Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Schwarze Madonna, weisse Pracht

Ein Flüchtlingsdrama als urchristliches Krippenspiel? In seinem neuen Film stilisiert Germinal Roaux ein äthiopisches Flüchtlingskind zur Marienfigur in den Schweizer Alpen.

Von Barbara Schweizerhof

Gefrieratmosphäre mit Eselchen: Kidist Siyum Beza als Fortuna. Still: Praesens-film

Trotz des Wetters fühlt man sich in «Fortuna» von den ersten Momenten an wohl. Meterhoch liegt der Schnee rund um das Hospiz in den Bergen, aber im Stall, wo die junge Äthiopierin Fortuna (Kidist Siyum Beza) die Hühner füttert, rumpelt gemütlich der Holzofen. In fremder Sprache flüstert das Mädchen vor sich hin, die Kamera folgt ihm über den Hof, zeigt es in Nahaufnahme im leisen Zwiegespräch mit einem Küken und später mit einem Eselsfohlen. Das alles in Schwarzweiss, besser gesagt, in so fein abgestuften Grautönen, dass manche Bilder fast schon wie ein Relief anmuten.

Regisseur Germinal Roaux («Left Foot, Right Foot») positioniert seine dunkelhäutige Protagonistin gerne in Kontrast zum umliegenden Schnee, zu den weissen Daunen des kleinen Kükens und dem hellen Fell des Esels. Das wirkt weniger manieriert, als es die Beschreibung zunächst nahelegt. Man hört keine Filmmusik, nur die Tritte im Schnee, den leisen Wind, das Atmen und das Rascheln der Heldin. So sorgfältig ist das alles gestaltet und gleichzeitig so wirklichkeitsnah, so archaisch und doch so aktuell, dass man von der nahtlosen Verbindung von Kunst und Realismus völlig gebannt ist. Und damit zur Einfühlsamkeit bereit.

Das Mitgefühl wird bald gebraucht. «Ich habe ein Problem, hilf mir», flüstert Fortuna im Gebet vor sich hin. Man ahnt, worum es geht, lange bevor es ausgesprochen wird: Die Vierzehnjährige ist schwanger. Sie ist ein Flüchtlingskind fern der Heimat, Teil einer kleinen Gruppe von Asylsuchenden, die von einem pittoresk abgeschiedenen Mönchshospiz in den Schweizer Bergen aufgenommen wurden. Kindsvater Kabir, ein mindestens zehn Jahre älterer Landsmann, zeigt kein Verständnis: Warum sie ihm solche Schwierigkeiten mache, klagt er. Man würde ihn anzeigen und ihr das Kind wegnehmen, sie solle es wegmachen. Fortuna ist verzweifelt.

So schön und so traurig

In Rückblenden sehen wir Fortuna noch sorglos mit Kabir, beim Tanzen auf einer Party – zwei Menschen im Exil, die beieinander ein Stück Heimat finden. Als er verschwindet, trauert Fortuna ihm nach. Den Andeutungen des Arztes, Kabir habe anderswo Frau und Kinder und sei kein ganz anständiger Kerl, will sie keinen Glauben schenken. Stattdessen macht sie sich auf, das Problem auf ihre Weise zu lösen: Sie will ihr Alter ändern lassen.

Germinal Roaux, der von der Fotografie herkommt, schafft in seinem zweiten Spielfilm eine derart dichte Atmosphäre, dass man lange, allzu lange bereit ist, der Geschichte ohne Einsprüche zu folgen. Es ist auch einfach alles zu schön, zu traurig und stimmungsvoll: die Berge und der Schnee, die Hühner und das Eselchen, dazu der feierliche Ernst der von Bruder Jean (Bruno Ganz) angeführten Mönche, die an einer Stelle durchaus kontrovers diskutieren, ob sie weiterhin Flüchtlinge aufnehmen wollen.

Aber dann gibt es eine Stelle, an der das eigenartige Framing von Roaux’ Geschichte doch störend hervorsticht. Da wirft Bruder Jean dem Arzt (Patrick D’Assumçao) vor, dass er Fortuna zur Abtreibung geraten habe. Der Arzt hat es gut gemeint, er denkt, dass Fortuna ohne Kind viel bessere Chancen habe, sich hier zu integrieren. Dagegen plädiert der Mönch dafür, die Entscheidung Fortuna – die das Kind behalten will – zu überlassen: Man müsse vertrauen, dass sie am besten wisse, was ihr guttue.

Der Arzt als Kleingeist

Es ist eine sehr zivile Diskussion, aber zum einen irritiert, dass einmal mehr zwei Männer das Wohl und Weiterleben einer Frau definieren. Und zweitens stösst die Umkehr auf, mit der hier der katholische Mönch als Advokat von «Pro Choice» auftritt und dabei das Gegenteil meint, während der liberale Arzt wie der Kleingeist erscheint, der den Abbruch erzwingen möchte. Nicht, dass das im realen Leben nicht so sein könnte, aber im Rahmen von Roaux’ hochästhetischer, delikater Gestaltung bekommt es ein völlig unpassendes Gewicht.

Einmal irritiert, nimmt man dem Film seine vorgebliche Spiritualität und auch sein Anliegen, auf das Schicksal der Flüchtlinge hinzuweisen, nicht mehr ganz ab. All die «urchristlichen» Anspielungen, die Roaux benutzt, wie den Stall, die Krippe und die um Aufnahme bittende Schwangere: Ist das nicht bloss Dekor für eine Art moderne Madonnendarstellung, die, ausser dass sie vage an unser aller Mitgefühl appelliert, dann doch nichts wirklich wissen will über eine vierzehnjährige Äthiopierin? Wenn ihn Fortuna als Person interessieren würde, müsste der Regisseur da nicht auch mehr Ambivalenz zeigen, was die sexuelle Beziehung einer so jungen Frau mit einem viel älteren Tunichtgut angeht? Viel zu dürftig wird das hier wegerklärt mit dem Verliebtsein eines Mädchens, das sich nach Heimat sehnt.

Mag sein, dass solche Zweifel nicht zuletzt für den Autor wie eine mutwillige Fehlinterpretation wirken. Er meint es ja sicher gut, gerade im Anliegen, sich nicht in einem Einzelschicksal zu verlieren, sondern das «Problem» zu einer Metapher zu verdichten. Doch seine Fortuna wird bei ihm nicht zu einer Person mit einer eigenen Geschichte, sondern zu einem Artefakt der christlichen Ikonografie: einer Madonnenfigur.

Jetzt im Kino.

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