Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Liebe in Zeiten des Prekariats

Von Florian KellerMail an AutorIn

Wie kommt man vorwärts im Leben? Der Skater Vincent (Nahuel Perez Biscayart) hat seine eigene Antwort darauf, er malt sie auf seine Turnschuhe. Den linken Schuh schreibt er mit «Left Foot» an, den rechten mit «Right Foot». Als müsste er sich permanent daran erinnern: So kommt man vorwärts, indem man einfach immer einen Fuss vor den anderen setzt. Man sieht schon, wir haben es hier mit einer Generation zu tun, die keine Lust darauf hat, irgendeinen Ehrgeiz nach einer bürgerlichen Existenz zu entwickeln. Oder aber sie macht es wie Marie (Agathe Schlencker), die Freundin von Vincent. Die sucht eine Abkürzung auf ihrem Weg aus dem Prekariat, indem sie sich dort anschmiegt, wo das Geld ist. Also bei einem Clubbesitzer, dem sie bald auch ihren Körper vermietet. Der Preis dafür: Selbstekel.

Obacht, grosses Talent! Germinal Roaux heisst der 38-jährige Autor und Regisseur von «Left Foot Right Foot», er kommt von der Fotografie, und das sieht man seinem mit zwei Schweizer Filmpreisen ausgezeichneten Erstling jederzeit an. Da flirren schon die ersten Bilder (Kamera: Denis Jutzeler) fast wie bei Terrence Malick, aber in Schwarz-Weiss: Stare schwärmen am Himmel, die Sonne leuchtet durchs Laub. Und nur weil der folgende Film an den sozialen Rändern spielt, verpflichtet das den Regisseur ja noch lange nicht zu einer realistischen Milieustudie à la Gebrüder Dardenne.

Hier meldet sich ein ungeheuer begabter Stilist, der seinen Willen zur poetischen Überhöhung so ungeniert ausspielt, wie man das viel zu selten sieht in einem Schweizer Spielfilm. Alles sehr souverän also. Nur schade, dass das Drama hinter der Form zurückbleibt, weil die Figuren wie nach Schablone gezeichnet sind. Allen voran Mika, der autistische Bruder von Vincent: Dimitri Stapfer spielt ihn wie eine hilflose Naturgewalt, aber sein Mika bleibt ein reiner Funktionsträger, der nur zu dramaturgischen Zwecken hergekarrt wird – ein nützlicher Idiot, der dann auch als Katalysator für die finale Eskalation wirkt.

Ab 15. Mai 2014 in den Kinos.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch