die Aufführungen in vielen deutschsprachigen Spielstätten erlebten. Und auf diesen Brettern, die die Welt bedeuten, haben wir auch unsere berufliche, handwerkliche wie auch freundschaftliche Basis erweitern und ausbauend auf die Probe stellen können.

In mancher Hinsicht als beispielhaft mag das Stück «Alles klar» in Erinnerung gerufen werden, das wir zu Silvester 1987 im Theater am Neumarkt herausbrachten. Urs Widmer beschreibt die Entwicklung dieses Stoffs aus seinen Beobachtungen heraus, dass alle gleichzeitig reden zu müssen glauben und niemand mehr dem anderen zuzuhören gewillt ist: «jenes unbeirrbare Immerdrauskommen, das unsere kollektive Angst, wir könnten am Ende gar nicht die Macher, sondern die Opfer sein, so wirkungsvoll verdeckt». Weiter ist im Programmheft der Uraufführung zu lesen: «Ich liess mich schreibend treiben und kümmerte mich kaum um irgendwelche Inhalte; liess mich von ihnen überfallen, weil ich an der Form interessiert war; wachte am Ende auf und sah, dass ich nicht nur ein Stück über das Missverstehen geschrieben hatte, sondern auch eines über unsern Umgang mit der Gewalt; den Verlust eines für uns alle gleich geltenden Rechts; die normal gewordene Panik. Ein Stück über das Aus-den-Fugen-Gehen von allem eigentlich.»

Was sich wie ein früher Hinweis auf die geistigen und gewalttätigen Attentate der Wächter der fundamentalen Wahrheiten lesen lässt, hatte einen realen Hintergrund: die Morde eines hohen Beamten im Zürcher Hochbauamt an seinen Vorgesetzten und Kollegen zu jener Zeit. Als die Präsidialabteilung von diesem Projekt erfuhr, erwog der Stadtpräsident, es verbieten zu lassen. Das besonnene Gutachten des Literaturverantwortlichen im Stadthaus verhinderte glücklicherweise die Blamage der Behörde. Aber die Aufführung spaltete dann doch auch Publikum wie Kritiker. Lag es an der Qualität der Darbietung oder an der Unbequemlichkeit des Stoffs? Auf jeden Fall zwangen die Intention und der damit verbundene Stil des Autors zur Auseinandersetzung darüber, ob mit dem Entsetzen Scherz getrieben werden darf.

Der Kern seiner Dichtung

An der zu Beginn erwähnten Lesung, die nun ein uns alle bestürzendes Requiem für den Autor geworden war, las ich stellvertretend für ihn die Erzählung «Orpheus, zweiter Abstieg», sie war 1997 erschienen. Urs hatte darin in der Gestalt des griechischen Sängers eine Erfahrung beschrieben, die die Zielgerichtetheit seines Schreibens überaus verständlich macht. Als nämlich Orpheus nach seinem Gang in die Unterwelt, in der er alle Schrecken aller Welten, und damit vor allem jene der unseren, gesehen hatte, wieder an die Oberfläche gestiegen war, gelang es ihm nicht mehr zu singen. «Wie das Niegehörte singen? Ihm blieb das Grunzen, das Stöhnen, das Schreien: dem niemand gern zuhörte, er selber ja nicht. Wer mag einen Sänger, der vor sich hin heult.»

Urs Widmer hat ebenfalls in dieses Grauen, das unser Dasein begleitet, geschaut. Er aber wollte weitersingen, ohne zu verleugnen, dass dieser Abgrund existiert. Das war der Kern seiner Dichtung. Und wir sind, ich bin sehr traurig, dass dieses Singen verstummt ist.

Der Titel ist ein Zitat aus dem Hörspiel 
«An die Freunde» (1986).

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