«Cyclope» : Big Business mit dem Schrott des grossen Künstlers

Nr.  19 –

Das Spektakel «Cyclope» beeindruckt als gelungene Hommage an Jean Tinguely. Dessen Kunst wird dabei bis ins Letzte dermassen durchkommerzialisiert, dass trotzdem ein schaler Nachgeschmack bleibt.

Es ist, als wäre Serafins Wundermaschine aus dem Kinderbuchklassiker von Philippe Fix zum Leben erwacht: Auf der Bühne entfaltet sich ein visuelles und akustisches Schauspiel, das mit einer Mischung aus anarchischem Charme und tollkühner Akrobatik fesselt. Als «Spektakel frei nach Jean Tinguely», so wird «Cyclope» nach zweimonatiger Spieldauer noch immer auf allen Kanälen angepriesen. Rund 25 000 Personen haben es bislang auf der eng bestuhlten Tribüne in der gigantischen Sulzer-Halle 52 in Winterthur verfolgt. Keine Frage: Auch dem 1991 verstorbenen Schweizer Künstler hätte das Spektakel gefallen. Seine kommerzielle Ausschlachtung indes wohl weniger.

Magie der Kunst

Als Hommage an Tinguely überzeugt «Cyclope». Die 17 Meter hohe Bühnenplastik, die im Verlauf der Show ein bizarres Eigenleben entwickelt, ist mehr als eine oberflächliche Reverenz an das begehbare, über 22 Meter hohe Original «Le Cyclop» im Wald Milly-la-Forêt nahe Paris. Konstruiert aus Stahl, Alteisen, umfunktionierten Werkstücken und ausrangiertem Industrieschrott, also Materialien, wie sie Tinguely für die allermeisten seiner Maschinenplastiken verwendete, erinnert die Bühnenplastik auch an die gigantischen Stahlmaschinen, die einst in dieser Industriehalle standen.

Was in Winterthur innert neunzig Minuten entsteht, dauerte in Milly-la-Forêt ein Vierteljahrhundert – Jean Tinguely sollte die Vollendung 1994 nicht mehr erleben. Wie zahlreiche seiner Werke war auch «Le Cyclop» eine künstlerische Gemeinschaftsarbeit, an der sich unter anderen seine Frau Niki de Saint Phalle und der Eisenplastiker Bernhard Luginbühl beteiligten. Diesen Gemeinschaftsgeist atmet auch der Zyklop auf der Bühne, der von den ArtistInnen zum Leben erweckt wird.

Das Kinetische in Tinguelys Kunst wird dabei transformiert in Akrobatik: Zwölf ArtistInnen tänzeln, springen, schrauben, wirbeln und überschlagen sich tollkühn vor, auf, in und über der Eisenplastik in einer Choreografie, in der diverse Darbietungen ineinandergreifen wie die Rädchen eines unsichtbaren Getriebes. Und wie sich die Schrottplastiken des Schweizer Künstlers im Verlauf ihrer scheinbar sinnlosen Bewegungsabfolgen zu eigentlichen Klangmaschinen wandeln, so begleitet auch den Aufbau des Zyklopen ein experimenteller Musikteppich: Die Mechanik klappert, scheppert, quietscht, kreischt, ächzt und stöhnt – und die Geräusche entstehen oft nicht etwa in den elektronischen Instrumenten, sondern in der Kehle des Stimmakrobaten Bruno Amstad.

Selbst die Explosionen aus Tinguelys Frühwerk blitzen hie und da auf, ebenso wie die Spielereien mit Wasser aus den späteren Jahren wie zum Beispiel beim Fasnachtsbrunnen in Basel.

Jean Tinguely war indes nicht einfach ein verspielter, er war auch ein anarchischer Geist: Mit seinem Werk sprengte er immer auch Konventionen, kritisierte damit die Kommerz- und Konsumgesellschaft. Als Mitglied der Fasnachtsclique Kuttlebutzer kämpfte er mit politischer Aktionskunst gegen den etablierten Basler Filz. In seine kinetischen Maschinen baute er Wegwerfprodukte der Konsumgesellschaft ein und untergrub damit ihren ursprünglichen Zweck – ein Akt, den Tinguely explizit als Kritik an der Produktion unnützer Dinge begriff, wie in «Le Safari de la Mort Moscovite», einem zwar schrottreifen, aber noch fahrtauglichen Auto, das er zum Todesgerippe umgestaltete.

Magie des Konsums

Da mutet die perfekt geölte Kommerz- und Konsumindustrie hinter dem «Cyclope» in Winterthur an wie bittere Ironie auf Tinguelys künstlerische Intentionen. Das Spektakel ist ein von A bis Z durchgestylter Megaevent. Dahinter steht das Produzentenduo Darko Soolfrank und Guido Schilling, das sich mit Musicals für das breite Publikum wie «Space Dream» und «Ewigi Liebi» ganz dem Showbusiness verschrieben hat. Soolfrank kommt ursprünglich aus dem Marketing, Schilling aus dem Managementconsulting. Für «Cyclope» haben sie eigens eine auf Entertainment spezialisierte PR-Agentur, die Showhouse AG, engagiert.

Konsum und Geld repräsentieren auch die Sponsoren, die nicht nur mit fantasievoll-exklusiven Bezeichnungen wie «presenting sponsor» (Coop) auftreten, sondern auch vor Ort in der Sulzer-Halle in Winterthur omnipräsent wirken dürfen: Coop verteilt Schöggeli und verkauft Glace, die Hauptsponsoren Nationale Suisse und Raiffeisen haben Fässer mit Gummibärchen und Salzgebäck, verpackt im jeweiligen Firmenlogo, aufgestellt. Gross prangt auch der Sponsorname über der Miniausstellung zum Werk von Tinguely. Und klar gibt es diverse Artikel wie Armbänder, Tassen und T-Shirts mit dem «Cyclope» zu kaufen.

Das alles hat seinen Preis. Wer keine Coop-Supercard besitzt, mit der es donnerstags dreissig Prozent Rabatt gibt, muss tief in die Tasche greifen: Ein Ticket kostet zwischen 69 und 109 Franken, für Kinder zwischen 41 und 65 Franken – ohne Buchungsgebühren. Die Hommage an Jean Tinguely verwandelt sich so zur kapitalistischen Vereinnahmung von Künstler und Publikum.

«Cyclope» wird bis zum 25. Mai 2014 täglich ausser montags in der Sulzer-Halle 52 in Winterthur aufgeführt; ab 10. Juli bis Ende September 2014 als Open-Air-Spektakel in Basel am Klybeckquai. www.cyclope2014.ch