Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Liebe Hafenkrangegner!

Von Ruedi Widmer

Am Neubau Stellwerk am HB Winterthur hängt ein Kunst-am-Bau-Werk, das in seiner Unauffälligkeit die Antithese zum Zürcher Hafenkran ist. An einer Stelle der Fassade stehen ein paar der Aluminiumplatten leicht unterschiedlich schräg nach vorne. Das Werk stammt von der Künstlerin Blanca Blarer, und ich gebe zu, keine Kunst hat mich je so herausgefordert und hin- und hergerissen zwischen überbordender Zustimmung und trotziger Ablehnung wie diese Minimal Art.

Erstens hat das Werk in Winterthur keine Wellen geworfen, weil niemand davon Notiz nimmt. (Wenn das Volk um diese Kunst wüsste!) Zweitens habe ich erst gedacht, die Fassade sei an der Stelle nur nicht fertig montiert, weil noch Installationen dahinter gemacht werden müssten. Ich erkannte die Kunst nicht.

Das Gegenteil ist dieser Hafenkran. Seit gefühlt einer Dekade wird darüber gestritten, und es dürften in Zürich bereits gegen 20 000 Personenstunden Kunstdiskussion geleistet worden sein. Jede Stunde stärkte das Projekt; am meisten die Petition dagegen.

Ich kann die Krangegner wegen meines Blanca-Blarer-Komplexes aber auch verstehen. Ein Kran, von IngenieurInnen ganz im Dienste der Lastenhebung konstruiert, ist kein Kunstwerk, sondern eine Maschine, so wie Aluminiumplatten einfach Fassadenelemente sind. Im Gegensatz zu manchem Geranien-SVPler finde ich glücklicherweise Hafenkräne ganz tolle Gerätschaften, ungeachtet der Erklärung zum Kunstwerk. Die Kunst entsteht halt erst durch die Platzierung des Objekts am vordergründig unpassenden Ort und durch die alberne Geschichte mit der archäologischen Freilegung. Der Hafenkran ruft mir auch ein bisschen zu fest: Achtung, Kunst! Doch vergesst das einfach, wenn es für euch keine Kunst ist.

Geht mit Kindern hin. Die finden ihn ohnehin imposant. Dann blinzelt in die Sonne, holt tief Atem, stellt euch vor, ihr seid am Meer, und plötzlich stösst das Schiffshorn einen tiefen Seufzer aus. Das tut uns SchweizerInnen jetzt gut, noch viel besser als vor einigen Jahren vermutet, als die Idee ausgeheckt wurde.

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