Polizei : Hier wird mit Schwung gearbeitet

Nr.  17 –

Hitzkirch ist das Herz der zentralisierten Schweizer Sicherheitsindustrie. An der Interkantonalen Polizeischule werden AspirantInnen auf ihre künftige Tätigkeit vorbereitet. Ein Besuch.

Allein schon das zischende Geräusch hilft beim «Frontdienst»: PolizeischülerInnen bei einer Übung mit dem Teleskopstock.

Es ist eine Atmosphäre wie im Vorraum einer Turnhalle: Es wird laut geschwatzt, man zieht sich um und legt die Kleider in ein Schliessfach. Doch etwas bricht das Bild: Fast alle, die sich im giftgrün gestrichenen Raum vorbereiten, sind über 1,80 Meter gross, in Kampfstiefeln, mit Pistolenhalftern um die Hüften und fetten weissen Lettern auf dem Rücken: «Polizei». Skeptische Blicke der gut zwei Dutzend PolizeischülerInnen treffen die ununiformierte Delegation, und es wird herausfordernd gegrüsst.

Die AspirantInnen der Interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch (IPH) machen sich gerade parat fürs Schiessen. Heute ist die Maschinenpistole auf dem Stundenplan. Zuerst üben sie im Schiesskeller die Grundstellungen. «Die Waffe manipulieren» heisst das in der Polizeisprache. Einer «manipuliert» mit einem verletzten Bein. Mit viel Mühe hievt er sich jeweils vom Boden wieder hoch in den Stand. Nach unzähligen Trockenübungen wird die Waffe schliesslich entsichert.

Der Ausbildner gibt das Kommando: «Schusswaffeneinsatz!» Die SchülerInnen schiessen auf die schwarze Silhouette eines Mannes, der in ihre Richtung zielt. Sie schiessen diesem mitten in die Brust. Die Wände erzittern. Bei jedem Schuss sticht eine Flamme aus dem Lauf. In hohem Bogen fliegen Patronenhülsen durch den Raum. Nach drei Schüssen wird die Maschinenpistole wieder gesichert. Feiner Rauch steigt aus dem Gerät. «Ich liebe es», sagt einer der Schüler zu seinem Kollegen in Anlehnung an den Werbespruch eines Fastfoodkonzerns. Schliesslich werden die Waffen entladen, und der Ausbildner gibt das Kommando zum «Kanonenputzen».

Nur wer will, kriegt den Schlagstock

Eine Etage höher im schicken IPH-Neubau wird in einer Turnhalle mit Schlagstöcken geübt. Neonröhren tauchen die SchülerInnen in ihren Trainerhosen in grelles Licht. Der Boden ist mit rosaroten Gummimatten ausgelegt, wie in Kinderspielecken. Der Ausbildner erklärt den Einsatz des «GES», des geraden Einsatzstocks. Das ist ein schwarzer, gut vierzig Zentimeter langer Teleskopeisenstock. Mit dem könne man gut «mit Schwung arbeiten», sagt er. Und schon zischen die Stöcke auseinander. Der Ausbildner schwärmt, allein schon dieses bedrohliche Geräusch helfe extrem beim «Frontdienst».

Die SchülerInnen bewegen sich synchron wie ein Fischschwarm durch die Halle. Sie üben eine Verteidigungsposition: Mit senkrechtem Stock schieben sie ein imaginiertes Gegenüber von ihrem Brustkorb weg, dann werfen sie den Stock zu Boden, ziehen ihre rote Gummiwaffe aus dem Halfter und zielen auf das Phantom. Auf Kommando stecken sie die Waffe wieder zurück und sammeln ihre Stöcke auf. Die Teleskopverschlüsse rasten klickend ein.

Tragen PolizistInnen im Dienst einen Stock, muss sichergestellt sein, dass sie mit diesem umzugehen wissen. Im Kanton Bern wird der Stockeinsatz jedes Jahr getestet. Das Tragen eines Stocks ist freiwillig: Wer diesen gerne benutzt, behält ihn und macht den Test. Wer es leid ist, gibt ihn ab. Das heisst auch: Mit Stock zuschlagen darf also nur, wer dies will und es vorher geübt hat. An einer Wand der Turnhalle hängt ein Plakat mit den verschiedenen Eskalationsstufen für den Stockeinsatz. Darauf sind auch die Tabuzonen für Schläge abgebildet: Auf Wirbelsäule, Brustbein, Kopf und Hals darf nur geschlagen werden, wenn sich die PolizistInnen in Lebensgefahr befinden.

Wie im Pfadilager

Zeitweise sind über 300 PolizeischülerInnen in der 4800-Seelen-Gemeinde Hitzkirch im Luzerner Seetal in der Ausbildung, darunter auch angehende BahnpolizistInnen. Die SBB bezahlen der IPH pro Person 46 000 Franken für die einjährige Ausbildung. Auch die Securitas-Mitarbeitenden benutzen für ihre mehrwöchigen Kurse die IPH-Infrastruktur. Seit hier 2007 die grösste der acht Schweizer Polizeischulen eröffnet wurde, habe der dorfeigene Coop deutlich weniger Ladendiebstähle zu vermelden, erzählt ein Vertreter der IPH. Das glaubt man gern.

Auch an diesem Donnerstagmittag Ende Februar ist das Städtchen fest in der Hand der Polizei. Überall SchülerInnen, die mit ihrem Mittagessen durch die Gassen schlendern. Polizei, Securitas und Bahnpolizei – Hitzkirch ist das Herz der zentralisierten Schweizer Sicherheitsindustrie, und die IPH will keine leeren Betten. Gut 120 000 Franken pro PolizistIn kostet die SteuerzahlerInnen die einjährige Ausbildung insgesamt; Lohn für die PolizistInnen, Laptop und die Übernachtung in der seminareigenen Zwei-Sterne-Unterkunft inklusive. Diese ist wie die Klassenzimmer in einem ehemaligen LehrerInnenseminar einquartiert. Der Blick aus dem Fenster fällt bei guter Sicht auf Titlis, Pilatus und den nahe liegenden Baldeggersee. Im Sommer wird auf dem Vorplatz während zweier Wochen in einem grossen Wok gekocht. Hört man dem Verantwortlichen der IPH zu, klingt das Leben an der Schule wie ein Pfadilager – nur ohne Zelte und Aufsicht.

Keine Aggressiven oder Ängstlichen

Nur eineR von fünf BewerberInnen für die Polizeiausbildung schafft es bis an die IPH. Zwei davon fallen im Durchschnitt durch die Prüfungen in Allgemeinwissen, Sport und Deutsch. Vor allem letztere zwei Fächer machen den BewerberInnen die grössten Probleme. Die andere Hälfte wird bei den psychologischen Abklärungen ausgesiebt. Ruth Locher vom psychologischen Dienst der Kapo Bern untersucht mit ihren Mitarbeitenden mittels Intelligenztest, Persönlichkeitsfragebogen und schliesslich durch ein persönliches Gespräch die psychologische Eignung der BewerberInnen. Wichtig dabei sind Sozialkompetenzen wie Durchsetzungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit, Kontaktfreudigkeit und Teamorientierung. Diese werden unter anderem in Rollenspielen geprüft.

Am Ende entscheiden die PsychologInnen zusammen mit dem Personaldienst und uniformierten PolizistInnen, ob jemand an die IPH kann. «Wenn jemand beispielsweise nicht zuhört, aggressiv auftritt oder gar Angst vor dem Gegenüber hat, wird er von uns keine Empfehlung für die Polizeiausbildung erhalten», erklärt Locher. Gewisse Kommunikationsfähigkeiten sollen die SchülerInnen während der Ausbildung erwerben oder vertiefen können. Wie sich jemand später in Uniform verhält, kann aber auch Locher nicht vorhersagen. Die Uniform habe nur schon deswegen einen Einfluss auf das eigene Auftreten, weil man vom Gegenüber auch anders wahrgenommen werde. Das sei auch bei Spitalangestellten oder anderen Uniformierten so. Darum würden die PolizeischülerInnen die Wirkung ihrer Uniform an der IPH lernen. Die Abklärungen des Psychologischen Dienstes sind lediglich Momentaufnahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. «Am besten wäre es für uns, zu sehen, wie die Leute im Praktikum agieren», meint Locher, «doch das wäre ein riesiger Aufwand.»

Naiv und vernünftig

Vor der nächsten Unterrichtseinheit bleibt Zeit, um mit PolizeischülerInnen zu reden. Dafür musste die WOZ neben der Einwilligung der IPH ausserdem die des Korps der Berner Kantonspolizei einholen. Sie stellt hier die grösste Gruppe der elf Konkordatskantone. Schliesslich waren von 42 Berner SchülerInnen vier zu einem Gespräch bereit. Drei davon konnten wir treffen, darunter auch Patrick Grossenbacher.

Der 25-jährige Emmentaler war Logistikassistent, wechselte in den Rettungsdienst und bestand im zweiten Anlauf schliesslich den Einstufungstest für die Polizeischule. Auf Partys klopften seine KollegInnen manchmal Sprüche über seine Entscheidung, das bringe ihn jedoch nicht aus der Ruhe. Polizei- und Feuerwehruniformen hätten ihn schon als kleinen Buben beeindruckt, und er habe den Dorfpolizisten bewundert. Und heute? Wie denkt er über die Polizeiarbeit? Den Ernstfall? Er hoffe, nie den Abzug seiner Maschinenpistole betätigen zu müssen. «Bevor ich das täte, würde ich mir Diverses durch den Kopf gehen lassen.» Aber vielleicht sei es auch besser, wenn man nicht zu viel darüber nachdenke.

Die 36-jährige Sonja Springer kam durch ihre beste Freundin zur Polizei. Kann sie sich vorstellen, als Polizistin randalierenden Fussballfans gegenüberzustehen? «Es ist unser Job, die polizeilichen Schutzgüter und die Bürger zu schützen», sagt sie kühl. «Wir müssen dort präsent sein. Angst habe ich keine.» Sie wirkt während des Gesprächs etwas nervös und verschlossen. Als Polizistin möchte sie in erster Linie den Leuten helfen können, sagt sie noch, und als Frau spüre sie in Hitzkirch keine Widerstände, sie und ihre Kolleginnen seien sehr gut integriert.

Unser dritter Gesprächspartner ist André Zumbrunn. Der Dreissigjährige sieht bei der Polizeiarbeit zwei Seiten: Auf der einen Seite könne man den Leuten helfen, doch dabei müsse man manchmal auch in ein Rechtsgut von anderen Menschen eingreifen. «Für die einen ist man dann der Gute und für die anderen der Böse.» Wie hat sein Umfeld auf seine Entscheidung reagiert, Polizist zu werden? «Die meisten sagten, es komme sehr auf den Menschen an und zu mir passe es.» Das kauft man dem ehemaligen Militärpolizisten durchaus ab. Er sieht sich selbst mehr draussen «im Dienst» und wünscht sich Kontakt mit Menschen. Und wenn es brenzlig wird, zum Beispiel mit RandaliererInnen? Zumbrunn zögert: «Ich bin noch nie dort gestanden und weiss nicht, wie das ist.» Man wolle zwar die Konfrontation nicht, doch wenn ein Rechtsgut Dritter gefährdet sei, müsse man etwas tun. Der Familienvater spricht reflektiert, Augenmass und gesunder Menschenverstand scheinen für ihn genau so zur Polizeiarbeit zu gehören wie Pistolen und Schlagstöcke.

Am Nachmittag geht es zurück zum Ausbildungszentrum. Hinter dem mit Maschendrahtzaun gesicherten Gebäude steht eine Dorfattrappe. Hier gibt es eine Bank, eine komplett eingerichtete Wohnung zur Übung von Einsätzen bei häuslicher Gewalt und eine Tankstelle. Vor Letzterer versammelt sich ein Dutzend PolizeischülerInnen zum Handlungstraining «Straftaten gegen das Vermögen / Sachbeschädigung». Drei von ihnen werden weggeschickt, damit sie unvorbereitet auf die Übungssituation stossen.

«Heitere Beck!»

Im Innern der Tankstelle steht ein Flipchart, auf den jemand einen Stinkefinger gezeichnet hat und darüber ein «ACAB» (All Cops Are Bastards). Zwei der Aspiranten tragen inzwischen Zivil. Die Übung kann beginnen: Der «Zivilist» geht um ein parkiertes Auto herum und bricht den Rückspiegel und die Antenne ab. Die drei PolizistInnen kommen dazu und fragen, was er da tue. Er murmelt etwas von «Fussball spielen». Aus der Tankstelle kommt der andere «Zivilist» im Blaumann, wirft seine Einkäufe zu Boden und ruft: «Heitere Beck!» Anscheinend wird sein Auto gerade von einem Jugendlichen demoliert. Die drei PolizistInnen machen sich an die Arbeit. Sie trennen die beiden, nehmen die Personalien auf, erklären ihnen ihre Rechte. Sie wirken dabei noch sehr unsicher, die Szene erinnert an Laientheater. Dennoch, der Ausbildner ist mehrheitlich zufrieden und erklärt in unmilitärischem Ton, was sie verbessern können. 

Am Vorabendhimmel über Hitzkirch kreisen nun drei Mäusebussarde. Der Besuch an der interkantonalen Polizeischule geht zu Ende. Fast fünf Monate hatte es gedauert, bis die Visite zustande kam. Einen ersten Termin hatte die Berner Kantonspolizei kurzfristig abgesagt. Und für den zweiten entsandte sie zur Begleitung des Journalisten extra ihren Ausbildungsverantwortlichen und den Kommunikationschef, der alle Zitate vorab lesen wollte.