Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Wenn die Zentralbank alle Übel heilen soll

In diesen Tagen wird eine eidgenössische Initiative für eine sogenannte Vollgeldreform lanciert. Was taugt die Initiative? Die WOZ hat Joseph Huber, den Vordenker der Vollgeldidee, bei ihm zu Hause in Berlin besucht.

Von Yves Wegelin, Berlin

«Ein Staat, der keine Geldhoheit hat, ist kein souveräner Staat»: Joseph Huber hält die Banken, die Geld aus dem Nichts schaffen, für ungeheuer gefährlich. Foto: Marc Dietenmeier

Joseph Huber ist der Guru der VollgeldreformerInnen. Die VollgeldreformerInnen, das ist eine Gruppierung, die in diesen Tagen eine Initiative lanciert, die nichts weniger als eine Revolution des Schweizer Banken- und Geldsystems verspricht. Ihre AnhängerInnen sind seit Monaten an vielen politischen Veranstaltungen präsent, um in der Fragerunde zu einem minutenlangen Plädoyer anzusetzen. Ihre Botschaft: Das Geldsystem ist der Ursprung aller sozialen Übel, mit dem Vollgeld würden sie sich in Luft auflösen.

Wer den 65-jährigen emeritierten Professor in seiner Jugendstilwohnung im gutbürgerlichen Berlin-Charlottenburg besucht, findet jedoch keinen Guru, sondern einen Mann, dessen Ideen sich in denselben Grautönen bewegen wie sein bohemehafter Anzug, in dem er die WOZ empfängt. Huber, der in den siebziger Jahren an der HSG St. Gallen studierte und ab 1992 in Halle einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Umweltsoziologie innehatte, war lange ein Aussenseiter. Seit der Finanzkrise 2008 wird er jedoch von Bankern zu Referaten eingeladen, und auch die grossen Zeitungen wie die FAZ haben ihn entdeckt.

Hubers Kernbotschaft ist simpel: Obwohl alle Welt glaubt, dass nur der Staat, konkret die Zentralbank, Geld drucken könne, sind es in Wahrheit die kommerziellen Banken wie etwa eine UBS, die Geld aus dem Nichts schaffen und damit Milliarden verdienen. Das, so ist Huber überzeugt, sei verfassungsrechtlich falsch. «Ein Staat, der keine Geldhoheit hat, ist kein souveräner Staat.» Die Geldschöpfung sei vor allem aber ungeheuer gefährlich, wie die jüngste von ihr erzeugte Finanzkrise gezeigt habe, die unzählige Banken an den Rand des Kollapses brachte, riesige Löcher in die Staatskassen riss und Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit trieb.

Tatsächlich liegt die Arbeitslosigkeit innerhalb der EU nach wie vor bei über zehn Prozent – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Machtlose Zentralbank

Hubers Feststellung, dass Banken Geld aus dem Nichts schöpfen, ist unter Fachleuten unbestritten. Vergibt eine Bank A einem Unternehmer einen Kredit von 500 Franken, braucht sie dafür keine Geldeinlage eines anderen Kunden. Sie schreibt die 500 Franken einfach dessen Konto gut. Erst in dem Moment, in dem der Unternehmer etwa einem Zulieferer 200 Franken auf dessen Konto bei einer Bank B überweist, braucht Bank A Liquidität, um die Schuld gegenüber Bank B zu begleichen, die durch die Zahlung entstanden ist. Diese Liquidität leiht sich die Bank von der Zentralbank oder von einem anderen Institut.

Genau hier, so die gängige Lehre, kann die Zentralbank eingreifen: Indem sie den Banken mehr oder weniger Liquidität bereitstellt, kann sie beeinflussen, wie viel Geld diese schöpfen.

Huber ist jedoch überzeugt, dass die Zentralbanken in Wahrheit nicht in der Lage sind, die Geldvergabe der Banken zu steuern. «Denn die Initiative», sagt Huber, «liegt bei den Banken.» Sie würden das Geld im Voraus schöpfen und erst im Nachhinein die Zentralbank um Liquidität bitten. Die Zentralbank könne nicht anders, als diese zu liefern, wenn sie verhindern wolle, dass die Banken in Schwierigkeiten gerieten. Huber weist zudem auf die unbestrittene Tatsache hin, dass die Banken ein x-Faches des Geldes schöpften, das sie von der Zentralbank bräuchten, da die Zahlungen ja nicht alle auf einmal fällig würden.

An dieser Stelle setzt Huber seine Grundsatzkritik am bestehenden Geldsystem an. Das System, so Huber, führe zu einer ausufernden Geldschöpfung. Seit Jahrzehnten wachse die Geldmenge weit stärker als die Wirtschaftsleistung – was mit Statistiken tatsächlich zu belegen ist. «Die Banken erzeugen viel mehr Geld, als die Realwirtschaft benötigt!»

Das Ergebnis sei unter anderem, dass sich die europäischen Staaten seit Jahrzehnten immer weiter verschuldeten. «Der Staat ist für die Banken der denkbar beste Schuldner», präzisiert Huber, «denn er hat das Monopol, Steuern einzutreiben, um seine Schulden zurückzuzahlen.» In der Nachkriegszeit seien zudem viele Kredite an Firmen geflossen. Das habe in den siebziger Jahren zu hoher Inflation geführt. Das Argument: An einem bestimmten Punkt hören Kredite auf, die Wirtschaftsleistung zu steigern, und treiben stattdessen das Preisniveau in die Höhe. Die Löhne der Angestellten steigen – mit ihnen aber auch die Preise der Güter, die die Angestellten damit kaufen.

Seit Anfang der achtziger Jahre, stellt Huber fest, fliesse das Geld zunehmend in Immobilien und Wertpapiere, was deren Preise an der Börse in die Höhe treibe. Dies habe statt zu einer Inflation der Konsumgüterpreise zu einer Inflation der Anlagepreise geführt. Tatsächlich: Hypotheken, die sich die Leute niemals leisten konnten, haben die Preise für Immobilien zum Klettern gebracht; Preise für Aktien, Schuldpapiere oder Derivate stiegen in Höhen, die nichts mit den Einnahmen zu tun hatten, die künftig mit ihnen erzielt werden konnten. Kurz: Es kam zu Blasen.

«Das geht ein Weile gut», sagt Huber, «doch irgendwann platzen die Blasen.» So wie 2008. Als viele Leute ihre Hypothek nicht mehr tragen konnten, erlitten die Banken Verluste. Also eilten ihnen die Staaten zu Hilfe, etwa indem sie ihnen die Ramschpapiere abnahmen. Sie luden sich also die Schulden, die sich Private aufgeladen hatten, auf die eigenen Schultern, um die Banken vor dem Kollaps zu bewahren.

Ade, Schuldenkapitalismus?

Hier kommt Hubers Vollgeld ins Spiel. Dabei beruft er sich auf eine Idee, die der ultraliberale Ökonom Henry Simons von der Universität Chicago nach dem Börsencrash 1929 ausgearbeitet hatte. Kurz zuvor war der Goldstandard zusammengebrochen, der die Menge des Geldes durch seine Anbindung an das Gold beschränkt hatte. Nun war Simons auf der Suche nach einem neuen System, um die Geldschöpfung zu beschränken. In einem Vollgeldsystem wäre es nur dem Staat, konkret der Zentralbank, erlaubt, Geld zu schöpfen. Die Banken dürften ihrerseits nur noch so viel Geld verleihen, wie sie Zentralbankgeld besitzen.

Die Zentralbank würde die Geldmenge jedes Jahr im selben Ausmass erhöhen, wie die Wirtschaftsleistung (BIP) steigt. Die Zeit des Schuldenkapitalismus, so ist Huber überzeugt, wäre vorbei.

Die Vollgeldtheorie hat jedoch einen blinden Fleck. Er entsteht durch die Behauptung, der Zentralbank sei es nicht möglich, die Geldschöpfung der Banken einzudämmen. Doch was würde geschehen, wenn die Zentralbank den Zins auf – sagen wir – dreissig Prozent anheben würde? «Das ist ein sehr hypothetischer Gedanke», sagt Huber nach leichtem Zögern. «In diesem Fall müsste der Zins, den die Banken für Kredite verlangen, aber schon deutlich steigen.» Doch die Zentralbank, fügt Huber an, würde so etwas nie tun.

Stellt sich also nicht eher die Frage, warum sie es nicht tut? Der zentrale Grund ist: Solange die Inflation tief bleibt, wie dies seit den achtziger Jahren der Fall ist, lassen die Zentralbanken ihrem Auftrag entsprechend die Zinsen tief. Die Inflation ist ihrerseits tief, weil, wie Huber feststellt, das Geld immer weniger in die Realwirtschaft fliesst – stattdessen in Immobilien und Wertpapiere. Fragt sich letztlich also: Warum ist das so? Eine wachsende Zahl von ÖkonomInnen sieht die Ursache dafür in der Ungleichheit der Einkommen und Vermögen, die seit den achtziger Jahren zunimmt. Diese ist in erster Linie das Resultat der Liberalisierung des Kapitalverkehrs, der die Staaten zwingt, die Steuern tief und die Arbeitsmärkte flexibel zu halten, wenn sie nicht wollen, dass das Kapital ins Ausland flieht.

Ihr Argument: Die Ungleichheit führt dazu, dass die wirtschaftliche Nachfrage zurückgeht. Denn Reiche wollen einen Grossteil ihres Vermögens anlegen. Gleichzeitig kann sich die breite Bevölkerung immer weniger leisten. Wenn Firmen ihrerseits damit rechnen, dass sie weniger absetzen, nehmen sie auch weniger Bankkredite in die Hand, um Investitionen zu tätigen. Die Inflation bleibt tief, genau so wie das wirtschaftliche Wachstum.

Die eigentliche Ursache für die seit Jahrzehnten steigenden Staatsschulden liegt darin, dass die Staaten etwa durch die Bezahlung von Sozialleistungen versucht haben, die Ungleichheit zu bekämpfen, um die Wirtschaft am Brummen zu halten. Zudem versuchten sie, die Nachfrage anzukurbeln, indem sie durch die Deregulierung der Finanzindustrie den Leuten zu Konsum- und Hypothekarkrediten verhalfen. Damit wurde die Wirtschaft etwas auf Trab gehalten. Dennoch floss ein Grossteil der Kredite statt in die Realwirtschaft vermehrt in Wertpapiere, was zu zusätzlichen Blasen führte.

Entscheidend ist, dass die Zentralbanken den Preisanstieg von Anlagen nicht als Inflation betrachten. Deshalb lassen sie ihre Zinsen auch aktuell auf einem historischen Tief. Die Europäische Zentralbank hofft, dass ein Teil des geschöpften Geldes doch noch als Kredite an Firmen geht und damit die Wirtschaft wieder in Gang bringt.

Die Geldschöpfung war also höchstens eine Voraussetzung für die vielen Blasen – denn allein schon die Ungleichheit hat grosse Vermögen geschaffen, die nach Anlagen suchen. Die Ursache liegt jedoch in der Ungleichheit. Die Ungleichheit ist keine Frage, über die sich Huber gross den Kopf zerbrochen hat. «Ich vermute», entgegnet er, «dass ich Ihnen zustimmen würde.» Falls diese Erklärung zutreffe, stelle sich allerdings die Frage, warum sie zugenommen habe. Er ist überzeugt, dass die Geldschöpfung einen Grossteil der Schuld trägt.

Huber stellt damit eine gängige Sichtweise auf den Kopf: Je grösser das Kapitalangebot, desto kleiner ist die Rendite, die die InvestorInnen dafür erhalten. Und wie der französische Ökonom Thomas Piketty in seinem neusten Werk «Le capital au XXIe siècle» belegt, sind die Kapitaleinkommen der zentrale Treiber der Ungleichheit. Es ist kein Zufall, dass Milton Friedman, der am «Chicago Plan» beteiligt war, auch später, als er zum Vordenker des Neoliberalismus wurde, für eine Beschränkung der Geldmenge war. Dagegen haben KeynesianerInnen stets für tiefe Zinsen plädiert, weil Firmenkredite die Beschäftigung fördern.

«Eine Frage der Gerechtigkeit»

Im heutigen Finanzkapitalismus, sagt Huber wohl zu Recht, sei das nur ein Teil der Wahrheit. Gehe das viele Geld statt an Firmen in Wertpapiere, steige deren Wert, wodurch die InvestorInnen viel Geld verdienten. «Diese Finanzialisierung der Wirtschaft kann man in der Analyse nicht aussen vor lassen.» Anzufügen wäre: Nachdem die Finanzblase 2008 zu platzen drohte und die Staaten die Schulden übernommen haben, muss nun die Bevölkerung die Schulden abzahlen: Sozialgelder werden gekürzt, Löhne gesenkt, Stellen gestrichen.

Huber nennt ein weiteres Argument: Heute würden die Zinsen des neu geschöpften Gelds an die Banken gehen. Im Vollgeldsystem gingen sie an die Zentralbank. Mit diesem Geld könnte der Staat Ungleichheit bekämpfen. «Es geht auch um eine Frage der Gerechtigkeit», sagt Huber. Er komme aus einer Generation, die vielleicht nicht gerade Utopien, aber zumindest grössere Gesellschaftsentwürfe vor Augen gehabt habe. Er sei nicht zufällig an der Uni St. Gallen bei Professor Ota Sik gelandet, Mitinitiator des Prager Frühlings von 1968, der für eine Demokratisierung des Kapitalismus plädierte.

Vielleicht ist es jedoch auch kein Zufall, dass sich Sik nie für Hubers Vollgeldideen interessierte. Im heutigen Zeitalter des Schuldenkapitalismus sehnen sich die VollgeldreformerInnen nach dem guten alten Kapitalismus zurück. Einige soziale Übel würden sich mit ihm wohl tatsächlich in Luft auflösen, doch lange nicht alle.

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